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Panorama

03. Dezember 2016 | 16:45 Uhr

Protokolle aus dem Jugendarrest : Einfach weggehen geht nicht - dafür ist mein Ego zu groß

vom
Aus der Onlineredaktion

Sebastian (Name geändert) ist 20 Jahre alt. Er ist im wegen Körperverletzung im Jugendarrest. So erzählt er seine Geschichte.

Die Polizisten-Prügelei

Man wollte feiern und sich nicht mit Polizisten abärgern.

Das war eine Hausparty von nem Kollegen. Und da war eine Zweieinhalbzimmerwohnung und wir waren am Ende 60 oder 70 Leute. Anfangs war auch alles noch in Ordnung, alles super. Jeder hatte Partylaune und so. Und irgendwann hatte irgendjemand angefangen im Treppenhaus zu randalieren, vom Geländer so eine Stange rauszutreten. Deshalb fing es dann auch an, dass die Polizei gerufen wurde von den Nachbarn. Und dann kamen mehrere Polizeiwagen an und hatten dann die Hausparty gesprengt. Natürlich war ich sauer. Ich meine, man wollte feiern und sich nicht mit Polizisten abärgern. Die sind angekommen, die sind in die Wohnung gestürmt, kamen rein und haben gesagt, erstmal alle raus. Weil die Wohnung sah danach sehr wüst aus, jeder hatte da noch rumrandaliert und einfach Sachen sinnlos kaputt gemacht. Wobei, ich hab nichts kaputt gemacht. Dann waren wir alle vor der Wohnung gewesen und dann wollten die von uns allen die Ausweise haben und der eine Polizist kam mir dann sowieso schon sehr frech vor, fand ich. Sehr unkooperativ. Und meinte dann, mich runternehmen zu müssen. Da meinte ich: Ne, will ich nicht, ich will nach Hause. Und dann meinten die so: Ne is nich und haben mich dann eine Etage mit runtergenommen und waren dann auf einmal zu zweit. Der eine etwas älter, der andere etwas jünger. Und die haben dann versucht, mich auf den Boden zu drücken und so. Mich festzusetzen. Auf jeden Fall ging es dann los, es wurde eine Handgreiflichkeit. Ich hatte so meine Arme zur Seite geschwungen und dann sind beide Polizisten erstmal zur Seite – ich sag mal geflogen. Und dann hatten sie mich irgendwann nach fünf bis zehn Minuten zu Boden bekommen.

Ende des Liedes war: Ich hatte ne Platzwunde an der Stirn, hatte Schmerzen am Hinterkopf, am Kiefer, weil ich zwei Schläge von den Beamten noch bekommen hatte. Sie hatten mich gegen das Geländer gehauen beim Runterdrücken und so. Und am Ende saß ich dann mit Handschellen und blutender Stirn und wurde dann nach unten gebracht. Dann hatten die das so hingedreht, dass ich zu stark alkoholisiert war. Ich hatte noch Cannabis konsumiert, also ich hab gekifft, aber sonstige Drogen hatte ich nicht konsumiert. Dann hatte ich gepustet und hatte nicht einmal 1,2 Promille. Sie mussten mich also wieder laufen lassen, weil ich noch Herr meiner Sinne war.

Vor Gericht

Einfach weggehen geht nicht. Dafür ist mein Ego zu groß

Die Richterin hat es so hingestellt, dass meine Geschichte nicht stimmte. Die Polizisten hatten eine abgekartete Geschichte. Die wissen mit mehrjähriger Berufserfahrung, was die Richterin hören will. Da hatten sie mich vor Gericht ausgespielt und ich stand da als Buhmann. Die Polizisten meinten, ich sei handgreiflich geworden und hatte dem einen einen Faustschlag gegeben. Der eine Polizist war vor Gericht, der, der mir auch den Faustschlag versetzt hatte. Nach der Gerichtsverhandlung haben wir nicht noch mal gesprochen. Das ist auch ehrlich gesagt besser so für ihn. Würde ich ihn nochmal sehen, ich würd ihm die Leviten lesen. Also auf  jeden Fall noch ein paar ernste Worte mit ihm sprechen. Ich fühlte mich auf jeden Fall unrecht behandelt, sie sind zu weit gegangen, definitiv. Dadurch dass ich zwei Verfahren an einem Tag hatte, hatte ich zwei Strafen bekommen. Das war einmal 300 Euro Schmerzensgeld durch eine Party. Da hatte ich eine Auseinandersetzung mit jemandem gehabt und da hat er eine Zigarette von mir ins Gesicht bekommen. Aus Frust und da ich Raucher bin und sowieso grad ne Zigarette in der Hand hatte, dachte ich: Drückst du ihn die mal kurz ins Gesicht. Also nicht ausgedrückt sondern angedrückt. Ich mein, bis zu einem gewissen Punkt redet man, aber irgendwann bringt einem reden nichts mehr. Einfach weggehen geht nicht. Dafür ist mein Ego zu groß. Und wegen der anderen Sache hatte ich als einzige Auflage das Anti-Gewalt-Training bekommen. Ich bin eigentlich immer ruhig gewesen, aber dann kam auf einmal alles.

Der Brief

Das Schlimmste wäre, dass er mich als Nichtsnutz sieht.

Ich wohn bei meiner Mutter, bin ohne meinen Vater aufgewachsen. Hab also nie gelernt, wie es ist, zu einer männlichen Person raufzuschauen, sondern nur zu einer weiblichen Person. Dementsprechend fehlt mir auch ein bisschen so im Leben dieses so: „Dududu, mach mal nicht“, weil Mutti hat es irgendwann einfach nicht geschafft zu sagen: „Mach dies nicht, sei ein lieber Junge.“ Sie war immer arbeiten, ich war auf mich allein gestellt. Ich habe eine vier Jahre ältere Schwester. Auch ein Problemkind, sehr zickig, arrogant. Griesgrämig. Choleriker, sag ich mal so. Dementsprechend hatte meine Mutter es sowieso nicht leicht mit uns beiden als alleinerziehende Mutter. Mein Vater hat sich vor meiner Geburt von meiner Mutter getrennt und hatte sich seitdem nicht gemeldet. Dann hat er mir zum 18. Geburtstag einen Brief geschrieben, auf den ich bis jetzt noch nicht geantwortet habe. Darin stand, dass er sich gerne erklären würde, warum das alles so gekommen ist. Vielleicht fürchte ich mich ein wenig vor dem, was mich bei meinem Vater - oder sagen wir bei meinem Erzeuger - erwartet. Wenn ich ihm gegenübertrete. Das Schlimmste wäre, dass er mich als Nichtsnutz sieht. Und dass er nichts mit mir zu tun haben will, wenn er mich erst kennen gelernt hat. Ich bin ja in der Jugendarrestanstalt, bin ausbildungssuchend. 20 Jahre war er nicht da. Ich will ihn in nächster Zeit kennen lernen, dass ich weiß, woher ich stamme. Hätte ich ein geregeltes Leben, also morgens aufstehen, zur Ausbildung gehen und abends irgeneinem Hobby nachgehen, könnte ich mit ein bisschen weniger Angst dahin gehen.

Schule

Auf dem graden Weg hat es nicht so geklappt

Ich bin sehr oft umgezogen in meinem Leben und dadurch habe ich sehr viele verschiedene Schulen besucht. Ich habe es bis zu meinem Hauptschulabschluss geschafft. Ich habe auch einen relativ guten Hauptschulabschluss. In Mathe eine zwei, darauf bin ich sehr stolz. Mir war eine weitere Schulbildung nicht wichtig, weil ich wollte arbeiten, ich wollte mein eigenes Geld verdienen. Es war dann so, weil es auf dem graden Weg nicht so geklappt hat, dass man irgendwann dann so Stück für Stück auf die schiefe Bahn kam. Das erste Jahr nach der Schule habe ich es nicht geschafft, eine Ausbildung zu bekommen, das zweite Jahr habe ich mich dann bemüht und war in einer Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme, BVB genannt. Dann hatte ich eine Ausbildung angefangen, bin dann aber während der Probezeit gekündigt worden, weil ich eine Gerichtsverhandlung wegen Diebstahl hatte. Das war noch so ein altes Delikt.

Die Einbrüche

Ich steh morgens auf, ich kiff den ganzen Tag, zocke

Ich hatte schon immer Ärger mit der Polizei gehabt. Als ich elf war, habe ich die falschen Freunde kennen gelernt, die mich dann benutzt hatten, um zu klauen bei Sky oder bei Lidl. Jedesmal wenn wir erwischt wurden, wurde das auf mich geschoben. Und dann habe ich meine guten Freunde kennen gelernt, mit denen ich die Einbrüche gemacht habe.

Mein Leben momentan ist: Ich steh morgens auf, ich kiff den ganzen Tag, zocke und mache viel mit meinen Freunden. Und mach hier mal und da mal Geld. Durch das Handeln von BTM, durch Dinger, durch Einbrüche. Oder man bestiehlt irgendwen oder zieht irgendjemand ab. Einbrüche mache ich schon länger nicht mehr. So bestimmt an die zehn Stück habe ich gemacht. Es waren drei Einbrüche in Häuser, wo wir Fernseher und Schmuck und Bargeld gefunden haben und mitgehen lassen haben. Wenn man das begeht, denkt man nicht drüber nach, was der andere denkt, wie der sich fühlt. Dann war es in Blumenläden oder in Einkaufsläden. In einen Getränkemarkt sind wir schon eingebrochen, mit nem Seil, also mit Kletterausrüstung. Wir haben an die Regenrinne das Seil gespannt und der eine Kollege ist dann nach hinten gegangen und ich hoch. Wir hatten in einer Nacht 100 Bierkisten von dem Getränkemarkt entwendet und dadurch nicht nur was zum Trinken gehabt, sondern am Ende, wenn man das Leergut abgegeben hat, auch Geld. Weil 100 Kisten waren gute 350 Euro, und zwei, drei Monate ordentlich Alkohol zum Trinken. Früher war das ein fester Kreis, wir waren zu viert. Man baut nicht mit jedem Mist weil heutzutage gibt es viele Verräter, die dann unter Polizeidruck aussagen. Wir waren nie im Visier, dadurch dass wir das gut angegangen sind. Wir haben es gut geplant und auch richtig abgeschlossen. Wir hatten Handschuhe. Wir hatten die Hosen an die Socken getapet. Wir hatten die Handschuhe an den Pullover getapet, ne Maske auf, ne Mütze drüber. Dementsprechend konnte man uns nie was nachweisen.

Erwischt werden

Irgendwann fressen einen die Gedanken auf

Natürlich lebt man immer mit der Angst, wenn man Straftaten begeht, dass man immer mit einem Bein im Gefängnis steht. Ich deal mit Cannabis und mit Ecstasy. Auch bei meinem Handel mit BTM ist klar, früher oder später wird man gefasst. Wichtig ist nur, das so lange wie möglich herauszögern zu können. Vielleicht ist es auch so, dass ich erstmal ne Bewährungsstrafe bekomme. Ich habe bis jetzt noch keine Bewährungsstrafe bekommen. Man denkt erst drüber nach, wenn es soweit ist. Alle raten mir, leb bescheiden, leg Geld zur Seite und versuch nebenbei immer noch, auch einen graden Weg zu gehen. Dementsprechend will ich eine Ausbildung anfangen. Es ist halt einfach so, durch Straftaten macht man immer plus. Man verschafft sich immer einen Vorteil, auch wenn es hart klingt. Nur wenn man erwischt wird, dann ist es Minusmachen.

Ich bin jetzt insgesamt das dritte Mal hier. Das erste Mal war für fahren ohne Fahrerlaubnis mit nem Roller. Ich wurde dann von der Polizei erwischt und hatte einen Wochenendarrest bekommen - und 30 Sozialstunden waren, das glaub ich. Wochenendarrest war sehr schwer für mich. Das erste Mal eingesperrt werden. Das erste mal wirklich sich mit sich befassen zu müssen. Man sollte keinen Menschen einsperren, man kann einem nicht die Freiheit nehmen. Im Arrestraum hat man sehr sehr viel Zeit mit sich und irgendwann fressen einen die Gedanken auf. Die ganzen schlimmen Gedanken. Das holt einen alles ein. Eine Viertelstunde war eine Stunde. Zwei Wochen kamen einem wie sechs vor. Danach versucht man sich zu bessern, aber meistens klappts einfach nicht und dann macht man weiter wie zuvor. Wenn jetzt was kommen sollte, das wäre dann die Notbremse für mich, wenn ich dann die Bewährung bekomme. Und das wäre dann so ein Break, ok bis hier hin und nicht weiter.


Lesen Sie auch die Geschichte von Karin: „Ich finde es gut, dass man es mir nicht ansieht, dass ich kriminell bin“

Karin liest in ihrer Zelle. Nach 15 Minuten wird ihr langweilig, sagt sie.

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Foto: Christian
 

Karin ist 17 Jahre alt und im Jugendarrest wegen schwerer Körperverletzung. So erzählt sie ihre Geschichte.

Ich bin wegen gefährlicher Körperverletzung hier. Ich seh nicht so aus, aber die meisten Täter sehen nicht so aus. Wenn man mich auf die Palme bringt, dann kann ich auch anders werden. Ich finde es gut, dass man es mir nicht ansieht, dass ich, ich sag mal, kriminell bin. Bei manchen Leuten sieht man das, wenn die so Piercings haben und gefärbte Haare und so... Wie es kam, dass Karin sich häufig prügelte.

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erstellt am 28.Jul.2016 | 00:00 Uhr

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