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Panorama

10. Dezember 2016 | 23:28 Uhr

Protokolle aus dem Jugendarrest : Ich finde es gut, dass man es mir nicht ansieht, dass ich kriminell bin

vom
Aus der Onlineredaktion

Karin (Name geändert) ist 17 Jahre alt und im Jugendarrest wegen schwerer Körperverletzung. So erzählt sie ihre Geschichte.

Die Körperverletzung

Das war eigentlich das harmloseste, was ich an Körperverletzung gemacht hab.

Ich bin wegen gefährlicher Körperverletzung hier. Ich seh nicht so aus, aber die meisten Täter sehen nicht so aus. Wenn man mich auf die Palme bringt, dann kann ich auch anders werden. Ich finde es gut, dass man es mir nicht ansieht, dass ich, ich sag mal, kriminell bin. Bei manchen Leuten sieht man das, wenn die so Piercings haben und gefärbte Haare und so. Aber ich bin halt nicht so. Ich möchte halt nicht so aussehen, sonst werde ich gleich abgestempelt als Kriminelle.

Das war mit nem Pfefferspray. Das war eigentlich das harmloseste, was ich an Körperverletzung gemacht hab. Ich war mit vier Freunden unterwegs und wir wollten Gras kaufen. Und wir meinten so, komm, wir können ihn auch abziehen, also das wegnehmen einfach so. Und dann weglaufen. Weil der Typ war dick und der kann uns nicht einholen, wenn wir weglaufen, weil wir sehr sportlich sind. Haben wir uns mit ihm getroffen. Ich und ne Freundin haben das dann in die Hand bekommen und durften uns angucken, ob das ein guter Kurs war. Wir beide haben dann genickt, haben uns das aufgeteilt, das waren zwei Tüten, haben uns das in den BH gesteckt und sind gerannt. Und dann war der Dicke wohl doch schneller als gedacht und hat mir die Beine weggetreten.

Sein Kumpel hat mir so die Arme hinterm Rücken festgehalten und mir auf die Beine getreten. Ich hatte ein Pfefferspray in meiner Jackentasche und dann habe ich das rausgezogen und ihm das ins Gesicht gesprüht. Ich war voller Adrenalin, ich hab gar nicht kapiert, dass – es war gar nicht so geplant, dass ich jetzt aufgehalten werde. Und das war dann die gefährliche Körperverletzung, obwohl ich das eigentlich nur aus Notwehr gemacht habe. Weil meine Beine könnten gebrochen sein. Die waren geprellt und habe auch voll die lilanen Narben an meinem Bein. Aber das Gericht meinte, es war nicht richtig, das zu machen. Er war beim Arzt, um dann beim Auge zu gucken, was da ist, aber da war nichts.

Der Freundeskreis

Als ich das erste mal von der Polizei mitgenommen wurde, hab ich mich cool gefühlt

Wenn man einen Freundeskreis hat, der so mit Drogen zu tun hat und Schlägereien, dann hängt man da schnell drinne. Ich lern jeden Tag neue Leute kennen. Sagen wir, ich bin mit fünf Leuten in der Stadt, gehen so ein bisschen rum. Und die haben Freunde mit, dann bin ich so jemand: Ich sprech die direkt an.

Vor ein paar Jahren war ich immer die süße, liebe Karin. Hab auch Sport gemacht. Ich hab Leichtathletik gemacht, Badminton, Turnen, ich habe alles gemacht. Bis ich mir was gebrochen hab, dann bin ich ausgestiegen. Und dann irgendwann habe ich angefangen, in der Stadt zu chillen. Und die Leute waren kriminell und irgendwann sagen sie: Ach Karin mach mal mit. Und dann irgendwann macht man mit, um nicht irgendwie blöd dazustehen.

Wir hatten im Dezember eine Eisbahn und da bin ich mit meinen Mädels immer so gewesen. Und wir haben so eine Regel gehabt: Wenn uns ein Mädchen dreimal so eingebildet anguckt, fragen wir sie, ob sie ein Problem hat. Und das haben wir dann öfters gemacht und wenn sie ein Problem hatten, dann wollten sie Stress und dann haben wir Stress mit denen gemacht. Dann haben wir uns gehauen mit denen. Gruppe gegen Gruppe. Immer Mädchen gegen Mädchen. Meistens habe ich einfach gut getroffen, um die Sache schnell zu beenden. Meistens haben wir das so gemacht: Wir haben uns ein Feuerzeug in die Hände gelegt, damit man sich die Finger nicht bricht. Und dann immer schön gegen die Nase oder gegen die Schläfe und dann sind die schon nicht mehr aufgestanden. Wenn die Stress wollten, hatte ich kein Mitleid. Weil, es kann ja sein, dass ich auf einmal da liege. Dann hätte derjenige auch kein Mitleid mit mir.

Als ich das erste mal von der Polizei mitgenommen wurde, hab ich mich cool gefühlt, um ehrlich zu sein. Damals war das noch richtig cool. Aber dann so nach dem fünften, sechsten mal, wo die Beamten mich dann auch noch im Auto so angemacht haben: pass mal auf und so, lern mal draus. Ich hab immer weggehört. Auch als ich beim Gericht war. Weil ich gedacht habe, ist mir doch egal.

Eigentlich hatte ich niemanden. Meine Eltern hatte ich ja nicht, mein großer Bruder hat keine Zeit. Meine Pflegeeltern hören mir nicht zu, meine Freundinnen würden das weitersagen, das sind Weiber. Ich hatte ja alles erzählt und dann habe ich die WhatsApp-Gruppen gesehen. Gegen Karin und sowas. Und ich denk mir, ich bin doch keine 14 mehr und so und dann war da eine Anti-Karin-Gruppe. Peinliche Bilder von mir wurden da reingeschickt und sowas. Oder auf Facebook hochgeladen. Zwischendurch machen Freunde einfach so Bilder so aus Spaß und meinten dann, ja ich lösch das und so. Tja, so kann man sich täuschen.

Die Familie

Das ist nicht wirklich ein Elternersatz.

Ich wohne in einer Pflegefamilie seit 13 Jahren. Wir haben ein großes Haus, wir sind acht Kinder. Meine leibliche Schwester ist da, deswegen bin ich auch da. Die haben meine kleine Schwester eingesammelt bei meiner Mutter, als sie ganz unterernährt war. Die war fast eins, noch ganz frisch. Und dann meinten sie, ach sie hat noch eine Schwester, nehmen wir die auch mal mit, damit sie nicht das gleiche Schicksal hat. Die wussten gar nichts von mir am Anfang. Das Jugendamt hat immer mal vorbeigeschaut, weil meine Mutter schwerbehindert ist und sie das nicht auf die Reihe bekommt. Und sie wollte denen das trotzdem beweisen, weil das ihr Kind ist. Meinen Vater habe ich mit sieben verloren. Ein Herzstillstand.

Meine Mutter kommt bei uns manchmal vorbei, aber man kann mit der nicht ordentlich reden, weil sie redet, ne neue Barbie möchte sie oder ein Pferd oder so. Weil sie zurück ist im Kopf, sie ist halt wie sechs. Mit der kann man nicht wirklich was anfangen. Ich hab da jetzt erstmal ein Kontaktverbot, ich darf da nicht mehr rein in die Wohnung. Weil ich hab da ein paarmal Hauspartys gefeiert. Sie hat einen Riesendachboden und ich hab da Party gemacht und irgendwann haben sich die Nachbarn beschwert, weil alles vollgekotzt war und so. Deswegen hab ich da jetzt erstmal Hausverbot. Meine Mutter, da sie zurück ist, habe ich sie vorn Fernseher gesetzt. Und dann war sie auf den Fernseher fixiert. Ich hab gesagt ich hab ein paar Freunde und dann waren das nachher 60 Leute. Hat sie nicht kapiert.

In der Pflegefamilie wird man nicht gelobt. Man hört auch nicht, ich hab dich lieb oder so. Es wird nur gesagt, was man falsch macht. Das ist nicht wirklich ein Elternersatz. Meine Schwester ist jetzt 14 und ist auf dem Stand wie sieben. Sie entwickelt sich halt langsamer als andere Kinder, aber sie entwickelt sich zum Glück. Ich wäre eigentlich schon längst aus meiner Pflegefamilie weggegangen, aber da meine Schwester niemand anderen hat außer mich, bin ich dageblieben. Mit 18 muss ich da raus.

Der Freund

Er hat einfach zu viel scheiße gebaut. Körperverletzung, Drogen, alles.

Ich hab Realschule abgebrochen. Weil ich mit nem Jungen zusammen war, und immer, wenn ich bei ihm geschlafen habe, lag er im Bett und ich musste morgens aufstehen. Ich dachte mir so, wenn der noch liegenbleiben kann, dann mach ich das auch. Und ich hab fünf Monate lang geschwänzt. Hatte dann in meinem Zeugnis 167 Fehltage und 30 Verspätungen und da meinten die, dann können wir dich nicht weiter aufnehmen. Andere Leute kämpfen um ihren Platz an der Berufsschule und ich schmeiß den so weg. Und jetzt bin ich nicht mehr mit dem Jungen zusammen. Er sitzt in Neumünster und ich habe nichts davon. Er hat einfach zu viel scheiße gebaut. Körperverletzung, Drogen, alles. Jetzt muss er dreieinhalb Jahre. Er hat seine Bewährung verhauen. Er musste eineinhalb Jahre Bewährung machen. Und dann wurde er angezeigt von einem Passanten, weil er mich geschlagen hat auf offener Straße. Ich hätte ihn nicht angezeigt. Aber Passanten haben ihn angezeigt. Dann hatte er seine Bewährung verhauen. Er hatte ein Gerücht gehört, ich hätte ihn betrogen und statt mich darauf anzusprechen, ist er einfach auf mich losgegangen. Er hat mich an der Schläfe getroffen und dann bin ich mit meinem Kopf falsch gefallen und dann musste ich drei Wochen ins Krankenhaus. Ich hatte ne schwere Gehirnerschütterung.

Ich wurde viermal von ihm geschlagen, auch wegen Missverständnissen. Aber ich hab das immer schnell vergessen. Er ist Türke und die reagieren schnell über. Nicht, dass ich urteilen will oder so, aber wenn man vergleicht mit Deutschen, die fassen ihre Freundin nicht an, weil sie genau wissen, die Freundin schlägt zurück.

 

Der Arrest

Ich hab kurz Tränen bekommen, weil meine Pflegemutter mich zum ersten Mal umarmt hat

Ich dachte, ich krieg ne Anzeige wegen Körperverletzung oder wegen Diebstahl. Aber ich hätte nicht gedacht, dass ich hierher komme. Weil ich hatte noch nie Sozialstunden bekommen. Gar nichts. Ich hab bis jetzt nur Anzeigen gehabt. Aber da ich schon Intensivstraftäter bin, mit Fingerabdrücken und sowas, meinten die, du kommst direkt rein.

Ich hab kurz Tränen bekommen, weil meine Pflegemutter mich zum ersten Mal umarmt hat, was ich zuerst gar nicht kapiert hab. Am Anfang hat sie mir so fünf gegeben [„High five“], dann bin ich in den Flur rein und dann ist sie mir doch nochmal hinterher und hat mich umarmt. Das fand ich voll schön. Da musste ich mich zusammen reißen, weil in dem Besucherraum gleich wieder Jungs saßen. Schnell die Nase hochgeschnaubt und mich hingesetzt. Ich wollte nicht schwach sein, weil der ersten Eindruck zählt. Wenn man ruhig ist und so, dann hat man nicht so schnell Freunde. Ich war dann direkt aufgedreht.

Insgesamt waren wir zuerst drei Mädchen, doch dann war ich allein hier. Wir durften uns kurz umarmen, weil sie weinen mussten. Es ist wie ne Jugendherberge, bloß dass man ab und zu eingesperrt ist. Mit dem Gitter vorm Fenster. Dass man immer so eingesperrt ist zwischen den Angeboten, so eine oder zwei Stunden, das ist das Schlimmste. Sonst gar nichts. Sonst behandeln die einen voll nett.

Ich lese oder ich schreib an einen Kollegen, der ist ein Haus weiter. [Der Ex Freund in der JVA] Der ist grade von Schleswig nach Neumünster verlegt worden, weil er Therapie macht. Oder ich steh mit meinem Stuhl vor meinem Spiegel mit ner Bürste in der Hand und sing die ganze Zeit. Aber was soll ich sonst die ganze Zeit machen? Lesen und so, auf Dauer wird das langweilig nach 15 Minuten. Im Radio laufen die Charts. Katie Perry, Rihanna, Milow und so. Ist zwar nicht meine Musik, weil ich sowas eigentlich überhaupt nicht höre, aber wenn man das die ganze Woche hört, kann man den Text einfach. Weil NJoy wiederholt alles alle 15 Minuten irgendwie.

Hier am Eingang steht so ein richtig cooler Spruch dran. „Wenn man irgendwie einen Fehler begeht. Und ihn korrigiert, dann macht man noch einen.” Und ich finde, das beschreibt die Situation am besten.

Die Zukunft

Vom Freundeskreis abwenden, Haare färben und so.

Ich habe mir so eine ToDo-Liste gemacht, was man besser machen kann. Ich habe zwölf Stichpunkte und wenn mir noch einer einfällt zwischendurch, mach ich den noch dazu. Wenn ich dann nach Hause komme, hake ich das alles ab und wenn ich das geschafft habe, freue ich mich, dass ich das alles geschafft hab. Da drauf ist Ausbildung durchziehen, Wohnung und sowas. Vom Freundeskreis abwenden, Haare färben und so. Hellbraun wollte ich ausprobieren.

Ich hab meine Realschule abgebrochen, aber ich habe einen Hauptschulabschluss und mache ab August eine Ausbildung. Im Einzelhandel zwar nur, aber immerhin hab ich dann was. Und während ich meine Ausbildung mache, mache ich meinen Realschulabschluss nach. Ich wollt mal was mit Kindern haben, aber da ich wegen Körperverletzung Anzeigen habe, geht das nicht. Wenn ich auf eigenen Beinen stehe und meine Ausbildung fertig habe und so, dann will ich meine Schwester da rausholen [aus der Pflegefamilie]. Ich will darum kämpfen, dass sie zu mir kommt, damit ich noch jemanden hab.

Wenn man bei der Polizei sitzt, muss einem das einfach mal auffallen und nicht so wie ich einfach schauspielern und wegdenken. War zwar cool, sich zu beweisen und so, aber irgendwann muss man auch erwachsen werden. Weil, wenn ich so weiter gemacht hätte, ich hätte keinen Ausbildungsplatz, würde wahrscheinlich an der Straße leben und mir die Nadel geben. Ich hab mal konsumiert. Alles. Gekifft. Heroin, alles. Und das ist keine Perspektive.


Lesen Sie auch die Geschichte von Christian: „Einfach nur Tasche auf und rein“

Es war unter anderem eine Packung Gyros, für die Christian in den Arrest musste.

Es war unter anderem eine Packung Gyros, für die Christian in den Arrest musste.

Foto: Karin
 

Christian ist 19 Jahre und wegen Ladendiebstahls im Arrest. So erzählt er seine Geschichte.

Ich bin wegen Diebstahl hier. Gott sei dank habe ich nur zwei Wochen wegen so vieler Diebstähle bekommen. Ich hab ein paar Sachen geklaut in ein paar Geschäften. Das war ein Fehler. Unnötiges Zeug habe ich geklaut eigentlich... Mit einer eine Gyros-Packung wurde Christian erwischt.

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erstellt am 28.Jul.2016 | 06:30 Uhr

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