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Panorama

11. Dezember 2016 | 03:23 Uhr

Protokolle aus dem Jugendarrest : Einfach nur Tasche auf und rein

vom
Aus der Onlineredaktion

Christian (Name geändert) ist 19 Jahre und wegen Ladendiebstahls im Arrest. So erzählt er seine Geschichte.

Die Diebstähle

Netto hat mich nicht angezeigt. Aber Aldi hat angezeigt.

Ich bin wegen Diebstahl hier. Gott sei dank habe ich nur zwei Wochen wegen so vieler Diebstähle bekommen. Ich hab ein paar Sachen geklaut in ein paar Geschäften. Das war ein Fehler. Unnötiges Zeug habe ich geklaut eigentlich. Ich war auch schon in Therapie deswegen, aber es hat nicht geklappt. Zum Beispiel Anziehsachen hab ich geklaut. Das hat auch oft sehr gut geklappt. Und dann bin ich am gleichen Tag wieder zurück und wollte noch mehr haben, aber dann hat der Detektiv mich halt gesehen und hat mich festgehalten. Oder zum Beispiel Aldi, da habe ich einfach Lebensmittel geklaut. Wer macht das bitte heute noch?

Das ist ein schreckliches Gefühl, wenn man da vor den ganzen Leuten mitgenommen wird. Ich hatte Gyros und Zigaretten. Netto hat mich nicht angezeigt, die haben mir nur Hausverbot erteilt. Aber Aldi hat angezeigt.

Ich weiß nicht, wieso ich das getan hab. Bei vier Geschäften wurde ich erwischt. Karstadt, C&A, Aldi, Netto. Edeka habe ich auch geklaut, da habe ich Hausverbot.

Das erste mal war mit elf oder zehn. Ich hab's gesehen, ich hatte einfach kein Geld. Ich dachte: ok, dann nimmst du's einfach mit. Dann hab ich's einfach mitgenommen. Beim ersten Mal hats geklappt. Ich hab dann dieses Teil abgenommen. Einfach nur Tasche auf und rein.

Der Arrest

Dann sitzt man nachts auf dem Bett und wartet

Wir sind alle am Montag gekommen, die jetzt hier sind. Direkt am Montag mussten alle in unserer Zelle gammeln, man hat sich vom Fenster unterhalten, obwohl man das nicht darf. So, ey, was machst du hier, wie heißt du. Wie alt bist du?

Das schlimmste ist, dass man den halben Tag, wenn man fertig ist mit der Gruppenarbeit, in der Zelle sitzt. Da dreht man irgendwann durch. Man sieht die Gitter vorm Fenster. Da drinne sind's 31 Grad in der Zelle. Und man liegt da im Bett und schwitzt. Dann diese fette Stahltür, die dazwischen ist. Einmal abschließen, zweimal abschließen, dreimal abschließen viermal abschließen. Die schließen viermal ab. Dann sitzt man nachts auf dem Bett und wartet, bis halb sieben ist und Frühsport anfängt.

Ich hab jetzt gemerkt, dass dein Leben, wenn du hier drinne sitzt, den Bach runter geht. Sozusagen. Das erste, was ich mache, wenn ich raus komme: Ich komme nach Hause, schmeiß meine Sachen in die Waschmaschine und würde dann direkt zu meinem Sohn gehen. Würde da klingeln und sagen: So ich bin jetzt auf freiem Fuß, ich würde gern mit ihm spazierengehen oder auf den Spielplatz. Ich möchte den Kleinen sehen.

Ich hab ihn, wenn ich Samstag rauskomme, zwei Wochen nicht gesehen. Der ist jetzt zwei geworden. Das tut halt weh, ich denk jeden Abend an den Kleinen, ich hab kein Bild mitgenommen, das hab ich vergessen. Ich hab einen Brief geschrieben, wie es meinem Sohn geht, es kam bis jetzt nichts zurück. Da wird auch nichts kommen.

Der Sohn

Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte.

Mittlerweile würde ich mich als guten Vater bezeichnen. Ich musste viel lernen, weil als Mann weiß man halt nicht so viel. Wie man sich verhalten soll. Ich bin ein junger Vater, ich bin mit 17 Vater geworden. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Ich hab halt ganz viel abgeguckt von den Leuten. Wie man ihn wickelt, wie man ihn anzieht. Jetzt hab ich das alles drauf und ich weiß, wann er ins Bett zu gehen hat, wann er aufzustehen hat für die Kita. Ich weiß, wo man ihn abholen muss. Das ist jetzt nicht mehr schwer. Ich bin ein guter Vater. Ab 18 Uhr gibt's auch kein Süßes, nichts. Nur noch Möhre, Wasser oder Tee, Cola kriegt er erst ab 12. Das erste Bier ab 17. Das hat er mit mir zu trinken, das erste Bier. Mit dem Kind halt, die haben gesagt, das ist sehr sehr früh. Aber dann ist es passiert halt. Da war ich 17 und sie 19.

Die Freundin/die Ex

Ich hab auch viel Mist gebaut in der Beziehung

Ich darf mein Kind nicht sehen, seitdem mir das unterstellt wird, dass ich meine Ex-Freundin vergewaltigt und zusammengeschlagen hätte. Aber das würde ich niemals wagen. Sie selbst hat das ihrer Mama erzählt und die glauben natürlich der Tochter. Mir wird kein Wort geglaubt, ich hab immer wieder erzählt, ich war es nicht.

Entweder will sie mich loswerden, weil wir verstehen uns mittlerweile nicht mehr. Ohne einander können wir nicht und miteinander können wir nicht. Das ist halt schwer, es tut halt weh im Herzen. Ohne diese Frau kann ich irgendwie nicht. Sie ist so die erste große Liebe für mich. Wir sind knapp vier Jahre zusammen gewesen. Ich hätte sie auch gerne geheiratet. 

Das Problem ist, sie ist so ein bisschen krank. Ich weiß nicht, wie man das nennt. Im Kopf. Sie sieht drei Personen in mir. Drei Stück. Ich weiß nicht, wie diese Diagnose heißt. Das habe ich ne lange Zeit mitgemacht. Und jetzt geht das nicht mehr. Ich hab das halt mitgespielt, das war ein großer Fehler von mir.

Ich hab auch viel Mist gebaut in der Beziehung. Fremdgegangen bin ich zwar nie, aber ich hab sie viel angelogen. Ich hab sie direkt nicht geschlagen, also sie hat mir ne Kopfnuss gegeben und ist hingefallen und lag sie auf dem Fußboden und ich hab sie gepackt und gesagt: Du sollst aufhören.

Wir sind eigentlich sozusagen Patchwork-Geschwister. Mein Vater ist mit ihrer Mutter verheiratet. Das darf man ja, das ist legitim. Dann haben wir uns gut verstanden und dann sind wir zusammen gekommen.

Meine Mutter kann mir gestohlen bleiben. Die lebt irgendwo. Ich weiß nicht, wo sie lebt. Sie hat mich geschlagen und hat einfach meinen Vater sitzen lassen mit uns Kindern. Also er hat uns da rausgeholt, weil sie uns immer geschlagen hat. Da war ich vier oder so.

Schule und das Mobbing

Ich habe einen Hauptschulabschluss gefälscht. Einfach so für Freunde zum Angeben.

Ich war auf der Grundschule, konnte keine Schlange malen und musste dann direkt auf die Förderschule. Von der ersten bis zur neunten war ich auf der Förderschule, aber ich habe keinen Abschluss gemacht. Ich wurde gemobbt. Nach dem neunten Schuljahr habe ich abgebrochen, also hätte ich den Hauptschulabschluss machen können. Aber meine Eltern haben gesagt, den schaffe ich nicht. Die haben nie an mich geglaubt. Mein Vater hatte nicht mit mir gelernt. Wenn ich's durchgezogen hätte, hätte ich's geschafft.

Ich habe überlegt, einen Hauptschulabschluss zu machen. Einen qualifizierten Hauptschulabschluss und dann meinen Realschulabschluss. Mein Traum wäre Fachabi. Dann könnte ich mir eine Richtung aussuchen, was ich machen möchte. Glaube ich, ich bin mir nicht sicher. Kann man da auch Arzt werden? Arzt muss man studieren, ne? Aber mein Traum wäre Fachabi. Kein Witz. Ich hab im Internet auf meinem Handy schon so ein paar Fragen von der Hauptschule so angeguckt.

Das Ding ist, meine kleine Schwester, die hat mich immer so schlecht geredet. Das Ding ist, ich hab nur eine Niere, aber die ist so groß wie zwei. Und das hat die halt jedem gesagt und dann sagten sie: Du Krüppel, du Missgeburt. Früher beim Fußballspielen wurde ich gemobbt: Fettsack, du fettes Schwein. Das hat mir irgendwann gereicht und dann habe ich meinem Vater Bescheid gesagt und dann habe ich abgenommen und dann wurde ich als Freund angesehen.

Ich bereue, dass ich die Förderschule abgebrochen habe. Sonst hätte ich zumindest einen Hauptschulabschluss jetzt. Damit hätte ich auch schon was machen können. Das einzige was ich mal gemacht habe – das darf man nicht, das ist Urkundenfälschung: Ich habe einen Hauptschulabschluss gefälscht. Einfach so für Freunde zum Angeben. Ich habe den Namen von meiner Freundin weggemacht, die hat nen qualifizierten Hauptschulabschluss und habe am PC den Namen eingegeben, meinen Namen. Und ein anderes Jahrgang. Das sieht aus wie ein Original-Hauptschulabschlusszeugnis. Und wenn einer sagt: Du hast ja sowieso nichts – hier bitteschön. Ich steh dann halt da mit nichts. Das ist halt doof, ist halt ärgerlich.

Ich bin dann arbeiten gegangen, bei Zeitarbeitsfirmen. So wie Gartenarbeiten, ich weiß nicht, wie diese dicken Dinger heißen, diese fetten Lüftungen von früher, die man aneinander schraubt, die meistens im Keller so langlaufen in Hotels, in alten. Die mussten wir rausreißen. Dann hat das Ding 90 Kilo gewogen. Mussten wir rausreißen, mussten wir alleine klein machen. Ich hab viel gejobbt in meinem Leben. Immer so vier Wochen, dann wird man rausgeschmissen. Ich wäre gern länger geblieben, auch über Weihnachten und so, dann kriegt man Weihnachtsgeld.


Lesen Sie auch die Geschichte von Tarik: „Mir ist aufgefallen, dass ich der Böse in der Geschichte war“

Tarik versteht den Arrest als Warnschuss.

Tarik versteht den Arrest als Warnschuss.

Foto: Justin
 

Tarik ist 19 Jahre alt. Er sitzt im Jugendarrest, nachdem er 15.000 Euro gestohlen hat. So erzählt er seine Geschichte.

Es ging mir nicht wirklich um den Diebstahl an sich. Ich bin jetzt auszubildender Koch und das ist auf jeden Fall sehr stressige Arbeit. Und nach der Saison war es mir einfach zu viel. Ich war dann so an dem Punkt angekommen, wo ich gesagt habe, ich kann diese Gesichter nicht mehr sehen, ich kann das Essen nicht mehr sehen. Ich muss weg von hier... So stahl Tarik 15.000 Euro und fuhr nach Berlin.

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erstellt am 28.Jul.2016 | 06:30 Uhr

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