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Panorama

05. Dezember 2016 | 19:45 Uhr

Verbot von Bleimunition : Jäger in SH müssen bleifrei schießen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ab April gilt das Verbot des giftigen Schwermetalls in Büchsenmunition. Kritiker befürchten aber, dass Tiere länger leiden müssen.

Kiel | Vom 1. April an dürfen Jäger in Schleswig-Holstein nur noch mit bleifreier Munition jagen. Das neue Gesetz der Landesregierung soll Mensch und Natur schützen. „Es ist aber Augenwischerei“, sagt Büchsenmachermeister und Munitionsexperte Andreas Reinhardt aus Eutin. „Die Legierungen der neuen Geschosse enthalten weiter Blei, etwa drei bis fünf Prozent.“

Die Mehrheit der Hersteller produziert keine reinen Kupfer- oder Messingprojektile – was auch dem Kieler Umweltministerium bekannt ist. Sprecherin Nicola Kabel: „In nahezu allen Legierungen der bleifreien Munition sind geringe Mengen Blei enthalten, es ist technisch nicht vermeidbar.“ Es mache jedoch einen Unterschied, ob Blei beigemischt sei oder ein Geschoss nahezu ausschließlich daraus bestehe. Letzteres habe ungleich größere negative Auswirkungen.

Doch genau daran gibt es Zweifel, wie Büchsenmachermeister Reinhardt bestätigt: „Untersuchungen von Munitionsherstellern haben gezeigt, dass sich das Blei der Legierungen beim Aufprall in Form feinster Partikeln weiter im Wildbret verteilt als das Blei herkömmlicher Geschosse.“ Um eine Belastung des Menschen durch das Schwermetall zu vermeiden, müssen Jäger den Schusskanal künftig also noch großzügiger herausschneiden als bisher.

Schleswig-Holsteins Jägerschaft hat das Verbot von Anfang an scharf kritisiert. Wegen „mangelnder Tötungswirkung“ der neuen Geschosse. „Wir Jäger sind nicht mit Blei verheiratet“, sagt Andreas Schober, Geschäftsführer des Landesjagdverbands. „Aber wir wollen eine Munition, die gleichwertig tierschutzgerecht tötet.“ Die sei so nicht vorhanden.

Schober: „Am 1. April beginnt daher ein staatlich verordneter Feldversuch.“ Um eine passende Munition für ihre Waffe zu finden, würden Jäger testen, mit welchem Geschoss sie bei welcher Wildart welches Ergebnis erzielten. „Dabei werden die Tiere nicht immer schnell und schmerzlos sterben, sondern in vielen Fällen unnötig leiden“, warnt Schober und fügt hinzu: „Mein Erleben und die Gespräche mit Jagdkollegen haben mir gezeigt, dass Wild selbst bei einem guten Schuss mit bleifreier Munition oft noch flüchtet und die Nacht unter Qualen überlebt.“

Wo liegt der Unterschied zwischen alter und neuer Munition? Der weiche Bleikern zerlegt sich beim Eindringen in den Körper und gibt über eine Wolke von Splittern viel Energie ab. Kupfer- oder Messingprojektile haben diese Eigenschaft nicht, weshalb der Tod des Tieres nicht immer unmittelbar eintritt.

Müssten Tiere wegen der neuen Munition leiden, wäre das ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Den sieht Umweltminister Robert Habeck (Grüne) aber nicht. Er sagt: „Von einem Feldversuch zu reden, ist Unsinn. Erfahrungen mit bleifreier Munition gibt es bereits aus vielen Ländern, die Jagd damit ist zeitgemäß und vielfach erprobt.“ Und jeder Jäger im Land habe genügend Zeit gehabt, sich umzustellen und die bleifreie Munition zu erproben. „So wird in den Landesforsten seit mehr als zwei Jahren mit bleifreier Munition gejagt. Gravierende Probleme sind nicht bekannt geworden.“

Mit dem Verbot will die Koalition die Giftbelastung im Wildbret verhindern, damit die Menschen aber auch Greifvögel wie den Seeadler schützen. Eine Untersuchung des Leibnitz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung hat gezeigt: von 309 toten Seeadlern starben 70 an einer Bleivergiftung.

Die Jagd mit Schrot, bei der pro Schuss bis zu 250 bleihaltige Kügelchen abgefeuert werden, ist allerdings weiterhin erlaubt. „Zu gegebener Zeit werden wir über ein Verbot von Bleischrot beraten“, kündigt Ministeriumssprecherin Kabel an. Momentan gibt es laut Experten noch keinen Ersatz, der eine tierschutzgerechte Tötung ermöglicht. „Das hat das Land veranlasst, die Verwendung jetzt noch nicht zu untersagen.“ Eine Gefahr für Greifvögel bestehe deswegen nicht. Sie nähmen Blei vor allem aus den Innereien von Schalenwild auf, die nach dem Aufbruch der Tiere zurückblieben. Kabel: „Bei der Jagd mit Schrot auf kleinere Wildarten wie Hasen wird das Tier in der Regel komplett mitgenommen.“

Dem Seeadler wäre also schon geholfen, wenn kein Schütze Reste im Wald liegen ließe. Deshalb macht es die Jägerschaft zornig, wie kompromisslos Habeck das Verbot durchgesetzt hat. Sie hofft nun auf den Bund. „Munition fällt unter das Waffenrecht, dafür ist der Bund zuständig“, sagt Schober. Der plane kein striktes Verbot, sondern eine Verminderung des Bleigehalts, was sinnvoller sei.

Werden sich alle Jäger an das neue Gesetz halten? „Tiere dürfen nicht leiden, ein Schuss muss sofort töten“, sagt Büchsenmachermeister Reinhardt, der selbst Jäger ist. „Ich hoffe, dass es Jäger gibt, die sich sagen: Ich beteilige mich nicht an diesem Feldversuch, weil ich ihn mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann.“

Blei – Viele Wege in den Körper: Nach einer Untersuchung des „Freiburger Forschungs- und Beratungsinstituts Gefahrstoffe“ sind Gemüse, Obst, Nüsse und Kakao sowie Getreide mit Blei belastet, Fleisch rangiert als Quelle an sechster Stelle. Offen ist, ob die Spuren im Wild tatsächlich aus der Jagdmunition stammen.  Gülle und Dünger können das Schwermetall enthalten, und aus der Industrie gelangt Blei über Regenwasser in den Waldboden. Das heißt, die Tiere könnten den Giftstoff auch beim Äsen aufnehmen.

 

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erstellt am 09.Feb.2015 | 18:19 Uhr

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