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Panorama

02. Dezember 2016 | 19:02 Uhr

Der Tod an den Schienen : Nach Unfall in Garding: Diskussion um unbeschrankte Bahnübergänge

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

370 der etwa 900 Bahnübergänge in Schleswig-Holstein sind unbeschrankt. Nach dem tödlichen Unglück im Kirchspiel Garding (Kreis Nordfriesland) ist die Diskussion um die Sicherheit dieser Anlagen voll entbrannt.

Garding | Todesfalle Bahnübergang: 44 Menschen starben bundesweit bei Unfällen an Gleisübergängen im Jahr 2012 (neuere Zahlen liegen noch nicht vor), allein in Schleswig-Holstein kam es zu 13 Unfällen – damit ereignete sich fast jedes zehnte Unglück hier im Norden. Auch auf der betroffenen Strecke Husum-St. Peter-Ording ist in den vergangenen Jahren immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Zug und Pkw an unbeschrankten Übergängen gekommen ist. So weist allein das Archiv der Husumer Nachrichten zwischen 2003 und 2013 zwölf Unfälle aus. Oft hatten die Autofahrer Glück und blieben unverletzt. Aber es hat auch Tote gegeben, wie im November 2003 bei Ingwershörn, im September 2005 bei Witzwort, 2007 bei St. Peter-Ording und zuletzt 2012 am selben Bahnübergang.

Immer wieder fordern Anwohner und Verkehrsverbände, die nur mit Andreaskreuz gekennzeichneten Übergänge besser zu sichern. Auf Anfrage weist die Deutsche Bahn (DB) als Streckenbetreiberin auf die Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO) hin. Demnach sind an eingleisigen Nebenstrecken (wie auf Eiderstedt, wo es allein 73 solcher Übergänge gibt), die mit Geschwindigkeiten von maximal 80 km/h befahren werden, nicht technisch gesicherte Bahnübergänge zulässig. Der Einbau von weiterer Sicherungstechnik wäre dort unverhältnismäßig, so die DB. Bereits jetzt würden DB, Kommunen, Länder und Straßenbaubetriebe rund 500 Millionen Euro jährlich in die Beseitigung von Bahnübergängen und Verbesserung der Sicherungstechnik investieren. Dabei würde allein die DB rund 170 Millionen Euro aufwenden. Zudem seien über 90 Prozent der Kollisionen bundesweit auf das Fehlverhalten von Verkehrsteilnehmern zurückzuführen, nur fünf Prozent gingen auf „technisches oder menschliches Versagen seitens der Deutschen Bahn AG“ zurück.

Der Automobilclub ADAC und der Fahrgastverband Pro Bahn fordern jedoch mehr Sicherheit an den Übergängen und mehr Aufmerksamkeit von den Autofahrern. Ein Zug brauche bei Tempo 100 gut einen Kilometer Bremsweg, um zu stoppen. Für den ADAC gehören vor ungesicherte Bahnübergänge Haltelinien, die Blinklichter abgeschafft. Die würden nur für mehr Unfälle sorgen, so ein Sprecher. Grund: Das Warnlicht irritiere die Autofahrer und habe einen Effekt, wie eine Ampel, die gerade von gelb auf rot umspringe. Signal an die Fahrer: Schnell noch drüber.

Probleme auch bei Schrankenanlagen

Doch auch bei den gesicherten Übergängen in Schleswig-Holstein kommt es immer wieder zu Problemen. So lies sich 2014 die Schranke am Bahnübergang in Klanxbüll (Kreis Nordfriesland) nicht mehr schließen. „Mehrere Züge sind in der Stunde danach ungebremst vorbeigerauscht“, berichtete Anwohnerin Angelika Fritz, die in Sicht- und Hörweite des Bahnübergangs lebt, Schleswig-Holstein am Sonntag. Sie hatte mit dem Handy mehrere Fotos und Videos aufgenommen. Eine Sequenz, die unserer Zeitung vorliegt, zeigt den Syltshuttle, während er mit mittlerer Geschwindigkeit an den geöffneten Schranken vorbei fährt.

Die Bahn bestätigt diesen Vorfall. „Aufgrund eines Drahtseilbruchs konnten die Schranken nicht wie üblich vom Fahrdienstleiter in Klanxbüll geschlossen werden“, sagte Bahnsprecherin Sabine Brunkhorst. Der Defekt sei durch Bahntechniker schnellstmöglich behoben worden.

Die Anlage sichert die Bahnanbindung der Insel Sylt, mehr als 100 Züge pro Tag fahren hier vorbei, und gilt als besonders störanfällig. Und Klanxbüll ist kein Einzelfall – auch in Stedesand (Kreis Nordfriesland) kam es nach Aussagen von Bürgermeister Stephan Koth zu mindestens zwei Vorfällen, bei denen Schranken nicht schlossen und Züge den Übergang passierten. Die Gemeindevertretung habe ein Schreiben an die Bahn verfasst, in dem gefordert wurde, neue Schranken zu installieren. „Es blieb bis heute unbeantwortet“, so Koth. Auch in Keitum kam es 2014 auf Grund einer sich nicht schließenden Schranke zu einem Beinahezusammenstoß.

Ermittlungen laufen

Was zu dem jüngsten Unfall geführt hat, konnte bislang noch nicht ermittelt werden. Laut Bundespolizei schwebt der 66-jährige Fahrer noch in Lebensgefahr. Auch seine Frau, die Mutter der Kinder sowie der Lokführer konnten noch nicht vernommen werden. Er hatte den Wagen bemerkt, die Kollision trotz Hupens und Vollbremsung aber nicht mehr verhindern können. Das Unfallauto wurde von der Staatsanwaltschaft zur weiteren Untersuchung sichergestellt.

Bislang können sich Experten das Unglück nicht erklären. Der Bahnübergang ist mit einem Andreaskreuz gesichert, die Strecke aber in beiden Richtungen gut einsehbar. Es gilt für Fahrzeuge Tempo 20.

Bei dem Zusammenstoß von Auto und Regionalbahn war ein fünfjähriger Junge ums Leben gekommen. Seine Großeltern (66 und 64 Jahre alt), Mutter (36) und Schwester (1) waren schwerverletzt worden. Die Familie aus Hamburg machte Urlaub auf Eiderstedt. Drei der 49 Fahrgäste und der Lokführer erlitten einen Schock, zwölf ein Schleuder-Trauma. Nach Angaben von Gardings Wehrführer Matthias Trapp waren 72 Feuerwehrmänner und gut 70 weitere Rettungskräfte im Einsatz, die nun zum Teil mit den schrecklichen Bildern zu kämpfen hätten: „Wir hatten langen keinen Einsatz mehr, der die Kameraden so betroffen hat.“ Am Unfalltag selbst waren Notfallseelsorger und psychosoziale Betreuer vor Ort. Allerdings können sich die Kameraden auch später jederzeit an eine Service-Hotline des Kreisfeuerwehrverbandes wenden und dort über das Erlebte sprechen, um es zu verarbeiten.

Unterdessen gibt es eine erste Petition gegen die Deutsche Bahn. Auf dem Portal „change.org“ fordert offenbar die Mutter des verstorbenen Fünfjährigen: „Keine unbeschränkten Bahnübergänge mehr!“ Bereits mehr als 1200 Unterstützer haben die Forderung bis zum Sonntagabend unterzeichnet. Niemand im Auto habe den Zug kommen sehen oder kommen hören, schreibt Marzia Plichta. „Ich fordere von der deutschen Bahn alle unbeschrankten Bahnübergänge schnellstmöglich zu beschranken, denn egal was es kostet, jedes weitere Menschenleben ist mehr wert“, sagt Plichta.

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erstellt am 17.Mai.2015 | 12:13 Uhr

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