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Panorama

10. Dezember 2016 | 02:16 Uhr

Rocker im Land : „Hells Angels“ und „Bandidos“ stellen sich neu auf

vom

Das Oberverwaltungsgericht verhandelt diese Woche über das Verbot der „Hells Angels“ Kiel. Die Neumünsteraner Ex-„Bandidos“ suchen offenbar eine Immobilie in der Landeshauptstadt.

Kiel/Neumünster | Der Rechtsstreit um das Verbot der Kieler „Hells Angels“ geht in die nächste Runde. Zwei Jahre nachdem der damalige Innenminister Klaus Schlie (CDU) den „Hells Angels MC Charter Kiel“ verboten hat, verhandelt am Mittwoch das Oberverwaltungsgericht über die Klage der Rocker gegen das Vereinsverbot vom 18. Januar 2012. Das schleswig-holsteinische Innenministerium hatte seine Entscheidung mit Straftaten von Clubmitgliedern begründet, die dem Verein zuzurechnen seien. Außerdem richte sich der Club gegen die verfassungsmäßige Ordnung. Bereits im August 2012 war ein Eilantrag der Rocker gegen das Verbot abgewiesen worden. Die „Hells Angels“ hatten eine Aussetzung erreichen wollen. Im Detail begründete der damalige Innenminister das Verbot wie folgt: Der Verein „Hells Angels“ Kiel verfolge das Ziel, Gebiets- und Machtansprüche auf dem kriminellen Sektor gegenüber verfeindeten Organisationen wie den „Bandidos“ und den „Mongols“ durchzusetzen. Auf das Konto der Kieler „Hells Angels“ gingen Gewalttaten, unerlaubter Waffenbesitz, Straftaten im Zusammenhang mit Prostitution und dem Betäubungsmittelgesetz, so Schlie. Die Straftaten stünden in einem inneren Zusammenhang mit dem Verein oder seien mit Wissen und Billigung führender Vereinsmitglieder und in einigen Fällen auch mit deren Beteiligung begangen worden.

Rechtsanwalt Michael Karthal wird die „Hells Angels“ vor Gericht vertreten. Er sieht den Ausgang der Verhandlung als „vollkommen offen“. Es gebe im Vergleich zu dem Verbot des Flensburger Charters einen entscheidenden Unterschied: „Eine direkte Auseinandersetzung zwischen ‚Hells Angels‘ und ‚Bandidos‘ wie damals auf der Autobahn gibt es hier nicht. Teilweise reichen die Taten bis zu 15 Jahre zurück, die als Begründung angeführt werden.“ Für Karthal ist klar: „Wenn Strafverfolgungsbehörden nachlässig arbeiten, kann das nicht damit geheilt werden, dass eine Vereinigung verboten wird, bei der sich der Großteil der Mitglieder nichts vorzuwerfen hat.“

Knapp vier Monate nach dem Vereinsverbot 2012 gab es die bisher größte Razzia gegen die „Hells Angels“ – in Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen durchsuchten mehr als 1200 Polizisten zeitgleich 89 Bordelle, diverse Wohnungen und Gaststätten. In Kiel wurden dabei mehrere „Hells Angels“, darunter auch der Präsident Dirk R., verhaftet. Ihm und einer Hand voll weiteren Mitglieder wurde der Mord an dem vermissten Türken Tekin Bicer zur Last gelegt. In einer aufwendigen und der bisher teuersten Suchaktion des Landes wurde in Altenholz eine fast neu gebaute Halle abgetragen, da die Ermittler hier die Leiche des Türken im Fundament vermuteten. So will es zumindest der Kronzeuge Steffen R. bei einer Feier gehört haben. Wochenlang begleiteten Medien die Suchaktion – Leichenspürhunde schlugen einmal an. Gesiebt wurde alles – gefunden wurde nichts. Die Forderung der Rocker: 500.000 Euro für den Wiederaufbau und die Betriebsausfälle. 413.000 Euro haben sie laut Generalstaatsanwalt Heinz Döllel schon. Weitere 100.000 Euro würden gefordert. Mittlerweile sind auch alle wegen Mordverdachts inhaftierten Mitglieder wieder auf freiem Fuß.

Doch nur weil die Rockergruppen derzeit offiziell verboten sind, heißt das nicht, das sie nicht aktiv sind. Sie arbeiten weiter wie bisher – im Untergrund und mit dem ständigen Druck der Ermittlungsbehörden im Nacken. Offiziell scheint die Lage in der Landeshauptstadt – der Hochburg der „Hells Angels“ – derzeit entspannt. Doch hinter den Kulissen rumort es: Die „Bandidos“, die ihr Clubhaus vom für sie verbotenen Areal Neumünster ins benachbarte Wahlstedt (Kreis Segeberg) verlegten, schauen sich derzeit auch nach einer geeigneten Immobilie in Kiel um, vorerst „nur“ für das ihnen zugerechnete Neumünsteraner Tattoo-Studio Ink Royal. Auf Nachfrage bestätigen Mitarbeiter: „Wir müssen noch eine geeignete Immobilie finden, es soll ja auch schön werden.“

Setzen die „Bandidos“ tatsächlich einen Fuß in die Fördestadt, müssen sich die „Hells Angels“ behaupten. Ihr Chef, Dirk R., ist derzeit ziemlich alleine. Sein Vorgänger Peter P., auch bekannt als Polen-Peter, ist gesundheitlich stark angeschlagen, es wird vermutet, dass er sich nach Polen zurückzieht. Und „Hells Angels“-Vize Dennis F., ehemals K., sitzt derzeit in Haft.

In Lübeck kamen die „Hells Angels“ einer Razzia und Vereinsauflösung zuvor: Am 21. Dezember 2013 gaben sie offiziell selbst auf – so konnten sie zumindest die Vereinskasse für sich behalten. Zeitgleich kündigte „Satudarah“ an, in der Hansestadt ein Vereinsheim eröffnen zu wollen. „Satudarah MC“ ist ein großer niederländischer Rocker-Club, der als hoch kriminell und gewaltbereit eingestuft wird. Laut niederländischer Polizei steht er den „Bandidos“ nahe, beide haben den gemeinsamen Feind, die „Hells Angels“. Vom Club selbst wird das allerdings bestritten. Der Name „Satudarah“ stammt aus den malayo-polynesischen Sprachen und bedeutet „ein Blut“. Damit weist der Club auf seine multiethnische Ausrichtung hin.

Im April 2010 hatte das Innenministerium die „Hells Angels“ in Flensburg und die „Bandidos“ in Neumünster verboten. Beide Clubs hatten Widerspruch eingelegt und waren bis vor das Bundesverwaltungsgericht gezogen – ohne Erfolg. Damit sind deren Verbote endgültig. Ob Karthal auch durch alle Instanzen mit dem Kieler „Angels“-Charter geht, mache er abhängig von der Begründung des Gerichts.

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erstellt am 24.02.2014 | 00:00 Uhr

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