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Panorama

03. Dezember 2016 | 03:36 Uhr

Protokolle aus dem Jugendarrest : Einfach nur so: Langeweile, betrunken und Stress haben

vom
Aus der Onlineredaktion

Justin (Name geändert) ist 20 Jahre und arbeitslos. Er ist im Arrest nach einem Raub. So erzählt er seine Geschichte.

Der Raub

einfach nur so gemacht, einfach aus Langeweile. Kein Plan.

Das ist jetzt anderthalb Jahre her. Wir haben uns immer jeder ne Flasche Wodka gekauft und haben die einfach getrunken. Wir haben immer nur Wodka pur getrunken, ich weiß nicht, nach ner Zeit gewöhnst du dich irgendwann total dran. Manchmal war das so, da war von Anfang an klar, dass wir heute noch Stress haben werden. Und das war dann auch meistens immer so.

Und dann kamen irgendwann so Anzeige, Anzeige, Anzeige. Noch eine, Arbeitsstunden. Erstmal kurz nichts gemacht, dann habe ich wieder angefangen zu trinken. Wieder Anzeige. Und dann kam diese Tat und dann habe ich gedacht, ok, ich versuch aufhören zu trinken.

Ich habs einfach nur so gemacht, einfach aus Langeweile. Kein Plan. Ich war jetzt nicht so hinterher: Ich will das Handy haben, ich brauch Geld. Einfach nur so.

Wir hatten mit ein paar Kollegen getrunken, auf jeden Fall. Das war so ein Halbkreis, so Bänke im Halbkreis. Und dann kamen irgendwann andere Leute dazu und dann haben wir sie gefragt, was für Handys sie haben und dann sind die irgendwann abgehauen. Dann bin ich hinterher gegangen und dann habe ich Stress mit denen gemacht, weil ich auch ziemlich betrunken war. Einskommaneunirgendwas Promille.

Irgendwann habe ich ihn geschlagen, dann kam noch ein Jogger und wollte uns auseinanderhalten. Dann habe ich dem auch glaub ich noch eine gegeben. Ich weiß jetzt nicht genau, jedenfalls hatte ich mit dem Jogger auch noch Stress.

Dann sind wir irgendwann weitergegangen und haben getrunken, und dann kam auch schon die Polizei und hat gefragt, wer ich bin. Dann, wo ich beim Polizeiwagen war, sind gleich drei Polizisten auf mich rauf und dann haben sie mich einfach mitgenommen.

Die Gewalt

Ich bin schwer runterzukriegen und dann hau ich noch einmal und noch einmal.

Das erste Mal, da war ich 15. Da waren wir im Jugendtreff mit ein paar Kollegen. Da habe ich einen Schneeball auf andere geworfen und dann kam er rüber und wollt mich schlagen. Da habe ich ihn kaputt gemacht. Also, er wollt mich schlagen und dann war ich halt stärker als er. Ich bin schwer runterzukriegen, und dann hau ich noch einmal und noch einmal. Vielleicht noch einmal.

Das mag ich eigentlich nicht. Ich hab immer ein schlechtes Gewissen danach gehabt. Also, zwar nicht gleich direkt danach, aber immer am nächsten Tag oder so. Eigentlich scheiße, anderen weh zu tun. Meistens haben die anderen angefangen, aber ich hab dann die Anzeige bekommen.

Ich war schon dreimal hier. Es war immer nur Körperverletzung. Ich bin hier, weil ich keine Lust hatte auf die Auflagen, da habe ich mir gedacht, ich geh zweimal eine Woche her. Die Auflagen waren Urinkontrolle, weil die meinen ja auch, dass ich Drogen verkauft habe. Ich weiß es nicht mehr. Ich hab gesagt, die können mir nicht vorschreiben, ob ich kiffe oder nicht. Also, ich bin ein Mensch oder?

Abschreckend finde ich die Jugendarrestanstalt nicht. Wie ne Jugendherberge halt. Bloß, du wirst eingesperrt. Aber sonst… eigentlich schlimm ist das hier nicht. Das schlimmste ist das Mittagessen, das ist einfach eklig meistens. Ich vermisse das Tür aufmachen, weggehen, das kann ich hier jetzt nicht machen.

Das Leben

Aber naja, man hat mich viel hin- und hergegeben.

Meinen Vater kenn ich nicht so gut. Ich hab in einer Pflegefamilie gewohnt, in einem Heim gewohnt, bei meiner Oma hab ich gewohnt, mit elf oder zwölf bin ich zu meiner Mutter zurückgekommen. Aber naja, man hat mich viel hin- und hergegeben. Man hat nie richtig darüber geredet, was da war, warum.

Die Schule habe ich viermal gewechselt, ich glaub fünfmal. Oft bin ich rausgeflogen, weil ich einfach nicht mitgemacht hab. Wir sind dann statt Schule irgendwo anders hingegangen, haben scheiße gebaut. Ich hatte auch einen Lehrer an meiner letzten Hauptschule, der hat mich um 10 Uhr schon nach Hause geschickt, weil er keinen Bock mehr auf mich hatte. Ich saß nur rum und hab geträumt. Wir haben auch oft geraucht in der Schule, also Joints. Und dann war man meist nicht so motiviert, wenn man jetzt breit in der Stunde saß.

Ich war erst Hauptschule, da habe ich bis 8. Klasse gemacht. Ich bin rausgeflogen wieder. Dann habe ich eine Ausbildung gefunden. Aber dann hatte ich eine Mandel-OP und dann haben die gesagt, dass ich die Ausbildung abbrechen muss. Und dann hatte ich einen Zeitarbeitsjob für ein paar Monate, aber die wollten mich irgendwann putzen schicken. Ich weiß nicht, ich mag das nicht so gerne. Da habe ich direkt die Kündigung bekommen, weil ich das nicht machen wollte. Zeitarbeit, das sind immer so’ne Abzieher.

Die Zukunft

Zu Hause gammeln will ich eh nicht mehr.

Kfz, Maler oder Garten-Landschaftsbau würde ich gern machen. Ich habe mich beim Jobcenter jobsuchend gemeldet, und die wollten mir was zuschicken. Montag habe ich einen Termin da. Mal sehen, was da geht. Wär gut wenn ich einen Job hab, wieder Sport mach. Weil, zu Hause gammeln will ich eh nicht mehr. Drogen will ich auch nicht mehr nehmen, Weil damit fing’s ja an mit diesem Rumgammeln.

Ich denk oft über meine Situation nach. Ich denk immer, warum, wieso? Aber am Ende kommt immer wieder das Gleiche raus. Bisher immer. Aber vielleicht jetzt nicht mehr. Ich hoffe das.


Lesen Sie mehr über die Arrestanstalt: Knast light... „wie eine richtig schlechte Klassenfahrt“

Sebastian und Karin gehen nach den Gartenarbeiten am Parkplatz wieder in die Arrestanstalt.

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Foto: Mira Nagar
 

Wie geht die Gesellschaft um mit diesen jungen Menschen, die zum ersten – oder wiederholten Mal – Straftaten begehen? Im Jugendarrest sollen junge Straftäter behutsam auf den richtigen Weg geschubst werden. So sieht der Alltag der fünf Jugendlichen in der Arrestanstalt aus.

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erstellt am 28.Jul.2016 | 06:30 Uhr

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