zur Navigation springen

Panorama

11. Dezember 2016 | 15:02 Uhr

Vermisste Familie aus Drage : Miriam und Sylvia Schulze: Heute vor einem Jahr fing alles an

vom

In einem kleinen Ort an der Elbe verschwindet eine Familie. Der Vater wird kurz darauf tot aus dem Fluss gezogen. Aber wo sind seine Ehefrau und die zwölfjährige Tochter?

Drage | Am 22. Juli 2015 wurde Familie Schulze aus Drage zum letzten Mal gesehen. Seitdem beschäftigt der kuriose Fall die Polizei. Vater Marco (41) wird einige Tage später tot aus der Elbe geborgen. Er hatte sich allem Anschein nach selbst getötet und hatte sich einen 25 Kilo schweren Betonklotz an den Körper gebunden. Doch was ist mit Mutter Sylvia (43) und Tochter Miriam (12)? Die Polizei hat auch ein Jahr nach ihrem Verschwinden keine heiße Spur.

Was passierte vor dem Verschwinden?

Sylvia Schulze fährt zur Arbeit bei einem Discounter, ihr Ehemann Marco holt sich Zigaretten aus einem Automaten. Die zwölfjährige Tochter Miriam ist wegen einer Erkrankung nicht in der Schule. Zusammen mit einer Freundin aus der gepflegten Siedlung will Miriam Reiterferien machen, doch dazu kommt es nicht mehr. „Miriam hat noch gesagt, dass sie nicht sicher sei, ob es klappt“, sagt eine Nachbarin, die Mutter der Freundin. „Die beiden haben sich vor dem Haus über die Schule unterhalten und gelacht.“

Auch sonst sei nichts auffällig gewesen. „Am 22. Juli gibt es kein Lebenszeichen von Miriam mehr“, sagt Hauptkommissar Michael Düker. „Sie dürfte aber noch gelebt haben, weil die Mutter wie immer zur Arbeit geht.“ Miriam habe noch einen Arzttermin gehabt, dort sei sie nicht mehr erschienen. Düker war Leiter der Sonderkommission „Schulze“, mittlerweile wurde sie aufgelöst, alle Spuren waren abgearbeitet.

Am Abend des 22. Juli wird Marco Schulze noch einmal gesehen - er stellt die Mülltonne vor die Tür.

Wann wurde die Familie aus vermisst gemeldet?

Sylvia Schulze hat in Geesthacht gearbeitet. Am 24. Juli meldet der Marktleiter sie als vermisst. Er ist besorgt, die 43-Jährige gilt als absolut zuverlässig. Die Polizei kommt nach Drage, die Haustür wird geöffnet. Portemonnaies und Papiere sind im Haus, ein Abschiedsbrief findet sich nicht. „Miriams Lieblings-Kuscheltiere sind nicht mehr im Haus gewesen“, sagt eine Nachbarin. Schnell und mit großem Aufwand wird nach der Familie gesucht, auch in der Elbe. Taucher, Sonarboote und Hunde werden eingesetzt, auch ein Hubschrauber ist beteiligt. Immer wieder wird im Fluss gesucht, auch Monate später noch.

Was ist über den Tod des Vaters bekannt?

Ein Taucher der Polizei bereitet sich bei Winsen-Drage auf seinen Tauch-Einsatz in der Elbe vor.
Ein Taucher der Polizei bereitet sich bei Winsen-Drage auf seinen Tauch-Einsatz in der Elbe vor. Foto: dpa
 

Wenige Tage später wird der 41-Jährige tot aus der Elbe geborgen, ertrunken, mit einem Betonklotz an den Beinen. „Wir gehen von einem Familiendrama aus“, sagt Düker. „Eine Zeugin hat ausgesagt, dass sich die Frau möglicherweise von ihrem Ehemann trennen wollte. Doch wir haben absolut keine Hinweise auf eine Trennung.“ Einen möglichen Auslöser gibt es, doch darüber darf Düker nicht reden. „Der Tag vor dem Verschwinden war anders als sonst. Irgendetwas hat die Familie bedrückt“, sagte er im Herbst. Die Polizei geht davon aus, dass Marco Schulze seine Frau und seine Tochter getötet hat. Beweise für diese Theorie fehlen allerdings.

Eine Chronologie der Ereignisse:

Vermisste Familie aus Drage: Das ist geschehen

21. Juli (Dienstag): Die Familie besucht nach Angaben der Polizei gemeinsam einen Pferdehof in der Nähe von Drage.
22. Juli (Mittwoch): Letzter Schultag in Niedersachsen. Die Mutter wird das letzte Mal lebend gesehen, an ihrer Arbeitsstelle bei einem Discounter. Die Polizei geht davon aus, dass zu diesem Zeitpunkt auch die Tochter noch lebt.


23. Juli (Donnerstag): Zeugen wollen den Vater am Morgen im Auto der Frau an der Elbe auf dem Weg von Stove nach Drage gesehen haben.
24. Juli (Freitag): Der Arbeitgeber der Frau ruft bei der Polizei an und meldet sie als vermisst. Beamte aus Winsen (Luhe) kommen, das Haus wird wenig später geöffnet.
25. Juli (Samstag): Die Polizei sucht mit Unterstützung der Feuerwehr in Drage weiter nach den Vermissten. Ein Hubschrauber steigt auf.
27. Juli (Montag): Die Polizei geht an die Öffentlichkeit, auch mit Fotos der drei Vermissten. Parallel wird auch mit Hunden gesucht.
28. Juli (Dienstag): Taucher suchen bei Drage an einer beliebten Badestelle nach den Vermissten.
30. Juli (Donnerstag): Eine Sonderkommission wird eingerichtet. Die Zahl der Ermittler wird von 15 auf 25 erhöht. In Winsen wird am Bahnhof das Herrenfahrrad des 41-Jährigen gefunden. Die Polizei richtet eine eigene Hotline für Hinweise ein.


31. Juli (Freitag): In Lauenburg wird ein Ertrunkener geborgen, es ist der vermisste Vater. Die Polizei schließt Fremdverschulden aus.
Noch in der Nacht finden Taucher der Feuerwehr ein Damenfahrrad aus dem Besitz der Familie im Fluss unter der Brücke, von der der 41-Jährige in die Elbe gesprungen sein soll. Rund 50 Polizisten und Feuerwehrleute sind im Einsatz.
1. August (Samstag): Polizeitaucher und ein Sonarboot suchen bei Lauenburg weiter nach der vermissten Frau und ihrer Tochter.
4. August (Dienstag): Die Taucher suchen erneut in der Elbe bei Drage nach der Frau und dem Kind. Mittlerweile sei die Vermutung einer Familientragödie relativ groß geworden, heißt es von der Polizei.
5. August (Mittwoch): Mehr als 100 Polizisten und sechs Leichenspürhunde durchsuchen das Deichvorland bei Drage. Weitere Suchmaßnahmen seien zunächst nicht geplant, heißt es danach - es gebe keine konkreten Anhaltspunkte.
12. August (Mittwoch): Die Polizei sucht in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ nach möglichen Zeugen.

17. August (Montag): Nach einem neuen Hinweis suchen Polizeitaucher am Nachmittag den Seppenser Mühlenteich in Buchholz in Niedersachsen ab.

20. August (Donnerstag): Die Suche in Holm-Seppensen wird ergebnislos eingestellt.

25. August (Dienstag): Die Sonderkommission wird auf drei Mitarbeiter reduziert, später auf einen.

19. Oktober (Montag): Taucher suchen ohne Erfolg die Elbe bei Hoopte ab.

2. November (Montag): Die Polizei sucht am Elbufer bei Geesthacht auf der schleswig-holsteinischen Seite, gefunden wird nichts.

März 2016: Die Sonderkommission wird endgültig aufgelöst.

Ende Mai 2016: Bei Radbruch sucht die Polizei mit Spürhunden, gefunden wird nichts.

29. Juni: 2016: Der Fall ist erneut Thema bei „Aktenzeichen XY ...ungelöst“. 40 Hinweise gehen ein, die von der Polizei ausgewertet werden.

 

Wo wurden Spuren gefunden? Das zeigt unsere interaktive Karte.

 

Im August gibt es einen Hinweis: Der Fall wird in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen ... XY ungelöst“ gezeigt, eine Zeugin meldet sich. Sie will die Familie am 22. Juli an einem kleinen See im Buchholzer Ortsteil Holm-Seppensen gesehen haben. Und tatsächlich finden Suchhunde dort Geruchsspuren, doch nur die des Vaters führen wieder weg. Die Polizei sucht im Wasser und am Ufer, gefunden wird nichts.

 

Unklar bleibt auch, ob Marco Schulze seine Frau und die Tochter dort getötet und dann abtransportiert hat. „Der See ist von Spaziergängern und Joggern stark frequentiert“, sagt Michael Düker. „Es ist schwer vorstellbar, dass jemand hier unbemerkt zwei Menschen töten kann, aber ganz ausschließen können wir es nicht.“

Neun Monate später meldet sich die ältere Tochter von Sylvia Schulze in der Zeitschrift „Closer“ zu Wort. Die 25-Jährige geht davon aus, dass ihr Stiefvater Frau und Tochter getötet hat, bevor er in den Fluss gesprungen ist. Wegen Trunkenheit am Steuer habe er den Führerschein verloren, berichtet sie im Mai. Weil Marco Schulze im Hauptjob in einer Chemiefabrik arbeitete, hätte er zwei Tote spurlos verschwinden lassen können, spekuliert sie. „Wir haben in der Firma Säuren ganz exakt auf Fehlbestände überprüft“, sagt Düker dazu nur.

Wie ist die Situation in Drage heute?

<p>Vor dem Haus der Familie wurden Kerzen aufgestellt.</p>

Vor dem Haus der Familie wurden Kerzen aufgestellt.

Foto: dpa
 

Der schlichte Backsteinbau mit dem schmucklosen Rasen fällt auf in der sonst so gepflegten Siedlung. Am Haus der Familie hat sich kaum etwas geändert. Vor der Tür stehen zwei rote Grablichter, daneben in einem Rahmen zwei Fotos der drei. Eines zeigt Sylvia Schulze und Miriam, die Mutter hat den Arm um das Kind gelegt. In der Ecke klemmt ein kleines Porträt des Familienvaters - zusammen und doch nicht eins. Die Bilder sind verblichen wie die Polizeisiegel an der Tür.

Wie geht es weiter?

Nach Mutter und Tochter wird weiter gesucht. Vermisstenfälle verjähren nicht.  „Es nagt an einem, dass dieser Fall noch immer nicht gelöst ist.“ Dass Miriam und Sylvia Schulze tot sind, hält Krüger zwar für wahrscheinlich. „Solange wir aber die Leichen nicht gefunden haben, bleibt eine theoretische Restwahrscheinlichkeit, dass beide noch am Leben sind.“

Erst vor einem Monat war der Fall zum wiederholten Mal Thema in der Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“. Erneut gingen 40 Hinweise von Zuschauern ein. Viele gaben an, Mutter und Tochter gesehen zu haben, sagte Polizeisprecher Jan Krüger. Es gebe Hinweise für das In- wie auch für das Ausland. Die Ermittler würden diese Beobachtungen nun hinterfragen. Krüger warnte allerdings vor schnellen Schlussfolgerungen. Ob unter den eingegangenen Hinweisen eine heiße Spur sei, das werde jetzt genau überprüft - möglicherweise dann auch mit den zuständigen Stellen im Ausland.

Auch das Haus der Familie bleibt somit verlassen, die Tür mit etlichen Polizeisiegeln verschlossen. Regelmäßig fährt Bürgermeister Uwe Harden daran vorbei. Gegenüber ndr.de erklärte er: „Der Gewöhnungseffekt tritt nicht ein.“ Diese Tragödie sei eine, die uns noch in 20 Jahren beschäftigen werde.

zur Startseite

von
erstellt am 22.Jul.2016 | 11:07 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert