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Panorama

31. Juli 2016 | 00:34 Uhr

Expertenbericht : Nordkirche: Zehn Punkte gegen sexuellen Missbrauch

vom
Aus der Onlineredaktion

Eine Expertenkommission legt einen Bericht zu den Missbrauchsfällen in der Nordkirche vor. Das will die Nordkirche ändern.

Hamburg | Zu Missbrauchsfällen in der evangelischen Nordkirche hat eine Expertenkommission nach den Worten der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs einen „beschämenden und erschütternden“ Bericht vorgelegt. Auf fast 500 Seiten haben Rechtsanwälte und Sozialwissenschaftler Missbrauchsfälle und sexuelle Grenzverletzungen von Pastoren dargelegt. Gleichzeitig geben sie Empfehlungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Institutionen. Der Bericht wurde am Dienstag in Hamburg vorgestellt. Er ist ungekürzt im Internet einsehbar.

Anfanssen, Bedrängen von Jungen und Mädchen, sexuelle Übergriffe gegenüber Konfirmanden: Zwischen 1993 bis 2012 wurden 16 Displinarverfahren oder Vorermittlungsverfahren wegen sexueller Grenzverletzungen geführt - gegen 14 Pastoren. Ihnen wurden konkrete sexuelle Handlungen, in zwei Fällen der Besitz von Kinderpornografie oder problematisches Verhalten in Bezug auf Sexualdelikte anderer Personen vorgeworfen.

Als Konsequenz aus dem Dossier hat die Nordkirche einen Zehn-Punkte-Plan aufgestellt. Was die Nordkirche umsetzen will, klingt oft bürokratisch, soll aber zu einem offeneren Umgang mit Missbrauch und sexuellen Grenzverletzungen führen. Folgende zehn Punkte hat die Nordkirche veröffentlicht:

1. Kirchliches Beschwerdemanagement

Viele Punkte beschäftigen sich mit dem Aufbau von Verwaltungsstrukturen. So befindet sich eine externe Ombudsstelle laut der Nordkirche bereits im Aufbau. Ergänzend soll ein fachlich qualifiziertes Beschwerdemanagement eingerichtet werden.

2. Arbeitsstelle für sexualisierte Gewalt

Die Nordkirche will eine solche Arbeitstelle einrichten, die an der schon bestehenden Koordinierungsstelle Prävention angesiedelt sein soll. Fachleute sollen hier für die akute Krisenintervention qualifiziert werden und Betroffene unterstützen. Die Expertenkommission rät: Die Arbeitsstelle soll mit fünf Mitarbeitern (Psychologen, Erziehungswissenschaftler oder Sozialarbeiter) plus Verwaltungskräfte unabhängig von der Kirchenleitung arbeiten. Ihr sei ein Beirat zuzuordnen, in dem paritätisch externe Fachkräfte und Kirchenvertreter vertreten sind - maximal zehn Personen.

3. Zentrale Meldestelle und Kriseninterventionsteam

Das Experten-Team soll im „Akutfall die Betroffenen und Verantwortlichen vor Ort unterstützen und die Intervention bzw. Soforthilfe für Betroffene übernehmen". Daneben wird es eine Meldestelle für Missbrauchsfälle geben. „Die unmittelbaren Dienstvorgesetzten sollen in Fällen sexuellen Missbrauchs, übergriffigen Verhaltens oder Verstößen gegen die fachlichen Standards der Kinder-und Jugendarbeit keine eigene Ermittlungen durchführen, sondern übertragen dieses Recht auf die Stelle zur Aufnahme dienst-, arbeits- oder disziplinarrechtlicher Ermittlungen“, empfiehlt die Kommission

4. Verpflichtungserklärung und erweitertes Führungszeugnis

Haupt- und Ehrenamtliche sollen zukünftig eine Verpflichtungserklärung für ein grenzachtendes Verhalten abgeben. Außerdem wird ein erweitertes Führungszeugnis vor Neueinstellungen in der Kinder- und Jugendarbeit der Nordkirche verbindlich.

5. Klare Orientierung am Opferschutz

„Die Nordkirche nimmt verstärkt die Perspektive der Betroffenen wahr, um den Opferschutz zu stärken“, heißt es in dem Zehn-Punkte-Plan. So sollen auch sexuelle Grenzverletzungen, die unterhalb der Strafbarkeitsschwelle liegen, generell verankert werden. Die Nordkirche strebt eine „Kultur der grenzachtenden Kommunikation und Klarheit“ an. Konkret bedeutet das, dass die Mitarbeiter Schulungen bekommen - zum Beispiel über den Umgang mit dem Seelsorgeheimnis. Die Nordkirche betont, dass die Schweigepflicht selbst nicht in Frage gestellt wird. Vielmehr gehe es „um die behutsam Klärung gemeinsam mit dem Gesprächspartner, ob es sich überhaupt um ein seelsorgerliches Gespräch handelt“. Gemeinsam mit den Betroffenen soll in einem Fachteam im Einzelfall entschieden werden, ob eine Strafanzeige gestellt wird oder nicht.

6. Verankerung des Kinder- und Jugendschutzes auf Basis der UN-Kinderrechtskonvention

Der Kinder- und Jugendschutz nach der UN-Kinderrechtskonvention soll in die Gesetze der Nordkirche einfließen.

7. Entwicklung eines angepassten Konzeptes der Kinder- und Jugendarbeit

Die Empfehlungen der Expertenkommission sollen in die Schutz-, Handlungs- und sexualpädagogischen Konzepte in der Kinder- und Jugenarbeit einfließen. Zum Beispiel empfiehlt die Kommission, externe Stellen oder der Arbeitsstelle gegen sexualisierte Gewalt in die Verfahrensabläufe zwingend einzubeziehen.

8. Abstinenzgebot

Schon jetzt gilt ein Abstinzengebot in der Jugendarbeit und der Seelsorge: Die haupt- und ehrenamtlichen Kräfte dürfen sich den Jugendlichen, denen sie in ihrer Arbeit begegnen, nicht sexuell nähern. Dieser Punkt soll ergänzend im Dienstrecht und in Arbeitsverträgen als Norm aufgenommen werden.

9. Engagement für längere Verjährungsfristen

Die Nordkirche unterstützt Initiativen für die Verlängerung der strafrechtlichen Verjährungsfristen für sexuelle Übergriffe.

10. Klare Unterscheidung von Dienstaufsicht und Seelsorge

Die Expertenkommission sieht ein Problem in dieser Konstruktion der Nordkirche: Die Pröpste führen die Dienstaufsicht über die Pastoren im Kirchenkreis aus - sind also zuständig für Dienstaufsichtsbeschwerden. Gleichzeitig sollen ihre Mitarbeiter aber auch seelsorgerisch begleiten. „Diese Aufgaben können zu einem unlösbaren Interessenkonflikt führen“, heißt es im Bericht. Denn wenn es um Seelsorge geht, sollen sich die Pfarrer dem Probst anvertrauen. Erzählt also ein Pfarrer im Rahmen einer Beichte von seinem Missbrauch, ist diese Information geheim. Der Vorgesetzte darf sie in keinem Fall an das Landeskirchenamt weitergeben. Die Nordkirche schreibt im Zehn-Punkte-Plan: „Eine klare Unterscheidung von  und Seelsorge geht bereits aus dem geltenden Recht hervor. Dies soll durch Fortbildung und Information noch stärker vermittelt werden.“

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erstellt am 14.Okt.2014 | 16:11 Uhr

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