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Panorama

07. Dezember 2016 | 11:47 Uhr

Protokolle aus dem Jugendarrest : Mir ist aufgefallen, dass ich der Böse in der Geschichte war

vom
Aus der Onlineredaktion

Tarik (Name geändert) ist 19 Jahre alt und macht eine Ausbildung zu Koch. Er sitzt im Jugendarrest, nachdem er 15.000 Euro gestohlen hat. So erzählt er seine Geschichte.

Der Diebstahl

Es ging mir nicht um die Straftat, es ging mir nur darum, wegzukommen.

Es ging mir nicht wirklich um den Diebstahl an sich. Ich bin jetzt auszubildender Koch und das ist auf jeden Fall sehr stressige Arbeit. Und nach der Saison war es mir einfach zu viel. Ich war dann so an dem Punkt angekommen, wo ich gesagt habe, ich kann diese Gesichter nicht mehr sehen, ich kann das Essen nicht mehr sehen. Ich muss weg von hier. Aber natürlich: Ich kann nicht einfach ins Auto steigen und wegfahren und nach zehn Kilometern der Tank ist leer oder was weiß ich und da dachte ich, ich brauch ein bisschen Geld um wegzufahren. Natürlich war das eine sehr schlechte Idee.

Ich hab den Safe von meinem Vater dann geleert. Hm, also ich hab vor der Polizei so ein bisschen was anderes ausgesagt, um mich zu retten. Das war schon geplant so. Also ich hab vor der Polizei ausgesagt, das war ne Dings-Tat. Ne Affekthandlung. Aber das war schon geplant. Ich hab absichtlich meinen Vater an dem Abend so ein bisschen alkoholisiert, damit ich ihn nach Hause fahren kann. Damit ich an seinen Safeschlüssel rankomme, weil der Safeschlüssel war an seinem Autoschlüssel dran.

Eine Kollegin hatte Geburtstag und er wollte eigentlich nach Hause. Dann habe ich ihn überredet und immer wieder Runden ausgegeben. Der Barkeeper war mein Freund und ich hab zu ihm gesagt, machst du bei mir nur Cola rein und so, also bei mir keinen Alkohol und bei ihm doppelt und da war er natürlich schnell betrunken. Und dann wollte er fahren und da habe ich gesagt: komm Papa, ich fahr dich. Da hatte ich grad meinen Führerschein. Und dann bin ich zurückgefahren und habe den Safe dann ausgeräumt. Zwischen 15- und 17.000, ich habs nicht genau gezählt. Das waren so viele kleine Scheine. Ich hab auch nicht ganz alles mitgenommen, weil ich dann doch irgendwie so ein bisschen Schuldgefühle bekommen habe, aber es war schon zu spät, die Kameras hatten mich aufgezeichnet. Und ich wusste auch, dass die Kameras mich aufzeichnen.

Der Kumpel, den ich mitgenommen hab, der hats zu Hause nicht so gut. Seine Eltern sind auch so ein bisschen gewalttätig, und er wird nicht ganz so gut behandelt. Er wollte schon immer weg. Er hat dieselbe Strafe wie ich bekommen.

Wir sind erstmal ins Auto gestiegen und dann losgefahren und dann fährt man so ein bisschen die A1 runter und dann fährt man die A7 und dann sieht man so die Schilder: Rostock und Berlin noch 100 Kilometer. Und da wurde mir erst bewusst, was hast du da eigentlich getan? Du sitzt hier und sitzt in diesem Auto, hast knapp 15.000 Euro, und du hast deine eigene Familie bestohlen, hast eine Straftat begangen. Und da wurde einem das erst klar. Und während ich dieses Geld gestohlen habe, war mir das gar nicht richtig bewusst, was ich tue.

Die Sozialstunden

Das Altenheim hat mir Angst gemacht.

Ich hab 35 [Sozialstunden] gemacht. Aber das Altenheim hat mir Angst gemacht. Ich fand es sehr traurig, wie die Menschen da... ich hab mir ein Altenheim ganz anders vorgestellt. Ich war dann da und die meisten liegen nur noch in ihren Betten und werden einfach in den Gang geschoben und stehen gelassen. Wie eine Pflanze, die schon gestorben ist und die nicht mehr gewässert wird, haben sie die einfach dahin geschmissen sozusagen – ich sag's mal sehr grob. Und ich habe mich so ein bisschen gefürchtet. Wenn das mein Schicksal ist, dann würde ich lieber mit 40 sterben oder mit 50 sterben als hier zu landen. Das war wirklich krass. Und außerdem gab's da einen Opa, einen älteren Herrn, der war glaub ich rechtsextrem. Der hat mich immer angegriffen, wenn er mich gesehen hat. Der ist immer auf mich losgegangen, hat mich mit seinem Rollator angefahren und mit seinem Stock versucht zu schlagen. Und er hat gebrüllt, dass ich raus soll, wenn ich in seinem Zimmer war. Das hat mich wirklich psychisch belastet, da diese Menschen zu sehen. Die arbeiten wirklich so 50 Jahre lang und werden ausgequetscht und dann liegen sie da und dann wartet man auf ihren Tod. Das war echt hart für mich, und deshalb wollte ich nicht mehr dahin. Jetzt ins Altersheim, ich werde nicht nochmal dahin gehen. Ich mach das [die Sozialstunden] jetzt im Zoo. Ich weiß nicht, wie die Krankenschwestern und die da arbeiten alle mit diesem Druck klarkommen. 

Der Arrest

Ich denke, das ist genauso der Warnschuss, den man braucht.

Also ich bin jetzt hier, weil ich meine Sozialstunden nicht zu Ende gebracht hab. Wobei man sagen muss: 100 Sozialstunden für so eine Summe ist wirklich eine geringe Strafe, denke ich mal. Die anderen haben noch geringere Straftaten begangen. Es hört sich vielleicht merkwürdig an, aber ich wollte so ein bisschen hierher kommen. Ich habe das dann mit Absicht nicht gemacht, um, ich weiß nicht, ich wollte mich selbst so ein bisschen aufwecken, indem ich hierher komme.

Ich wusste zwar, dass die Tat, die ich begangen habe, schlecht war, aber ich habe mich nicht schlecht gefühlt. Ich habs nicht richtig bereut und ich dachte, vielleicht, wenn ich hierherkomme, wird es anders und es wird mir endlich mal bewusst, dass es falsch ist.

Ich bin zwei Wochen hier insgesamt. Ich bin jetzt hier hinter Gitter, aber ich habe auch hinter Gitter so ein bisschen Freiheit. Die Ganze Verantwortung die ich hab, die hab ich jetzt nicht. Ich muss nicht den großen Bruder spielen. Ich muss nicht den Sohn spielen ich muss nicht der Schüler sein. Klar man hat diese Zeiten: Dann musst du essen, dann musst du das machen. Aber im Grunde fällt alle Verantwortung von einem ab. Dieses moralische oder geistige Gitter hat man hier drin nicht. Wenn ich draußen von hier bin, fühle ich mich trotzdem so ein bisschen gefangen. Deswegen ist das hier so ein bisschen Freiheit für mich auch. Man muss für die Kleinen der Große sein und für die Großen muss man der sein, der Respekt entgegen bringt und noch als Erbe. Da hat man so eine Rolle, die man spielen muss.

Von allen Menschen, die ich liebe, liebe ich mich selbst am wenigsten. Ich hab das Gefühl, man spielt so viele Rollen, dass man sich selbst dazwischen verliert. Ich weiß gar nicht, wer ich bin. Man läuft eigentlich das ganze Leben nur mit Masken rum und das macht mich auch so ein bisschen traurig. Bei anderen Leuten man selbst zu sein, ist eine Illusion. Man selbst ist man nur vor dem Spiegelbild.

Natürlich ist das traurig, wenn man aus dem Fenster guckt und man sieht diese Gitter und man kann nicht machen, was man will, aber es hilft einem, so ein bisschen runterzukommen. Ich hab das hier ganz anders erwartet. Ich bin sehr sehr vorurteilshaft hierher. Ich dachte, das wär hier ein bisschen härter. So ein Klischee: So tätowierte Leute und alle mit breitem Nacken und schwere Straftäter. Ich habe mir auch extra heruntergekommene Klamotten mitgenommen. Also mit Jogginghose würde ich sonst nie rumlaufen. Aber man hat fast schon neue Freunde gefunden.

Ich denke, das ist genauso der Warnschuss, den man braucht. Besonders die Wochenenden, da ist man 23 Stunden drin, eine Stunde kommt man raus. Aber es ist auch sehr menschlich. Es ist ein gutes Gefühl, mal feste Zeiten zu haben. Das kannte ich bisher nicht, da habe ich gemacht, was ich wollte. Diese festen Zeiten, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben und sie gefallen mir sozusagen. Sie schränken mich so ein bisschen ein, klar, aber irgendwie finde ich es gut, mal mit den anderen zu sitzen und zu essen.

Hier hinter diesen Gittern, hoffe ich zu wachsen. Dass ich vernünftig werde. Ich hab schon einiges realisiert. Ich habe realisiert, dass ich vieles von meinem Vater erwarte, das ich selbst nicht biete.

Der Vater

Mir ist aufgefallen, dass ich der Böse in der Geschichte war.

Also, ich geb meinem Vater da gar keine Schuld. Er hat eigentlich alles... Klar, er ist Gastronomie-Vater, er hatte nicht viel Zeit für uns. Er ist morgens um 8 aus dem Haus und nachts um eins wiedergekommen. Aber sonst hat er – uns hat's nie an irgendwas gefehlt. Und deswegen tut ihm das glaub ich auch so weh, dass ich das gemacht hab.

Hätte er uns schlecht behandelt oder geschlagen oder was weiß ich, hätte er gesagt, ok das liegt an mir. Aber grade weil er uns immer alles gegeben hat, zumindest materiell, hat ihn das glaub ich schwer getroffen, dass ich das Geld mitgenommen hab. Es ging ihm auch nicht um das Geld. Ich meine, 15.000 Euro sind für ihn nicht viel. Es ging um die Aktion an sich, dass der eigene Sohn... Wenn das ein Fremder gewesen wäre, hätte er gesagt: Ok das versteh ich. Aber der eigene Sohn. Ich glaube das hat ihn schwer getroffen.

Ich kann ihn nicht deuten. Er ist für mich so undurchsichtig wie ein Wald. Vielleicht liegt es daran, dass man immer der Kleine war. Und nach 18 bis 19 Jahren ist diese Wand einfach zu dick.

Ich hab ihn immer falsch gesehen. Ich dachte immer, er wäre der Böse. Aber mir ist aufgefallen, dass ich der Böse in der Geschichte war. Er trägt so eine ungeheure Verantwortung. Und ich merk das jetzt schon. Ich mache nur ein Prozent von dem, was er macht und es ist schon zu viel für mich. Und er macht das alles und Familie und noch alles unter einem Hut. Wäre ich nicht nach Berlin, hätte ich ihn trotzdem noch als den schlechten Vater gesehen. Aber mittlerweile sehe ich, dass er wirklich ein Mann ist, den man respektieren muss. Schade, dass es mir durch die Straftat klar geworden ist. Aber besser, als wenn es mir gar nicht klar geworden wäre.


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Foto: Tarik
 

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erstellt am 28.Jul.2016 | 06:30 Uhr

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