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Mit Videos aus Kiel, Flensburg und Rostock : Gesperrte Straßen, volle Keller: Sturmflut 2017 hinterlässt Schäden an der Ostseeküste

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Es war die stärkste Sturmflut seit zehn Jahren - und sie war noch heftiger als zunächst erwartet.

Flensburg/Kiel/Schwerin | Die stärkste Sturmflut an Deutschlands Ostseeküsten seit 2006 hat in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zu Überschwemmungen und Schäden geführt. Am Donnerstagmorgen sanken die Pegelstände entlang der Küste aber überall wieder. Vielerorts waren Keller vollgelaufen, Autos mussten weggeschleppt werden. Menschen wurden nach Angaben der Polizei durch die Wassermassen nicht verletzt (die aktuellen Pegelstände können Sie jederzeit hier nachlesen). Am Donnerstagvormittag folgte überall das große Aufräumen und Aufatmen, weil das Ganze alles in allem glimpflich ausging.

Die stärkste Sturmflut seit zehn Jahren hat große Schäden an den Stränden hinterlassen. Die durch den Klimawandel bedingten extremer werdenden Wetterphänomene könnten sich langfristig auf den Tourismus in Schleswig-Holstein auswirken - weil durch sie der Wasserstand steigt und die Strände kleiner werden. Einzelheiten dazu finden Sie hier.

Von der Sturmflut betroffen waren etwa Kiel, Lübeck, Rostock, Warnemünde, Flensburg, Eckernförde, Wismar und Usedom. Auf Rügen wurden einzelne Deiche überspült. Häuser in Strandnähe liefen voll wie bei Heikendorf und Laboe (Kreis Plön) oder in Warnemünde das Restaurant „Seehund“. Mancherorts drückte die Sturmflut auch Boote auf Stege.

Das Wasser stand entlang der Flensburger Schiffbrücke bis zu 50 Zentimeter hoch auf der Fahrbahn.
Das Wasser stand entlang der Flensburger Schiffbrücke bis zu 50 Zentimeter hoch auf der Fahrbahn. Foto: Sebastian Iwersen
 

An der Ostsee lagen vielerorts die Pegelstände am späten Mittwochabend zwischen 1,50 und 1,70 Meter höher als üblich - in Lübeck wurden sogar 1,79 Meter und in Wismar 1,83 gemessen, wie auf „Pegel Online“ registriert wurde. Am frühen Donnerstagmorgen war ein Teil des Wassers wieder abgelaufen: Um 4.45 Uhr stand es nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) in Wismar und Flensburg noch 1,47 Meter, in Greifswald 1,41 Meter und in Kiel-Holtenau 1,42 Meter höher als normal. In Lübeck wurden 1,48 Meter höher als gewöhnlich gemessen.

Dieses Video zeigt das Ausmaß der Überflutung in Flensburg:

 

Das Hochwasser trat in Flensburg am Mittwoch gegen 19.10 Uhr über die Kaimauer an der Schiffbrücke. Auf dem Parkplätzen befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch rund 25 bis 30 Fahrzeuge. Bei der überwiegenden Anzahl konnten die Halter telefonisch erreicht werden. Etwa sieben Pkw wurden abgeschleppt oder zum Parkplatz Exe umgesetzt. Bei einem Pkw gelang dies aufgrund des stetig ansteigenden Wasserspiegels nicht mehr.

Ein Mehrzweckschiff drohte sich aufgrund des ansteigenden Wasserspiegels in den Festmachern aufzuhängen. Die Wasserschutzpolizei Flensburg stellte fest, dass das Schiff auf Höhe der Segelmacherstraße auch wegen der starken Spannung bereits eine leichte Neigung hatte. Das Hafenamt übernahm.

Gefährliche Schräglage: Das Flensburger Hafenamt kümmerte sich um das Mehrzweckschiff.
Gefährliche Schräglage: Das Flensburger Hafenamt kümmerte sich um das Mehrzweckschiff. Foto: Gerrit Hencke

Die Leitstelle Nord in Harrisle meldete für Flensburg zwei Feuerwehreinsätze. Die Berufsfeuerwehr Flensburg sichtete eine geringfügige Überflutung im Hotel „Alte Post“ - konnte den Einsatz aber an eine Privatfirma abgeben, da keine weitere Gefahr bestand. Im Hotel „Hafen Flensburg“ in der Schiffbrücke musste allerdings Wasser abgepumpt werden. Hier stand ein Fahrstuhlschacht unter Wasser.

Am Donnerstagmorgen begannen die Aufräumarbeiten an der Schiffbrücke. Auch aus dem Lokal „Bährenhöhle“ wurde das Wasser abgeleitet.

Foto: Sven Geissler
 

„Es war die stärkste Sturmflut seit 2006“, sagte Jürgen Holfert, Leiter des Wasserstanddienstes Ostsee des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Am Donnerstagmorgen dürfte der Wasserstand zwar vielerorts noch einen Meter höher als sonst sein. „Die Gefahren der Sturmflut sind aber gebannt.“ Die Wasserstände seien etwa zehn Zentimeter höher ausgefallen als prognostiziert, in der Region Lübeck noch etwas mehr.

Lübeck hart getroffen

Die Höhe der Sachschäden könne noch nicht beziffert werden, sagte eine Polizeisprecherin am Donnerstagmorgen. 20 Mal rückte die Polizei nach eigenen Angaben in Lübeck und Ostholstein von Mittwochabend bis Donnerstagfrüh zu Hochwassereinsätzen aus. Entgegen der Erwartungen sei das Hochwasser in der Nacht zu Donnerstag nicht so schnell abgelaufen wie erwartet, teilte die Feuerwehr mit.

Besonders betroffen war nach Angaben der Polizei die Lübecker Altstadt. Im Bereich An der Obertrave und den Gruben lief das Wasser auf die Fahrbahn. Zehn Autos mussten vorsorglich abgeschleppt oder aus dem Wasser geborgen werden.

Zugänge zur Lübecker Altstadt waren für Fußgänger nicht mehr passierbar. Der Einsatzstab in der Welterbe-Stadt sei kurzfristig personell verstärkt worden wegen zunehmender Notrufe, sagte Matthias Schäfer von der Feuerwehr Lübeck. „Viele Leute hatten ihre Häuser nicht genügend gesichert, wir mussten mit Sandsäcken die Objekte schützen.“ Mehrere Keller in Lübeck und Neustadt in Holstein liefen voll.  Am Mittwochabend lag der Pegel zum Höchststand bei 1,79 Meter über Normal, am Donnerstagmorgen zog sich das Wasser zurück und lag noch bei 1,25 Meter über Normal, wie auf „Pegel Online“ registriert wurde.

Außer der Berufsfeuerwehr waren in Lübeck auch 16 der dort vorhandenen 22 Freiwilligen Feuerwehren im Hochwassereinsatz. Nach der Hochwassernacht wurden am Donnerstagvormittag die Schäden gesichtet und mit den Aufräumarbeiten begonnen.

Teile von Kiel, Laboe und Mönkeberg unter Wasser

In Kiel mussten mehrere Straßen für den Verkehr gesperrt werden. In Kiel wurde die Uferstraße an der Förde zwischen dem Institut für Weltwirtschaft und dem Marinehafen überschwemmt. Das Video zeigt Überschwemmungen am Kieler Hafen, in Laboe und in Mönkeberg.

„Der Kelch ist an uns nochmal vorbeigegangen“, sagte ein Polizeisprecher. In der Landeshauptstadt wurde lediglich ein Feuerwehreinsatz gezählt. Dagegen musste die Freiwillige Feuerwehr in Eckernförde mehrere überflutete Strassen im Hafengebiet sichern beziehungsweise abpumpen. Im Kreis Plön waren die Freiwilligen Feuerwehren Laboe und Heikendorf im mehrstündigen Pump- und Sicherungseinsatz, unter anderem an einem gesunkenen etwa sieben Meter langen Boot in Heikendorf. Hier mussten auch Ölsperren in Wasser gesetzt werden, um einen Umweltschaden zu verhindern.

In Heiligenhafen (Kreis Ostholstein), das bei der Sturmflut 2006 stark getroffen worden war, bewährte sich laut Bürgermeister Heiko Müller das seitdem aufgebaute Hochwasserschutzsystem. Im Hafenbecken sei das Wasser höher als an Land, aber eine 800 Meter lange Spundwand habe das Wasser abgehalten. Allerdings habe es geschneit, und der Schnee sei dann schnell geschmolzen - mit der Folge, dass sich fast Gummistiefelhoch Wasser hinter der Spundwand sammelte. Am Nordstrand wurde erst im Herbst aufgeschütteter Sand vom aufgewühlten Meer weggespült. „Das ist alles futsch“, sagte Müller auf dem Deich stehend; das Wasser stand nur noch einen Meter unter der Deichkrone. Zum Interview mit Heiko Müller geht es hier.

In Heiligenhafen holte man sich naße Füße vor der „Fischhalle“.
In Heiligenhafen holte man sich naße Füße vor der „Fischhalle“. Foto: Arne Jappe/ Thomas Nyfeler
 

Viele Geschäftsleute verbrachten die Nacht in ihren Geschäften am Hafen, da sie sich große Sorgen machten. Eigene Flutschutzkonstruktionen aus einem riesigen Schlauch schütze mehrere Geschäfte an der Promenade. In „Ortmühle“ bei Heiligenhafen überflutete die Sturmflut Grundstücke und Strassenzüge.

Auf Fehmarn wurden Teile der Steilküste beschädigt und genau mittig auf einem Wanderweg brach die Steilküste weg. In Ferienhaussiedlung nahe Lemkenhafen (Fehmarn) wurden Strassenzüge überflutet.

Schäden auch in Mecklenburg-Vorpommern

Auf der Insel Usedom in Mecklenburg-Vorpommern verursachte die Sturmflut größere Schäden. Es wurde dort die Alarmstufe 3 ausgerufen. Zwischen Koserow und Zempin habe es Steiluferabbrüche gegeben. Treppenaufgänge, Imbissbuden und Teile von Strandpromenaden seien weggerissen worden, sagte der Sprecher des Kreises Vorpommern-Greifswald, Achim Froitzheim. „Das ist kein Kindergeburtstag. Das ist schlimmer als erwartet.“

Die Seebrücke in Zinnowitz auf Usedom wurde durch das Hochwasser beschädigt.
Die Seebrücke in Zinnowitz auf Usedom wurde durch das Hochwasser beschädigt. Foto: Tilo Wallrodt
 

In Rostock entlang der Warnow waren viele Häuser in einem zwei Kilometer langen Abschnitt gefährdet. Eine Straße wurde über mehrere Kilometer wegen des Hochwassers gesperrt, in Häuser drang Wasser ein.

Auf der Insel Rügen überspülte das Hochwasser im Bereich Mönchgut-Granitz eine Straße und schnitt einen Ortsteil von der Hauptgemeinde Gager ab. Das Wasser stand rund 40 Zentimeter hoch auf der Zufahrtsstraße. Zudem wurde nach Feuerwehrangaben auf Mönchgut-Granitz ein Deich auf etwa 100 Meter Länge überflutet. Menschen seien nicht gefährdet, hinter dem Deich lägen Wiesen. Rund 120 Feuerwehrleute seien dort alarmiert worden.

In Wismar liefen im Hafenbereich der Altstadt einige Keller voll, wie Stadtsprecher Marco Trunk sagte. Der Pegelstand habe einer schweren Sturmflut entsprochen. Teile des Alten Hafens waren überflutet.

Da in Stralsund die Hafeninsel teilweise überflutet wurde, wurde das Ozeaneum - Mecklenburg-Vorpommerns besucherstärkstes Museum - mit Spundwänden gesichert.

Hintergrund: Sturmhochwasser und Sturmfluten

Anders als in der Nordsee gibt es in der Ostsee keine großen Gezeiten mit Flut und Ebbe. Laut Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) treten in der Ostsee nur kleine Restgezeiten als Auswirkung der Nordsee auf, die von Westen nach Osten abnehmen und in Flensburg etwa 25 Zentimeter und in Koserow (Usedom) nur etwa drei Zentimeter betragen. Eine Sturmflut ist streng genommen an der Ostseeküste ein Sturmhochwasser.

Dennoch bürgerte sich im 19. Jahrhundert mit der verheerenden „Sturmflut von 1872“ der Begriff auch für die Ostsee ein. Mit Wasserständen von etwa drei Meter über Normal „überflutete“ die Ostsee ganze Landstriche zwischen Dänemark und Pommern. An der südwestlichen Ostseeküste starben 273 Menschen.

Nach der deutschen Teilung wurde in Schleswig-Holstein der Begriff Sturmflut für die Ostsee weiterverwandt, während in der DDR Wasserstände mit mehr als einen Meter über Normal als Sturmhochwasser galten. Mit der Wiedervereinigung setzte sich die historische Bezeichnung auch wieder im Ostteil Deutschlands durch. Die Behörden sprechen einheitlich von Ostsee-Sturmfluten. 

Auf Rügen und Usedom hatten die Wellen bereits am Nachmittag an den Stränden genagt. In Binz auf Rügen erreichte das Wasser den Dünenfuß, ebenso in Heringsdorf auf Usedom, wie die Bürgermeister berichteten. Der Fähranleger an der Seebrücke Binz wurde gesperrt, ebenso die Seestege in Bansin und Ahlbeck.

Für die Nord- und Ostsee gelten unterschiedliche Sturmflutkategorien. Die Tabelle zeigt welche:

Nordsee Wasserhöhe
Sturmflut 1,5 bis 2,5 Meter über mittlerem Hochwasser (MHW)
Schwere Sturmflut 2,5 bis 3,5 Meter über MHW
Sehr schwere Sturmflut Mehr als 3,5 Meter über MHW
Ostsee  
Sturmflut 1 bis 1,25 Meter über mittlerem Wasserstand
Mittlere Sturmflut 1,25 bis 1,5 Meter über mittlerem Wasserstand
Schwere Sturmflut 1,5 bis 2 Meter über mittlerem Wasserstand
Sehr schwere Sturmflut Mehr als 2 Meter über mittlerem Wasserstand

 

Chronologie der Sturmfluten

Ähnlich schwere Sturmfluten hatten die deutsche Ostseeküste nach Angaben des BSH am 21. Februar 2002 und am 1. November 2006 erreicht. Damals stieg das Wasser beispielsweise in Warnemünde auf 1,58 Meter (2002) und 1,62 Meter (2006) über Normal. In Koserow auf der Insel Usedom wurden Höchststände von 1,71 Meter (2002) und 1,54 Meter (2006) über Normal erreicht. Die Sturmflut von 2002 hatte beispielsweise Seebrücken auf Usedom und Rügen beschädigt und an Küstenschutzanlagen Schäden in Millionenhöhe verursacht.

Sturm und Straßenglätte sorgen bundesweit für Unfälle

Sturm und Schnee sorgten auch für zahlreiche Unfälle in Mecklenburg-Vorpommern, allein zwischen 18 und 22 Uhr wurden der Polizei 22 glättebedingte Unfälle gemeldet. Auch in Bayern und Baden-Württemberg brachten glatte Straßen Autofahrer ins Schleudern. In Oberbayern krachte es nach Polizeiangaben dreimal so häufig wie sonst.

Tief „Axel“ sollte von Skandinavien in der Nacht quer über die Ostsee weiter nach Weißrussland ziehen. Vor allem im Osten und Süden Deutschlands kann es laut DWD aber auch am Donnerstag tagsüber noch bei kräftigen Schnee- und Graupelschauern zu Wintergewittern kommen.

An den Nordrändern der Mittelgebirge sowie an den Alpen könne es lang anhaltende Schneefälle geben. Im Bergland könnten die Temperaturen über frisch gefallenem Schnee sogar auf minus 20 Grad sinken. Am Freitag sei in ganz Deutschland tagsüber „gemäßigter Frost“ bis minus sieben Grad zu erwarten.

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erstellt am 05.Jan.2017 | 13:53 Uhr

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