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Panorama

27. Februar 2017 | 14:47 Uhr

Nach der Flut in Lauenburg : Hochwasserschutz braucht "einen starken Mann"

vom

Das Hochwasser der Elbe in Lauenburg sinkt. Frank Roselieb, Direktor des Instituts für Krisenforschung in Kiel, sagt: "Wir brauchen Ehrenamtler, sonst funktioniert unsere Gesellschaft nicht."

Herr Roselieb, das Elbehochwasser weicht immer weiter zurück, jetzt beginnt die Rückschau: Was hat Sie am meisten bei der Flut beeindruckt?
Am meisten überrascht hat mich, wie die Menschen zusammen gegen die Flut gekämpft haben. Ich hätte es noch vor einigen Jahren, als wir alle von gesellschaftlicher Individualisierung gesprochen haben, nicht für möglich gehalten. Jetzt organisieren sich gerade Jüngere über soziale Netzwerke, um gemeinsam Sandsäcke zu packen. Das lokale Wir-Gefühl war beeindruckend.
Was können wir daraus für Lehren ziehen?
Wir merken, dass Menschen bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren. Da bietet eine Katastrophe wie die Flut eine einmalige Chance. Denn wir brauchen überall Ehrenamtler, sonst funktioniert unsere Gesellschaft in Notzeiten nicht. Jetzt kann der Staat versuchen, sie dauerhaft an Organisationen wie dem Technischem Hilfswerk oder der Feuerwehr zu binden. Gerade in einem strukturschwachen Küstenland wie Schleswig-Holstein ist das immens wichtig.
Aber die akute Not ist vorbei: Wie kann sich Ehrenamt da verstetigen?
Wenn die Menschen Leidensdruck empfinden, organisieren sie sich natürlich eher als wenn sie den nicht haben. Glücklicherweise gibt es allerdings nicht jede Woche eine neue Katastrophe. Man sollte daher den Leidensdruck in Leidenschaft umwandeln. Wir wissen aus Untersuchungen, dass viele Menschen sich durchaus für eine soziale Dienstpflicht aussprechen. Wir reden hier auch nicht über einen Ersatz zum mehrmonatigen Wehrdienst, sondern über ein Engagement, das im Regelfall ein paar Stunden in der Woche ausmacht. Dazu muss man den Leuten klar machen, dass hauptamtlicher Katastrophenschutz sonst sehr viel Geld kostet. Also lautet die Alternative: Entweder deutlich mehr Steuern zahlen oder sich ehrenamtlich engagieren.
Wie konkret könnten Menschen gewonnen werden?
Man sollte den jungen Menschen den Spiegel vorhalten: In Bewerbungsgesprächen fragt die Generation der nach 1980 Geborenen oft nach dem gesellschaftlichen Engagement von Unternehmen. Doch wo bleibt das eigene soziale Engagement nach dem Ende des Zivil- und Wehrdienstes? Dazu würde ich mir prominente Paten wünschen, die fürs Ehrenamt werben. Auch Schulpflichtpraktika in ehrenamtlichen Organisationen halte ich für eine gute Sache. Und natürlich muss die Politik stärker werben.
Wie das?
Das Schulterklopfen bei den Helfern ist ganz wichtig - aber es darf nicht dabei bleiben. Es müssen auch die notwendigen Ressourcen bereitgestellt werden. Anders formuliert: Wenn ehrenamtliche Helfer ihre Ausrüstung selbst zahlen müssen oder Aufwandsentschädigungen steuerpflichtig werden, bringen die besten Werbekampagnen nichts.
Wie beurteilen Sie das Auftreten der Politiker während der Fluttage?
Der Auftritt des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer in Rot-Kreuz-Jacke war zwar unpassend, aber Bundeskanzlerin Angela Merkel und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig haben das ganz gut gemacht: Sie waren in Lauenburg, haben gezeigt, dass sie sich um die Menschen kümmern, aber nicht versucht, sich in den Vordergrund zu drängen oder daraus politisch Kapital zu schlagen.
Hat die Politik alles richtig gemacht in der Krise?
Zwar haben die Verantwortlichen aus den Hochwassern der vergangenen Jahre viel gelernt, aber sie können immer noch besser werden. In anderen Ländern gibt es Ministerien für Katastrophenschutz. In Deutschland brauchen wir vor allem eine noch bessere Abstimmung zwischen den einzelnen Helfern aus den Kommunen, vom Land und Bund. Die Menschen erwarten, dass der Staat in Katastrophenzeiten als Ganzes die Verantwortung übernimmt - egal ob die Feuerwehr von der Kommune oder das THW vom Bund gesteuert werden.
Wer soll das machen?
Wir brauchen einen starken Mann oder eine starke Frau, die auch institutionell gestärkt sind. Es muss jemand sein, der landesweit bekannt ist, sich sachlich auskennt und eine gewisse Lebenserfahrung hat. Ein Landrat oder eine Oberbürgermeisterin sind eher ungeeignet, weil die Bevölkerung ihre Gesichter oft gar nicht kennt. Besser wählt man dafür den Innenminister eines Bundeslandes, der dem Katastrophenschutz ein Gesicht gibt....
...so wie Helmut Schmidt als Hamburger Innensenator bei der Flutkatastrophe 1962....
..genau. Zwar hat Schmidt mit seinen Rettungsaktionen - wie dem Einsatz der Bundeswehr im Innern - zuweilen auch Gesetze gebrochen. Persönlich geschadet hat ihm das aber nicht. Und auch für die Bürger hat er im Ergebnis den richtigen Weg beschritten.
Dennoch haben viele Deutsche damit ein Problem, wenn nach dem starken Mann gerufen wird.
Der wäre in einer Demokratie an Recht und Gesetz gebunden. Hier geht es um zeitlich begrenzte Macht während einer Katastrophe, die anschließend von einem Gericht überprüft werden kann. Im Gegenzug wären viele Menschen in Zeiten der Not auch bereit, ein bisschen mehr Befehl und Gehorsam zu akzeptieren. Wenn man in einer Demokratie erst eine Bürgerversammlung einberufen muss, bevor man in einer Notlage einen Polder fluten kann, wäre es oft zu spät.
Kommen wir lieber wieder zur Zeit nach der Flut: Was für Lehren kann man noch daraus ziehen?
Katastrophen kann man üben. Und natürlich kann der Hochwasserschutz verbessert werden - etwa durch Schaffung von Überflutungsflächen oder Schutzmauern. Allerdings zeigt sich oft, dass die Anwohner, die unmittelbar davon betroffen sind, gerade diese Mauern nicht wollen, weil sie die Sicht versperren und Touristen abschrecken.
Hier müssen die Bürger also auch selbst lernen.
Es muss vor allem die Einsicht reifen, dass mit einer "Dagegen-Politik" oder einer "Nicht-in-meiner-Nachbarschaft-Attitüde" Katastrophenvorsorge nicht funktionieren kann. Gerade Menschen, die noch einmal davon gekommen sind, fehlt oft die nötige Einsicht. Und auch die Flut selbst gerät bei denen schnell wieder in Vergessenheit.

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erstellt am 01.Jul.2013 | 10:13 Uhr

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