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Panorama

08. Dezember 2016 | 07:06 Uhr

Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer : Leben auf der Hallig: Wie ein Paar auf Süderoog seinen Alltag meistert

vom
Aus der Onlineredaktion

Holger Spreer und Nele Wree gehen mit dem Rhythmus der Tiere. Und: Einsam fühlen sie sich selten.

Süderoog | Das Leben von Holger Spreer und Nele Wree ändert sich alle sechs Stunden. Seit drei Jahren wohnt das Paar auf Hallig Süderoog, mitten im schleswig-holsteinischen Wattenmeer. Die Gezeiten prägen ihre Tage: Nur bei Flut kann die 33-jährige Rangerin im Nationalpark die Enten, Möwen und andere Vögel zählen, die dann gesammelt auf der Warft sitzen. Und nur bei Ebbe kommen im Sommer Wattwanderer, die sich auf der Hallig stärken.

Die Natur auf der Hallig ist atemberaubend.
Die Natur auf der Hallig ist atemberaubend. Foto: dpa
 

Am Morgen war noch Starkregen gefallen, dennoch haben sich nun zahlreiche Urlauber von der mehr als sechs Kilometer entfernten Insel Pellworm aus auf den Weg durchs Watt gemacht. „Wir hatten gerade mal eineinhalb Stunden für die Vorbereitung“, sagt Wree. Doch in der mit niederländischen Fliesen gekachelten Küche stehen ein großer Topf Kartoffelsuppe sowie mehrere Bleche Mandel- und Zitronenkuchen pünktlich bereit. Mutter Marinka Wree hilft an dem Tag aus.

Durch ein geöffnetes Fenster bedienen Spreer und Wree Dutzende Gäste, mit den Besuchern aus Bayern, dem Rheinland oder der Schweiz verdienen sie sich etwas hinzu. Wenn sie weg sind, wartet der Abwasch. Per Hand. Für die Spülmaschine reicht der Strom nicht. Und auch sonst leben die beiden eher ungewöhnlich.

Das Paar lebt nach dem Rhythmus der Tiere.
Das Paar lebt nach dem Rhythmus der Tiere. Foto: dpa
 

2013 übernahmen die studierte Kunsthistorikerin Wree und der frühere Krabbenfischer Spreer die Hallig, die wie ein Wellenbrecher in die Nordsee ragt. Gemeinsam setzten sie sich gegen Dutzende Mitbewerber durch, seitdem teilen sie sich eine Stelle beim Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN). Vor ihnen hatte das Ehepaar Gudrun und Hermann Matthiesen mehr als 22 Jahre lang die 62 Hektar große Marschlandschaft mit Salzwiesen bewirtschaftet.

„Wie viel Arbeit das ist, sehen viele gar nicht“, sagt der 36 Jahre alte Holger Spreer. „Wir gehen mit dem Rhythmus der Tiere.“ Wenn die Fuchsschafe, Pommerngänse oder Ramelsloher Hühner wach sind, wollen sie auch versorgt werden. Seit Herbst 2015 ist Süderoog auch anerkannter Arche-Hof: Das Paar hütet vom Aussterben bedrohte Tiere, rund 160 insgesamt. „Unsere Bienen nicht mitgezählt“, ergänzt Spreer. Tatsächlich halten sie auch seltene Dunkle Bienen, die sie eigens aus Norwegen importiert haben.

Gemeinsam bewirtschaften die beiden zahlreiche Touristen.
Gemeinsam bewirtschaften die beiden zahlreiche Touristen. Foto: dpa
 

Ruhiger wird das Leben des Paares erst im Winter, wenn die Tage kürzer - und die beiden einzigen Hallig-Bewohner manchmal tagelang alleine sind. „Das ist die schönste Zeit“, sagt Nele Wree. Dann genießen sie die gemeinsamen Stunden, denn gerade im Sommer sind sie nur selten wirklich zu zweit. Dabei schlägt im Winter regelmäßig der „Blanke Hans“ zu. Bereits in ihrem ersten Jahr hatten die Orkane Christian und Xaver der Hallig zugesetzt, einmal musste sich das Paar in den Schutzraum im Obergeschoss des Wohnhauses zurückziehen. Neun baumstammdicke Betonpfähle verankern den Raum fest im Watt. Er soll selbst dann stehen bleiben, wenn der Rest des Hauses zusammenbricht.

Herausfordernder finden die beiden, die sich auf der Hallig noch nie einsam gefühlt haben, jedoch andere Dinge. Etwa die Bürokratie: Ein Antrag für ein Windrad zur Stromerzeugung sei zuletzt abgelehnt worden, weil die Hallig im Nationalpark liegt. Auch die anstrengende Lammzeit hat sie viel Schlaf gekostet. Insgesamt 41 jungen Schafen halfen sie 2016 auf die Welt. Einige sollen bleiben, andere verkaufen sie aus Platzmangel. Ihren geliebten Heidschnucken-Bock Maximus müssen sie ebenfalls abgeben. Nach zwei Jahren brauchen sie einen neuen Bock, um Nachkommen zu zeugen. „Gern würden wir ihn gegen ein anderes Zuchttier tauschen, zum Schlachter geben wir ihn nicht“, sagt Wree.

Bei den vielen gemeinsamen Entscheidungen auf der Hallig bleibt Streit ab und an nicht aus. „Wir wohnen ja nicht nur zusammen, sondern arbeiten auch zusammen“, sagt sie. Es müsse viel organisiert werden, gerade in stressigen Zeiten könne es zu Zoff kommen. Wichtig sei vor allem, dass gemeinsam geplant wird. „Die Hallig ist kein Ort für Egoisten.“

In diesem Sommer steht noch viel Arbeit an: eine neue Heizung, neue Solarplatten, ein neuer Generator. Spreer, der vor wenigen Wochen seine Ausbildung zum Wasserbauer abgeschlossen hat, will sich nach der Brutzeit mit Kollegen vom LKN um die Lahnungen kümmern, die die Hallig schützen. In ihrem neuen Zuhause vermissen die beiden wenig, Freundschaften zu pflegen sei jedoch etwas schwierig. Mal eben weg, geht nicht - die Tiere müssen versorgt werden. Nach Pellworm kommen sie nur bei Flut mit ihrem kleinen Boot, sonst müssen auch sie durchs Watt. Wie lange sie auf Süderoog bleiben? Da wollen sie sich nicht festlegen.

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erstellt am 28.Jul.2016 | 20:29 Uhr

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