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Urlaub an der Ostsee : Heiligenhafen – wie Phoenix aus der Asche

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein Beispiel für andere: Der Ferienort erfindet sich neu und kommt aus der Tourismuskrise – allerdings brauchte das einen langen Atem.

Heiligenhafen | Es sah trübe aus für das Feriengewerbe in Heiligenhafen: Die Bettenzahl war von 8500 auf 6800 zurückgegangen, sagt der kommunale Touristik-Chef Manfred Wohnrade. Entweder, weil kleine Betriebe wegen Überalterung der Vermieter dicht machten oder wegen Veraltung des Angebots nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Oder weil es immer weniger Eigentümer von Ferienwohnungen nötig haben, ihre Domizile zu vermieten, wenn sie sie selbst nicht nutzen – von denen zudem viele auf den problematischen „Ferienpark“ entfallen: Der Hochhaus-Gigant mit 1700 Appartements ist ein Tiefpunkt der 70er-Jahre-Beton-Architektur.

Der Tourismus in Schleswig-Holstein hat im ersten Halbjahr 2015 im Bundesvergleich überdurchschnittlich zugelegt. Mit einem Plus von 3,6 Prozent bei den Übernachtungen liege das nördlichste Bundesland über dem Schnitt von 3,2 Prozent, teilte der Tourismusverband Schleswig-Holstein (TVSH) mit. Die Zahlen stammen aus dem Jahresbericht zum Sparkassen-Tourismusbarometer. In der Ostseeregion hat es demnach sogar ein Plus von 5,5 Prozent gegeben. Insgesamt verzeichnet der Bericht 10,6 Millionen Übernachtungen zwischen Januar und Juni 2015. Im Bereich der Freizeitwirtschaft konnten dem Bericht zufolge Erlebnisbäder, Thermen, Zoos, Tierparks und Schlösser punkten. Museen und Ausstellungen fielen dahinter zurück. Reinhard Boll, Präsident des Sparkassen- und Giroverbands für Schleswig-Holstein, sprach sich für eine intensive Nutzung der Digitalisierung im Tourismus aus. Die soll auch im Mittelpunkt des diesjährigen Tourismustages im November in Husum stehen.

Heute ist die 9000-Einwohner-Stadt Heiligenhafen an der Nordküste Ostholsteins das Synonym für die Zukunft im Tourismus. Kein anderer Urlaubsort im Land hat das Ruder so radikal herumgeworfen, nirgends herrscht aktuell eine derart geballte Bautätigkeit in prominentester Lage. Es ist die Ernte eines langen Atems: Zehn Jahre reichen die Weichenstellungen zurück.

Fragt man Wohnrade, was andere von Heiligenhafen lernen können, betont er außer Geduld vor allem eines: Bevor privates Kapital derzeit fast auf einen Schlag drei ungewöhnliche Hotels und ein Feriendorf mit insgesamt 400 Betten entstehen lässt, ist die öffentliche Hand erheblich in Vorleistung getreten. Nicht nur mit Flächennutzungs- und Masterplänen – einstimmig beschlossen –, sondern ebenso mit Heller und Pfennig. 35 Millionen Euro hat die Stadt in die Infrastruktur investiert. Das Hallenbad wurde durch ein „Aktiv-Hus“ ersetzt. Mit einer Kinderspiel-, Beach- und Sauna-Welt unter Dach bietet es eine breite Palette von Schlechtwetter-Angeboten. Gleich zwei neue Promenaden gibt es, mit eigenen Zonen für Radfahrer und Skater. Die Meilen erschlossen Yacht- und Fischereihafen für Touristen, damit die dort ordentlich was zu gucken haben. Und dann ist da vor allem als Anlaufpunkt die neue Seebrücke. Im Zickzack bewegt sie sich seit 2013 auf drei Ebenen in die See hinaus, bietet auf dem Meer ein Sonnendeck, einen Spielplatz und einen Panoramablick auf Fehmarn. „Ohne die Brücke“, betont der Touristik-Geschäftsführer, „hätten wir keinen Hotel-Investor hierherbekommen“.

Direkt am Seebrückenvorplatz, Nachfolger einer Ödnis aus Parkplatz und Buschwerk, baut nun für 30 Millionen Euro ein von vielen umworbener Hotelier: Jens Sroka aus St. Peter-Ording, der bereits seine Heimatgemeinde kräftig aufgemöbelt hat. Auf die eine Seite stellt er die „Bretterbude“. Das Haus auf Drei-Sterne-Niveau mit 81 Zimmern setzt auf Brettsportler von Surfen über Kiten bis Skaten. Maritimen Touch bringt eine Holz-Fassade in Manier der bunten Helgoländer Hummerbuden. Das Grundstück nebenan ist für das „Beach Motel“ reserviert. Ähnlich wie in St. Peter im Stil amerikanischer Strandhäuser mit Holz, Außentreppen, Balkonen und Veranden. Dieses Vier-Sterne-Haus mit 110 Zimmern hat ebenfalls ein eher jüngeres Publikum im Blick – aber doch nicht ganz so jung wie das der „Bretterbude“ und damit anspruchsvoller. Dazu gibt es spezielle Räumlichkeiten für Tagungs-Tourismus. Sroka peilt Ende 2016 für die Eröffnung an.

Wer lieber in einer Wohnung urlaubt, findet sie gegenüber im „Strand Resort“. Das Feriendorf mit 100 Wohneinheiten erstreckt sich auf 2,3 Hektar bis hin zum Yachthafen. Ein Besuch unter den dortigen Baukränen zeigt: beschaulich-zweistöckig, mit großen Fensterflächen, die von jeder Immobilie entweder Ostsee- oder Hafenblick erlauben. Ende des Jahres soll die 25-Millionen-Euro-Siedlung fertig sein. 70 Prozent sind verkauft. Um eine ganzjährige Auslastung zu erreichen, dürfen die Eigentümer ihr Domizil höchstens sechs Wochen nutzen. Für den Rest verpflichten sie sich zur Vermietung über eine zentrale Website und Hotline. „Wir wollen keine heruntergelassenen Jalousien“, betont Wohnrade. „Alle Investitionen hier haben das übergeordnete Ziel Ganzjahrestourismus.“ Um mehr Geld zu verdienen natürlich. Aber auch aus personellen Gründen: „Fachkräfte lassen sich nur halten, wenn sie hier rund ums Jahr zu tun haben.“ Bisher war es wie überall an der Küste: „In sieben Monaten haben wir 90 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet – in den übrigen fünf Monaten nur zehn Prozent.“

Bereits im laufenden Jahr trägt das Hotel „Meereszeiten“ am Yachthafen dazu bei, dass dies anders wird. Damit versucht sich seit diesem Sommer die Heiligenhafener Fischereigenossenschaft in einem neuen Revier. „Fischerei und Tourismus passen gut zusammen“, hat Geschäftsführer Ulrich Elsner schon durch den Betrieb eines Bistros am Hafen erfahren. Die elf Millionen Euro schwere Hotel-Idee entwickelte sich zur Bürger-Bewegung: Bei 40 Investoren warb Elsner das Kapital ein. „Das Geschäft in der Fischerei ist rückläufig, aber mit Hilfe des Hotels können wir sie bestimmt noch ein Jahrzehnt erhalten“, hofft der Genossenschafts-Chef.

Insgesamt erwartet die Heiligenhafen-Touristik aus allen neuen Unterkünften jährlich 260.000 zusätzliche Übernachtungen. Das entspricht nach ihren Berechnungen einer Wertschöpfung von 7,3 Millionen Euro und 150 Vollzeit-Arbeitsplätzen. Wegen des Job-Effekts hat das Land für die drei Hotels 5,7 Millionen Euro Fördergeld zugeschossen. Auch die kommunale Kasse bekommt nun für ihre Vorleistung etwas zurück: allein an zusätzlicher Kurabgabe 400.000 Euro pro Jahr.

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erstellt am 21.Aug.2015 | 18:02 Uhr

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