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Panorama

08. Dezember 2016 | 03:16 Uhr

Hans von Storch : Ein Klimaforscher gegen die Panikmacher

vom

Nach Extremen Wetterlagen wie „Haiyan“ sind Klimaforscher gefragte Experten für die Medien. Alle Welt will wissen, ob Stürme, Überflutungen oder „Jahrundertsommer“ ein Zeichen der Erderwärmung sind. Klimaforscher Hans von Storch, Leiter des Helmholtz-Zentrums für Küstenforschung in Geeshacht, befürchtet, dass die gesamte Klimaforschung ihre Glaubwürdigkeit verliert, wenn dauernd Panik gemacht wird.

Herr von Storch, viele Ihrer Kollegen traten nach „Haiyan“ in TV-Sondersendungen auf. Stets ging es um die Frage, ob das nun der Klimawandel sei. Wie geht es Ihnen, wenn Sie solche Auftritte sehen?
Diese Frage liegt nach der Katastrophenrhetorik der letzten Jahrzehnte nahe. Aber ich erinnere mich an ein Interview im öffentlich-rechtlichen Frühstücksfernsehen. Da wurde ein Kollege von mir als Wahrheitsverkünder hofiert. Die Journalisten stellten nicht eine kritische Nachfrage. Peinliche Hofberichterstattung.

Ihr recht bekannter Kollege Mojib Latif sagte in einer anderen Sendung, der Sturm sei „ein tragischer Weckruf für die internationale Politik, endlich was zu unternehmen“. Ist „Haiyan“ ein Zeichen des Klimawandels, wie auch diverse Kommentatoren meinten?
Nein. Das würde ich dann sagen, wenn wir über einige Zeit eine ungewöhnliche Entwicklung hin zu stärkeren oder häufigeren Stürmen hätten. Extremereignisse sind Teil des normalen Wettergeschehens. „Haiyan“ war ein ganz erheblicher und sehr starker Sturm, doch schon früher gab es wenige Taifune mit stärkeren Winden und niederen Luftdrücken. Dabei ist zu bedenken, dass solche Messungen immer problematisch sind. „Haiyan“ war kein Rekordsturm und wir haben auch keine ungewöhnliche Häufung in der Region in den letzten Jahren. Also ist dieser Sturm kaum als Zeichen für den menschengemachten Klimawandel zu verstehen.

Einer der prominentesten Klimaforscher des Landes hat „Haiyan“ so eingeordnet: Er sagte nicht nur, dass solche Stürme in den letzten Jahren häufiger geworden seien, sondern dass es nach den Klimamodellen noch eine Verstärkung geben wird.
Es ist wichtig, viele Jahrzehnte in den Blick zu nehmen. Wenn man das tut, kann man nicht mehr von einer gegenwärtigen Tendenz reden. Richtig ist: Die Modelle weisen auf eine mögliche Verstärkung und Zunahme in Zukunft hin. Ich halte es auch für plausibel, dass es so kommen kann. Doch diese Zukunft hat offenbar noch nicht begonnen.

Die Klimaforschung hat das Problem, dass die Erderwärmung seit 15 Jahren weit weniger stark steigt als in den Modellen prognostiziert. Sie stagniert fast. Kann man mit den Modellen noch argumentieren?
Es kann verschiedene Gründe haben, dass die Modelle die sehr langsame Erwärmung nicht abbilden. Entweder haben sie tatsächlich ein Defizit, es kann auch sein, dass die natürlichen Schwankungen im Klimasystem unterschätzt werden, andere Faktoren wie die Sonne unterschätzt werden oder die Auswirkungen des CO2 falsch angenommen werden. Es gibt auch Behauptungen, dass die Analyse der Beobachtungen fehlerhaft sei. Es besteht für mich aber kein Grund, die Modelle als Ganzes wegzuwerfen.

Was kann die Wissenschaft jetzt tun?
Es gibt verschiedene Sorten Wissenschaftler: jene, die stärker daran interessiert sind, eine Wirkung auf Klimapolitik und gesellschaftlichen Wandel zu haben, und jene, die sich zurückhalten und sagen, dass nur Folgen möglicher Politiken ausgelotet werden können und ansonsten politische Probleme demokratisch ausgehandelt werden müssen. Ob der wissenschaftliche Beitrag in dieser Aushandlung wesentlich ist, ist die Frage. Die Gesellschaft sollte darüber diskutieren, welche Wissenschaft sie haben will.

Ein schon fast historisches Beispiel ist das Waldsterben. Da hat die Wissenschaft ziemlich viel Blödsinn erzählt, doch die Wirkung war positiv. Der Schutz der Wälder wurde ganz groß geschrieben.
Dafür hat man auch einen Preis zahlen müssen. Den Waldforschern hört inzwischen kaum noch einer zu. Ich möchte aber nicht, dass die Klimaforschung auch so eine Art staatlich ausgehaltenes Greenpeace wird.

Vor ein paar Jahren erschien ein Papier des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderungen (WBGU). Das Beratergremium der Bundesregierung skizzierte einen „Globalen Gesellschaftsvertrag“ Auf dem Weg dahin sollten „Blockademechanismen identifiziert“ werden wie auch „Vetospieler“, die „Transformation hemmen“. Mir kam das vor wie eine Phantasie Ludwigs XIV. Wie kommt es, dass einige Ihrer Kollegen so anfällig für so etwas und für Panikmache sind?
Ich weiß es nicht. Wenn Sie auf Ludwig XIV. verweisen, sind Sie ja noch milde. Man kann auch an andere Leute denken, die im 20. Jahrhundert meinten, eine bessere Welt schaffen zu müssen und davon ausgingen, im Besitz einer höheren Wahrheit zu sein. In unserem Fall glauben einige, dieses Privileg leite sich aus ihrer wissenschaftlichen Qualifikation ab. Welt- und Menschenverbesserung geht meist daneben.

Warum ist gerade die Klimaforschung für solche Ideen anfällig?
Ich denke nicht, dass das die Mehrheit der Klimaforscher ist. Es gibt einige besonders sichtbare Klimaforscher, die solche Gedanken pushen. Die finden allerdings auch Gehör, weil es dem Zeitgeist entspricht. In Dänemark, wo ich momentan bin, beobachte ich so etwas nicht.

Was würden Sie sich aus Dänemark für die Debatte hier in Deutschland wünschen?
Ich würde mir wünschen, dass wir das Thema an sich ernst nehmen und nicht als Vehikel für grundsätzliche Welt- und Menschenverbesserung missbrauchen.

Welche?
Etwa den Appell, dass man nach Zypern zwar zum Ruinen anschauen, nicht aber zum Saufen fliegen darf – als Beitrag zum Klimaschutz.

Aber das stimmt doch erstmal, oder?
Für das Klima ist es völlig egal, warum jemand nach Zypern fliegt. Hier soll offensichtlich über das Klimathema das Verhalten der Leute geändert werden. Dabei brauchen wir effiziente statt symbolische Maßnahmen. Ein Beispiel: Das Fracking in Amerika hat nach allem, was ich weiß, zu einer erheblichen Senkung des US-amerikanischen CO2-Ausstoßes geführt, weil statt Kohle Gas verbrannt wird, also eine wirksame Brückentechnologie eingesetzt wird. In Deutschland wird diese Maßnahme dagegen fast einhellig abgelehnt – offenbar ist die Minderung von CO2 nur unter bestimmten Bedingungen „gut“.

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von
erstellt am 17.Nov.2013 | 17:00 Uhr

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