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Panorama

24. Juli 2016 | 10:43 Uhr

BSE-Warnung : Die Tierärztin und das Schweigekartell

vom

Veterinärin Margrit Herbst stellte Fragen, die keiner hören wollte und warnte vor BSE-Kühen – die Folgen trägt die mutige Frau noch heute.

Brokstedt | In diesen Tagen kommt es wieder hoch – dieses Gefühl der Ohnmacht, der Traurigkeit, der Wut über die Ungerechtigkeit, die ihr widerfahren ist. Jedes mal, wenn Margrit Herbst in den Nachrichten vom Heldenmut des NSA-Mitarbeiters Snowden hört und Politiker besseren Schutz für Whistleblower fordern, wird sie wieder von der Vergangenheit eingeholt. Dann sitzt sie in ihrer kleinen Dachwohnung in Brokstedt bei Neumünster und hadert mit ihrem Schicksal.

Auch sie war eine Whistleblowerin und wurde dafür, dass sie ihre Beobachtungen auf dem Schlachthof in Bad Bramstedt öffentlich machte und in Deutschland die BSE-Aufklärung ins Rollen brachte, mit Preisen überhäuft. „Doch davon kann ich mir nicht die Butter fürs Brot kaufen“, erklärt Herbst. Heute bekommt die rüstige 71-Jährige nur wenig Rente, weil sie wegen ihrer Zivilcourage den Job als amtliche Veterinärin verlor. Und trotz Whistleblowerpreis und Weltethikpreis haftet an ihr offiziell immer noch der Makel, eine Denunziantin zu sein.

Was war geschehen? Als Tierärztin muss sie für das Fleischhygieneamt des Kreises Segeberg auf dem Schlachthof die ankommenden Rinder inspizieren. 1990 fällt ihr ein Tier durch sein besonderes Verhalten auf. „Es trabte wie ein Pferd“, erinnert sich Herbst. Sie isoliert das Rind und meldet den Vorfall vorschriftsmäßig ihrem Vorgesetzten. Und sie wälzt Fachbücher und ruft Kollegen an. Schnell wird ihr klar: Das Tier könnte an BSE erkrankt sein. Ihr Chef ignoriert ihren Verdacht. Margrit Herbst nicht. Immer öfter entdeckt sie Rinder mit ähnlichen Symptomen: Sie torkeln, stürzen und kommen nicht wieder auf die Beine, sind aggressiv und sehr geräuschsensibel. Doch je häufiger sie ihren Chef darüber informiert, desto mehr Schwierigkeiten bekommt sie. Sie wird gemobbt, dann ans Schlachtband versetzt und muss Nieren, Lymphknoten aus den Rinderhälften scheiden. Doch die Beobachtungen lassen ihr keine Ruhe, denn das Fleisch der verdächtigen Tiere kommt in den Handel. Eine Untersuchung der Verdachtsfälle unterbindet die Kreisverwaltung.

Die promovierte Veterinärin schreibt BSE-Aufsätze für Fachblätter und hält Vorträge. 1994 weiß sie keinen anderen Ausweg und berichtet bei Günther Jauch in einem TV-Interview von ihren Beobachtungen. Kurz darauf hat sie die fristlose Kündigung im Briefkasten. Begründung: Sie habe die Verschwiegenheitspflicht gebrochen. Zu allem Überfluss kommt auch noch eine Unterlassungsklage der Norddeutschen Fleischzentrale (NFZ): Eine halbe Million Mark Geldbuße soll sie zahlen. Margrit Herbst ist noch heute schockiert: „Sie haben mich als Kriminelle abgestempelt, obgleich ich die Einzige auf dem Schlachthof gewesen bin, die sich an die Gesetze gehalten hat.“

Es beginnt ein langer juristischer Kampf. Das Schleswiger Oberlandesgericht (OLG) gibt ihr Recht. Die Klage der NFZ wird abgewiesen, schließlich habe Herbst mit ihren Behauptungen Recht gehabt. Das OLG stellt sogar fest, man könne „den Eindruck haben, dass den staatlichen Stellen durchaus im Einklang mit den fleischerzeugenden und -verarbeitenden Betrieben daran gelegen war, einen amtlichen BSE-Nachweis wenn irgend möglich zu verhindern“. Deutlicher kann die Watsche der Richter gar nicht sein.

An ihrer Kündigung änderte das jedoch nichts. Das Arbeitsgericht Neumünster urteilt, Herbst habe mit ihren „unbedachten Äußerungen über unbestätigte Verdachtsfälle“ Ängste geschürt und den Bestand des Schlachthofes nachhaltig gefährdet. Mit 54 Jahren steht sie auf der Straße und sieht sich als „Opfer eines Kartells des Schweigens“.

78 Aktenordner füllen die Gerichtsurteile, Gutachten, Briefe und Petitionen. Jahrelang kämpft Herbst für ihre Rehabilitation. Einmal, 2001, keimt Hoffnung auf, dass das Kartell gebrochen und das Unrecht geheilt wird. Sie wird von mehreren Bürgern für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Doch dafür ist ein positives Votum der Landesregierung notwendig. Die Simonis-Bürokratie ist dazu nur bereit, wenn Herbst zu Kreuze kriecht und auf finanzielle Ansprüche gegenüber Land und Kreis wegen der Entlassung verzichtet. Als Vermittlerin in diesem „Friedensprozess“ tritt die damalige Lübecker Bischöfin Wartenberg-Potter auf. Herbst lehnt das unmoralische Angebot ab („Mit dem Kuhhandel würde ich mich ja selbst verraten“) und freut sich stattdessen über die Ehrennadel „Mutige Löwin“ des Welt-Ärztinnenbundes und den „Förderpreis für Zivilcourage“ des Kieler H.G.Creutzfeld-Instituts. Das ist Balsam für eine gekränkte Seele, ihre wissenschaftliche Reputation ist gerettet, die menschliche Würde wiederhergestellt.

Hoffnung auf eine „staatliche“ Rehabilitation schöpfte Herbst noch einmal 2007: Der Lkw-Fahrer, der den Gammelfleischskandal publik machte, wird von Horst Seehofer höchst persönlich mit der bayrischen Verdienstplakette ausgezeichnet. Und auch als eine Berliner Altenpflegerin, die Missstände in einem Heim öffentlich gemacht hatte und rausgeflogen war, vom Europäischen Gerichtshof rehabilitiert wird und Schadensersatz bekommt, hofft Herbst erneut.

Doch in Schleswig-Holstein regt sich nichts. Das Schweigekartell besteht bis heute. Petitionen und Schreiben, zuletzt an das Landwirtschaftsministerium, – alles blieb folgenlos. „Die reagieren gar nicht, das wird einfach totgeschwiegen.“

Für ihre Zivilcourage zahlt Herbst Monat für Monat einen hohen Preis. Rund 600 Euro hat sie, wenn die Miete vom Konto abgebucht ist, noch zum Leben. So ist das, wenn man erst zehn Jahre arbeitslos ist, dann frühverrentet wird – eine Querulantin will niemand einstellen.

Als Querulantin diffamiert zu werden, das tut ihr heute noch weh. Trost spendet ihr immer wieder die Laudatio des Bundesrichters Dieter Deiseroth anlässlich der Whistleblower-Preisverleihung 2001. „Margrit Herbst tat das, was ihre berufsethische Verantwortung und ihr Gewissen von ihr verlangten“, hießt es dort. Und weiter: „Es ging ihr dabei nicht um eigennützige Ziele und Interessen, sondern um die Sache. Sie handelte im Public interest“. Der Whistleblower-Fall Herbst sei in vieler Hinsicht ein Exempel, sagte Deiseroth schon damals. Er zeige geradezu lehrstückhaft die Schwächen des rechtlichen Schutzes von Leuten, die Alarm schlagen.

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erstellt am 12.11.2013 | 11:45 Uhr

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