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Panorama

08. Dezember 2016 | 13:06 Uhr

Deutschlandfunk schaltet MW ab : In SH endet ein Jahrhundert-Kapitel der Radiogeschichte

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Silvester um Mitternacht ist Schluss: Der Deutschlandfunk schaltet als letztes seinen Mittelwellensender ab. Ein Mast steht bei Neumünster.

Neumünster/köln | Aufmerksam dem Lautsprecher lauschen statt den Sekt bereithalten – in der Nacht des Jahreswechsels werden einige wenige Menschen in ganz Deutschland und Europa am Radio sitzen. Der Grund: Der Mittelwellensender des Deutschlandfunks (DLF) in Ehndorf bei Neumünster wird morgen abgeschaltet. „Da schwingt Wehmut mit“, sagt Volker Tödt (53), begeisterter Radiohörer in Tönning in Nordfriesland. Na klar werde auch er am letzten Abend des Jahres den Deutschlandfunk über Mittelwelle hören.

Gruuuu-Piiiii-iioooo-wiuuuuuu. Erkannt? Das Knarzen und Pfeifen der Mittelwelle gehört zu den Geräuschen aus dem 20. Jahrhundert, die vor dem Aussterben stehen. Ein Geräusch wie das Rattern einer Wählscheibe oder das Einspannen von Papier in einer Schreibmaschine. Am 31. Dezember zieht sich mit dem Deutschlandfunk das letzte deutsche öffentlich-rechtliche Radio aus der Mittelwelle (MW) zurück.

Mit dem Aus des DLF-Senders bei Neumünster auf 1269 Kilohertz (kHz) am 31. Dezember endet ein Jahrhundert-Kapitel der Radiogeschichte in Deutschland: Andere Rundfunkanstalten wie Norddeutscher oder Westdeutscher Rundfunk haben auf der Mittelwelle längst Schluss gemacht. Nur für den Deutschlandfunk strahlen noch insgesamt sechs Mittelwellensender in der ganzen Bundesrepublik aus – darunter auch der in Ehndorf. „Es sind die letzten deutschen Anlagen, die noch auf Mittelwelle senden. Alle sechs werden zum Jahreswechsel abgeschaltet“, sagt Dr. Helmut Buchholz, Redakteur und Sprecher des Deutschlandfunks in Köln. „Nur einige wenige Sender der ehemaligen Besatzungsmächte machen auf der Mittelwelle weiter.“

In der Silvesternacht endet die Geschichte des Mittelwellen-Senders Ehndorf. Er wird abgeschaltet. Nur noch der Deutschlandfunk sendet über Mittelwelle.
In der Silvesternacht endet die Geschichte des Mittelwellen-Senders Ehndorf. Er wird abgeschaltet. Nur noch der Deutschlandfunk sendet über Mittelwelle. Foto: Thorsten Geil
 

Im Norden bedeutet das Aus in Ehndorf sogar das vollständige Ende der Mittelwelle in Schleswig-Holstein, erklärt Buchholz. Die Sendeanlage bei Neumünster, die vor knapp 50 Jahren in den Betrieb gegangen ist, sei die letzte im nördlichsten Bundesland, die noch in dem Frequenzbereich ausstrahlt. Deutschlandfunk und Deutschlandradio indes sind natürlich weiterhin zu hören – in knister- und rauschfreier Qualität auf Ultrakurzwelle (UKW) oder über den digitalen Übertragungsstandard DAB.

Was ist eigentlich die Mittelwelle?

Die Mittelwelle (MW) deckt im Hörfunk den Frequenzbereich ungefähr zwischen 530 Kilohertz und 1600 Kilohertz ab. Beim Aufbau des Radios in Deutschland spielte sie eine große Rolle. Seit der Nachkriegszeit verdrängte die Ultrakurzwelle (UKW) diese Technik immer mehr. Trotz knarzigen Empfangs wurde die MW aber noch jahrzehntelang von vielen Hörern wegen ihrer großen Reichweite geschätzt, nicht nur unter Seglern. Selbst mit mittelmäßigen Radios hatte man sogar im Keller recht guten Empfang, auch wenn er alles andere als glasklar war. Das Signal ging über Hunderte Kilometer. Das ist jetzt Vergangenheit.

Beim Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 hatten noch Millionen Menschen über Mittelwelle gehört, wie Herbert Zimmermann ins Mikro schrie: „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt! – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“ Immerhin: Fußballspiele gehörten auch zuletzt noch - ebenso wie etwa Bundestagsdebatten - zu den Ereignissen außerhalb des üblichen Programmschemas, die über MW in voller Länge ausgestrahlt wurden.

Das Abschalten habe vor allem ökonomische Gründe. „Die Hörer von heute sind nicht mehr mit der Mittelwelle sozialisiert“, sagt Buchholz. „Dieser Frequenzbereich ist nur noch etwas für Liebhaber oder Bastler.“ Angesichts der wenigen Hörer sei der Aufwand nicht mehr zu rechtfertigen. Die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich aus Rundfunkbeiträgen finanzieren, müssten sorgsam mit dem Geld umgehen. So habe die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten das Sparen zur Auflage gemacht.

Mächtiger Stromfresser

„Aufgrund der modernen Radio-Grundversorgung über UKW oder DAB wird da bei der Mittelwelle angesetzt“, sagt der DLF-Redakteur. Immerhin mit 200 Kilowatt strahlt der Sender bei Neumünster ab. „Das ist schon ein Knaller“, sagt Buchholz. Einen Tag zu senden, das verschlinge so viel Strom, wie ein Familienhaushalt im ganzen Jahr verbraucht. Dafür ist die Reichweite enorm: Tagsüber kann er zwar in nur wenigen hundert Kilometern, nachts hingegen aus atmosphärischen Gründen in mehr als tausend Kilometern empfangen werden – auch am Silvesterabend.

Ehndorfs Bürgermeister Hauke Göttsch wurde von keiner offiziellen Stelle über die Abschaltung informiert, ist aber auch nicht traurig. „Das ist kein großer Verlust, denn schön sind die Masten ja nicht. Als Gemeinde wollen wir aber eingebunden werden, was dort künftig passiert“, sagt Göttsch. Das Gelände gehöre dem Bund oder einer seiner Gesellschaften.

Hochsicherheitstrakt

Das Grundstück mit den beiden Sendemasten am Rande der Gemeinde ist gesichert wie eine Kaserne, aber menschenleer. Gelegentlich kommt jemand, um nach dem Rechten zu sehen. Ein Schild am Tor weist darauf hin, dass man das Grundstück nicht betreten sollte, wenn man einen Herzschrittmacher trägt. Hauke Göttsch erinnert sich an seine Kindheit: „Früher hat der Sender eine solche Strahlung gehabt, dass der Stacheldraht auf den Nachbarwiesen so heiß wurde, dass man ihn nicht anfassen konnte.“

Das alles endet nun in der Silvesternacht. Wird sich der DLF offiziell von seinen Mittelwellen-Hörern verabschieden? „Nein“, sagt Helmut Buchholz. „Da liegt das ganz normale Programm drauf.“ So beginnt um 23.05 Uhr „Bestes und Allerletztes – Ein Jahresrückblick auf die Deutsche Literatur“. Und um 23.57 Uhr werden die Nationalhymne und die Europahymne über 1269 kHz ausgestrahlt. Danach ist auf dieser Frequenz Sendepause – für immer. Volker Tödt in Tönning wird Zeuge dieses Moments sein. „Ich bleibe bis zum Aus um 23.59 Uhr dran“, kündigt der 53-Jährige an. 

Der Seewetterbericht soll auch nach Abschaltung der Mittelwellenfrequenz 1269 kHz in Neumünster Skippern und Anglern erhalten bleiben. Der Deutschlandradio-Seewetterbericht wird verbreitet über Digitalradio (empfangbar in den meisten Häfen Deutschlands), im Internet unter www.deutschlandradio.de/seewetter sowie als App für iOS und Android.


 

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erstellt am 30.Dez.2015 | 07:54 Uhr

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