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Panorama

24. März 2017 | 03:13 Uhr

Buckel- und Finnwalsichtungen : Meeressäuger in SH: Wenn sich Wale in die Ostsee verirren

vom

Die Ostsee ist für Großwale eine eher unwirtliche Gegend. Trotzdem werden auch hier immer wieder Wale beobachtet – auch vor Schleswig-Holsteins Küste. shz.de mit den spektakulärsten Walsichtungen.

Eckernförde | Vor Eckernförde tummelt sich seit einigen Tagen ein verirrter Finnwal. Dabei ist die Ostsee eigentlich alles andere als ein Walrevier. Einzig eine kleine Population von Ostsee-Schweinswalen ist hier zu Hause, denn für Großwale bietet die Ostsee nicht genügend Nahrung. Und trotzdem kommen immer wieder auch größere Arten als Gelegenheitsgäste an die Ostküste Schleswig-Holsteins – weil sie Fischschwärmen folgen oder aufgrund von Störfaktoren wie Industrielärm die Orientierung verlieren. Einige der spektakulärsten Walsichtungen von der Flensburger Förde bis zur Lübecker Bucht:

Der gestrandete Wal: Für Besucher wurde ein Steg an den Körper herangebaut. Das Bild stammt aus dem Archiv des Naturkundlichen Museums Flensburg.
Der gestrandete Wal: Für Besucher wurde ein Steg an den Körper herangebaut. Das Bild stammt aus dem Archiv des Naturkundlichen Museums Flensburg. Foto: Naturkundliches Museum Flensburg

Der Fall eines 1911 vor Westerholz (Kreis Schleswig-Flensburg) gestrandeten Finnwals ist gut dokumentiert und bleibt damit bis heute eine der spektakulärsten Walsichtungen in Schleswig-Holstein. Am 8. März 1911 sieht man das Tier noch in der Flensburger Außenförde, in einer stürmischen Nacht strandet der etwa 20 Meter lange Koloss auf einer Sandbank vor Westerholz und verendet dort, nachdem er durch die kaiserliche Marine vom Zerstörer „Württemberg“ aus beschossen wird. Tausende Schaulustige pilgern fortan mit Sonderzügen und per Schiff an die Flensburger Förde. Das „Waldrama von Westerholz“ findet mit der Zerlegung des Säugers am 1. April 1911 sein Ende.

Der Finnwal „Kielian“ gastiert in der Kieler Förde.
Der Finnwal „Kielian“ gastiert in der Kieler Förde. Foto: dpa

Im Juli 2003 sorgt ein etwa zehn Meter langer Finnwal tagelang für Aufsehen in der Kieler und der Flensburger Förde. Am 6. Juli 2003 wird das Tier zunächst nahe Flensburg gesehen. Dort gastiert der Wal mehrere Tage, frisst sich publikumswirksam im Flensburger Hafenbecken satt und zeigt sich Urlaubern am Ostseebad und in Wassersleben. Tierschützer atmen auf, als der Wal für mehrere Tage untertaucht. Sie nehmen an, dass er sich auf den Weg in Richtung Nordsee gemacht hat. Doch der Koloss biegt noch einmal falsch nach Süden ab – und landet am 28. Juli in der Kieler Förde, wo er bald „Kielian“ getauft wird. Mehrere Tage lang bietet Kielian seinen Gastgebern ein Whale-Watching-Erlebnis direkt in der Innenstadt, bis er rund eine Woche später in der Ostsee verschwindet.

Finnwal „Henry“ zu Besuch in Sonwik.
Finnwal „Henry“ zu Besuch in Sonwik. Foto: sh:z

Als Publikumsmagnet erweist sich auch Finnwal „Henry“, der im August 2006 seine Runden durch den Flensburger Hafen dreht. Am 17. August 2006 schwimmt der Koloss, der zuvor in der Flensburger Außenförde gesehen wurde, sogar bis an die Kaimauer heran. Das rund zehn Meter lange Jungtier war zuvor von seiner Sommerroute, die es eigentlich in die kalten Polargewässer führen sollte, abgekommen. Nach einem Gastspiel beim Segelevent „Flensburg Nautics“ findet Henry den Weg offenbar aus der engen Bucht zurück auf die offene See.

Dieser zehn Meter lange Finnwal überraschte eine Fußgängerin am Strand von Wassersleben.
Dieser zehn Meter lange Finnwal überraschte eine Fußgängerin am Strand von Wassersleben. Foto: dpa

Ein weiteres Jungtier gastiert im März des Folgejahres vor den Toren des Flensburger Hafens. Der etwa zehn Meter lange Finnwal wird am 17. August 2007 zuerst von einer Fußgängerin bemerkt, der ein ungewöhnliches Prusten im Wasser auffällt. Der Meeressäuger schwimmt etwa 100 Meter vom Strand in Wassersleben entfernt in der Ostsee. Später können Beamte der Wasserschutzpolizei das Tier beim Fressen beobachten. Damit hat sich bereits der dritte Finnwal auf seiner Nahrungssuche in die Flensburger Innenförde verirrt.

Abgetaucht: Der Buckelwal in der Lübecker Bucht.
Abgetaucht: Der Buckelwal in der Lübecker Bucht. Foto: sh:z
 

Im Juli 2008 kommt ein Buckelwal auf seiner Reise gen Norden vom Weg ab und landet in der Ostsee. Dort wird er unter anderem in der Lübecker Bucht vor Grömitz und vor Scharbeutz gesehen. Leicht hat es „Bucki“, wie das rund 14 Meter lange Tier von den Medien getauft wird, auf seiner Reise nicht. Er droht zu verhungern, denn eigentlich benötigen Buckelwale im Sommer rund 1,5 Tonnen Krill, um sich genügend Speck für den Winter anzufressen. Doch Nahrung ist in der Ostsee Mangelware. Am 19. August 2008 verliert sich die Spur des gefährdeten Tieres. Umweltschützer nehmen an, dass er es selbstständig zurück auf die richtige Route geschafft hat.

Der Buckelwal wurde Freitag in der Lübecker Bucht gesichtet. Foto: Wüst
Der Buckelwal wurde Freitag in der Lübecker Bucht gesichtet. Foto: Wüst Foto: Peter Wüst

Nur ein Jahr später, im Mai 2009, ist erneut ein Buckelwal in der Lübecker Bucht zu Gast. Der Meeressäuger, der am 8. Mai 2009 in der Lübecker Bucht bei Niendorf gesichtet wird, hielt sich zunächst vor Rügen auf. Auch bei diesem Wal besteht die Gefahr zu verhungern. Doch der mobile Buckelwal ist noch nicht geschwächt – er schafft es recht schnell wieder zurück auf die richtige Route in den Norden.

 

 

Schlechter meint es das Schicksal mit dem agilen Finnwal „Turbo“, der Schleswig-Holstein im Juni 2010 einen Besuch abstattet. Der reisefreudige Meeressäuger zeigt sich innerhalb kürzester Zeit erst in der Eckernförder Bucht und später in der Flensburger Förde. Dort jagt das etwa 15 Meter lange Tier einer Ruderin am 14. Juni 2010 einen gehörigen Schrecken ein, als er in der Nähe ihres Bootes plötzlich auftaucht. Erst sieht es dann so aus, als würde sich das etwa sechs Jahre alte Tier in Richtung Dänemark aus dem Staub machen, doch im dänischen Vejle Fjord kommt es zur traurigen Wendung. Dort strandet Turbo am 17. Juni 2010. Mit Auflaufen der Flut und Unterstützung der Feuerwehr kämpft sich der Wal zunächst wieder frei, doch nur eine halbe Stunde später liegt der Meeressäuger im Hafen von Vejle bei einer Wassertiefe von lediglich 1,10 Meter wieder auf, wo er letztlich verendet.

Das erste Foto des Beluga-Wals vor der Marina Sonwik schoss Stefanie Siegner von der Kieler Wasserschutzpolizei am 14. September. Foto: Siegner
Das erste Foto des Beluga-Wals vor der Marina Sonwik schoss Stefanie Siegner von der Kieler Wasserschutzpolizei am 14. September. Foto: Siegner Foto: Siegner

Ein seltener Beluga-Wal wird im November 2012 zum Stammgast im Flensburger Marinehafen. Der weiße Wal, den die Flensburger Wasserschutzpolizei „Whity“ tauft, verharrt dort über eine Woche. Der Wal, der eigentlich in den subarktischen Gewässern rund um den Nordpol beheimatet ist, kommt als Küstenwal deutlich besser mit den ungewohnten Bedingungen klar, als seine größeren Verwandten. Weil sein Echo an Küstenverhältnisse angepasst ist, läuft „Whity“ also nicht in Gefahr, die Orientierung zu verlieren oder zu stranden. Im Gegenteil – der schneeweiße Meeressäuger scheint sich in der Marina mehrere Tage lang pudelwohl zu fühlen.

Ein Buckelwal vor Høruphav (DK) in der Flensburger Außenförde
Ein Buckelwal vor Høruphav (DK) in der Flensburger Außenförde Foto: Soeren Bomholt

Eine echte Sensation beobachtet die Besatzung eines Zollbootes am 2. Juli 2014 am Leuchtturm Kalkgrund in der Flensburger Förde: Gleich zwei der seltenen Buckelwale haben sich in die Ostsee verirrt – eine Konstellation, die noch nie zuvor gesichtet wurde. Experten vermuten, dass die beiden Wale sich schon länger in der Ostsee aufhalten. Im Juni wurde eins der Tiere von polnischen Anglern gesehen. Die Tiere werden schließlich auch vor der dänischen Küste beobachtet, wo Forscher herausfinden, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Walkuh und ihr Kalb handelt. Der tierische Knaller wird perfekt, als Walforscher im März 2015 berichten, dass die Tiere möglicherweise sogar in der Ostsee überwintert haben. Das Muttertier soll sich Ende März vor der schwedischen Ostseeküste gezeigt haben.

Am 1. Mai diesen Jahres taucht schließlich ein rund zehn Meter langer Finnwal in der Eckernförder Bucht auf und zeigt sich gleich mehreren Augenzeugen. Ein Angler hält das Naturschauspiel zufällig auf Video fest. Wo sich der Säuger aktuell tummelt, ist unklar. Ein Walexperte will am Samstag einen Wal in der Nähe von Sonderburg gesehen haben. Es ist aber auch möglich, dass sich das Tier noch immer in der Nähe von Eckernförde aufhält. Bleibt zu hoffen, dass auch er bald wieder in vertrautere Gewässer zurückfindet.

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erstellt am 05.Mai.2015 | 17:00 Uhr

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