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Panorama

27. September 2016 | 22:39 Uhr

Streit um Sterbehilfe : „Herr Doktor, haben Sie nicht mal ’ne Spritze?“

vom

Die moderne Medizin kann das Leben schier endlos verlängern – doch was ist mit würdevollem Sterben? Zwei Drittel der Deutschen wollen auch hier Hilfe von ihrem Arzt. FDP-Politiker Wolfgang Kubicki änderte seine Meinung über Sterbehilfe, als er am Sterbebett seines Bruders stand.

Flensburg/Kiel/Hamburg | Der Tod ist ein zweischneidiges Schwert: 70 Prozent der Deutschen wünschen sich im Falle schwerster Krankheit aktive Sterbehilfe, also die Gabe eines tödlichen Medikaments. Eine Patientenverfügung, eine Erklärung also, ob im Falle einer aussichtslosen Erkrankung bei ihnen passive Sterbehilfe geleistet werden soll, haben zugleich nur 26 Prozent verfasst; 46 Prozent planen, dies einmal zu tun. Das ergab kürzliche eine repräsentative Forsaumfrage.

Dr. Hermann Ewald wundert dies nicht. Für den Palliativmediziner ist die Umfrage „wenig aussagekräftig“, da extrem undifferenziert. „Die Befragten stehen im ganz normalen Leben. Doch die Einstellung zu Leben, Sterben und Tod ändert sich dramatisch, wenn die Einzelnen tatsächlich betroffen sind“, fasst der ärztliche Leiter des Flensburger Katharinenhospizes seine täglich Erfahrung zusammen. So habe er eine junge Frau von Mitte Dreißig erlebt, sehr fit, die vor ihrer Krebserkrankung viele Therapieformen für sich strikt abgelehnt hatte. „Als sie dann aber schwer erkrankt war, hat sie sich umentschieden und jede Chance auf Heilung mitgenommen, die sich ihr bot.“

Ewald erlebt das häufig. „Ich höre sehr oft, wenn ein Patient zu uns kommt: ,Herr Doktor, haben Sie nicht mal ’ne Spritze für mich?’ Wenn ich dann aber nachfrage, woher dieser Wunsch kommt, stellt sich schnell heraus, dass es sich eigentlich nicht um einen Todes-Wunsch, sondern um einem Nicht-mehr-so-leben-Wunsch handelt.“ Die Patienten hätten Angst vor Schmerzen – die ließen sich palliativ sehr gut lindern. Ängste vor dem, was kommen könnte – ließen sich in der Regel ausräumen. Und besonders oft werde die Sorge angeführt, jemandem mit dem Sterbeprozess zur Last zu fallen. Aber reiche das als Grund aus, um aus dem Leben zu scheiden, fragt Ewald. „Das ist eine Frage des Wertes, den wir dem Leben zumessen.“ Und überhaupt: Was sei eine Last? Oftmals erlebe er, das es den Angehörigen helfe, das Sterben mitzuerleben und die Sterbenden dabei zu begleiten. „Sterbehilfe hingegen ist ähnlich wie ein Suizid. Sie hinterlässt die Angehörigen oft mit der Frage, ob sie wirklich alles getan haben.“

Das hat Wolfgang Kubicki ganz anders erlebt. „Ich war früher auch ein strikter Gegner der Sterbehilfe. Bis ich am Krankenbett meines Bruder stand.“ Der war, so erzählt der FDP-Mann, nach einem Herzinfarkt zu spät reanimiert worden. „Er war zwanzig Minuten tot, bis sie ihn zurückholen konnten. Danach hing er an Maschinen, kam aber nicht mehr zu Bewusstsein.“ Doch als die Maschinen abgestellt wurden, atmete Kubickis Bruder weiter. Seine Schwägerin nahm ihn daraufhin mit nach Hause, wo er zwei Wochen später „dankenswerterweise eingeschlafen ist“. Eine fruchtbare Zeit, wie der Politiker eindrucksvoll schildert. Er habe – „obwohl ich wirklich nicht nah am Wasser gebaut bin“ – am Bett seines Bruders gestanden und geheult wie ein Schlosshund. „Ich musste immerzu denken: Meinen Hund kann ich erlösen, aber meinen Bruder nicht.“

In dieser Situation habe er gemerkt, wie feige er doch sei. Und sich im Anschluss mit seiner Frau wechselseitig versprochen, „dass wir uns gegenseitig helfen werden. Egal mit welcher rechtlichen Konsequenz“. Wann dieser Fall eintrete? „Wenn einer von uns nicht mehr ohne dauerhafte Hilfe leben kann.“ Man wolle doch schließlich auch in Würde gehen können. Dem müsse Deutschland sich endlich stellen. Darum sei er auch strikt gegen eine mögliche Verschärfung des Verbotes von Sterbehilfe. „Es macht keinen Sinn, die Menschen in die Schweiz zu schicken.“

Das findet auch der frühere Hamburger Justizminister Roger Kusch. 2009 gründete er seinen Verein „Sterbehilfe Deutschland“ (StHD). Mittlerweile zählt dieser 500 Mitglieder zwischen 20 und 100 Jahren. In 2013 hat er laut Kusch 41 Menschen in den Tod geholfen. Für den Juristen bietet StHD eine „Dienstleistung, die Menschen in Not dringend haben wollen“. Und diese lässt der Verein sich denn auch bezahlen. Eine Mitgliedschaft kostet jährlich zwischen 50 und 7000 Euro – je nachdem ob und wie schnell das Mitglied mit Hilfe des Vereins aus dem Leben scheiden will. Geld, das laut Kusch einzig für die Vereinsarbeit benötigt wird. „Das kann ihnen das Finanzamt Stormarn bestätigen“, betont er. Was das genau für Kosten sind, die bei der schnellstmöglichen Erfüllung des Todeswunsches 7000 Euro rechtfertigen, will „Dr. Tod“, wie Kusch auch schon mal genannt wird, nicht sagen.

Der Politik sind gerade diese Formen der Sterbehilfe ein Dorn im Auge. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat Anfang des Jahres eine Gesetzesinitiative angekündigt, die jegliche Form organisierter Beihilfe zum Suizid verbieten will. Dagegen regt sich nun Widerstand von Organisationen wie der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS). Gegen „Geschäftemacherei“ mit dem Tod sei die DGHS allerdings auch. Diese ist auch dem Liberalen Kubicki ein Dorn im Auge. „Man darf mit dem Tod kein Geld verdienen“, betont er. Alles was über diese Einschränkung hinausgeht, lehnt er allerdings ab. „Das entscheiden doch nicht Dritte! Ich darf Regierungen wählen aber nicht mein eigenes Schicksal?“ Immerhin sei Selbsttötung straflos und die Beihilfe dazu auch, unterstreicht der Jurist Kubicki.

Dr. Hermann Ewald kann Wolfgang Kubicki gut verstehen. Eine Situation wie mit Kubickis Bruder habe er selbst erst ganz selten erlebt. Aber wäre er bei Kubicki dabei gewesen, hätte er ihm gerne eine Frage gestellt: „Woran haben Sie gesehen, dass Ihr Bruder leidet?“ Denn oftmals – und damit wolle er auf keinen Fall die Situation zwischen den Gebrüdern beurteilen – stecke in einer solchen Formulierung das Leid der Angehörigen selbst. „Es gibt in solchen Fällen viel projiziertes Leid.“ Unter anderem, weil die Angehörigen sich nicht in einen Menschen hineinfühlen können, der nach außen keine Regungen mehr zeigt.

In jedem Fall ist Sterbehilfe für Ewald „ganz kritisch“. Sie lasse vieles einfach aussehen. Am schwierigsten erscheine ihm dabei aber, dass nicht das Leben, sondern Menschen darüber entscheiden, „wann der Moment gekommen ist“. Nach seiner Erfahrung ist es aber „nicht wichtig, wann jemand stirbt, sondern wie er vorher lebt“. Und dazu gehöre der Prozess des Sterbens.

Im Herbst wird die Regierung über den Gesetzentwurf entscheiden. Dem Verein von Roger Kusch kann das egal sein – der hat schon vorgesorgt und eine Dependance in der Schweiz eingerichtet.

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erstellt am 06.Apr.2014 | 11:00 Uhr

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