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Panorama

28. August 2016 | 00:12 Uhr

„Blackout“ : Die Angst vor dem großen Stromausfall in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Experten warnen: Regenerative Energien erhöhen Gefahr von flächendeckenden Stromausfällen drastisch. Die Folgen könnten katastrophal sein.

Kiel | Keine Frischwasserversorgung, keine Heizung, kein Telefon. Ein längerer Stromausfall in Schleswig-Holstein hätte katastrophale Konsequenzen – und nach Aussagen von Experten war er nie so wahrscheinlich wie heute. Grund ist die immer weiter zunehmende Erzeugung regenerativer Energien durch Windkraft- und Photovoltaikanlagen. Denn im Gegensatz zu Kohle- oder Atomkraftwerken sorgen diese mit ihren von allen Wetterveränderungen abhängigen Leistungen für schwer berechenbare Schwankungen im Netz.

„Um die Netzfrequenz auf einem stabilen Level von rund 50 Hertz zu halten, sind unsere regulierenden Eingriffe ins Stromnetz von früher rund 300 pro Jahr auf derzeit um die 1000 angestiegen“, sagt Alexander Greß, Pressesprecher des auch für Schleswig-Holstein zuständigen Netzbetreibers Tennet. Dabei gehe es darum, Stromflüsse umzuleiten und Ressourcen ab- oder zuzuschalten. So werde eine Über- oder Unterspannung vermieden, die unweigerlich zum flächendeckenden Stromausfall führe. „Solch ein Szenario lässt sich aber trotz all dieser Vorsichtsmaßnahmen nicht ausschließen“, so Greß.

Wie eine Warnung erscheint da eine Statistik der Bundesnetzagentur. Demnach gab es allein im Jahr 2013 bei den knapp 50 Millionen Haushalten rund 180.000 ungeplante Netz-Unterbrechungen. Rund 15 Minuten durchschnittlich war jeder Kunde ohne Strom.

„Es ist in der Branche unbestritten, dass die Gefahr eines ,Blackouts' angewachsen ist, bestätigt Ove Struck, Sprecher des in Quickborn ansässigen regionalen Stromnetzbetreibers Schleswig-Holstein Netz. Das Unternehmen betreibt in 80 Prozent der Landesfläche die Netze und hat rund 90 Prozent der erneuerbaren Energien angeschlossen. „In unserem Gebiet ist die Zahl aller Kraftwerke durch die regenerativen Energien von ehemals 30 auf 32.000 gewachsen“, so Struck. Bei einem schlagartigen Rückgang der Leistung – etwa durch Windstille – sei es technisch sehr schwierig, mit erst zu aktivierenden und im Unterhalt ohnehin extrem teuren Reserve-Kraftwerken korrigierend nachzusteuern. „Wenn es aufgrund der nun größeren Instabilität im Stromnetz zu einem Ausfall kommt, besteht die Gefahr eines Dominoeffekts.“

Im Falle eines flächendeckenden Stromausfalls würde mit zunehmender Dauer die Lage kritischer, sagt der Kieler Krisenforscher Frank Roselieb. Spätestens nach 48 Stunden seien private Essensvorräte verbraucht, Supermärkte geschlossen, es gebe kein Benzin mehr, die Notstromaggregate fielen aus, Frischwasser werde knapp. Roselieb rechnet in diesem Fall sogar mit ersten Plünderungen und bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Land. „Dann kann man nur noch die Bundeswehr schicken – mit Waffen.“

Panik, Hunger und Gewalt – in Katastrophen-Filmen wird das Szenario des totalen Stromausfalls oft beschrieben. Nicht nur durch die Einspeisung regenerativer Energien verursachte Spannungsschwankungen im Stromnetz stellen diesbezüglich eine Gefahr da. Auch ein abgebranntes Umspannwerk könnte Auslöser sein. Von Menschenhand verursachte Sabotage durch Terroranschläge auf zentrale Strommasten oder Hackerangriffe auf Leitstellen der Stromversorgung wären denkbar – oder eine Naturkatastrophe. Ein aktuelles und eher bescheidenes Beispiel hierfür gibt der Orkan „Christian“ vor gut einem Jahr ab: „Es gab 130 dezentrale Stromausfälle in Schleswig-Holstein, 150.000 Menschen waren betroffen“, erinnert sich Ove Struck vom regionalen Netzbetreiber „Schleswig-Holstein Netz“. „Da sind wir mit Notstromaggregaten über das Land gefahren. Wir haben unter anderem Bauern beim Melken geholfen und eine Tankstelle in Betrieb genommen.“

Ein Auslöser für einen flächendeckenden Stromausfall könnte sogar vollkommen harmlos sein. Als etwa 2006 ein großes Passagierschiff die Ems befuhr, wurde eine Höchstspannungsleitung bei der Durchfahrt zur Sicherheit ausgestellt. Es kam aufgrund einer Fehlberechnung höherer Windkrafteinspeisungen zu einer Überspannung, Millionen Haushalte in Deutschland, Belgien, Frankreich und Spanien waren bis zu eine Stunde ohne Strom.

Der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages hat zum Thema einen Bericht vorgelegt. Darin heißt es: „Die Folgen eines großräumigen, langfristigen Stromausfalls für Informationstechnik und Telekommunikation müssen als dramatisch eingeschätzt werden. Telekommunikations- und Datendienste stellen teils sofort, spätestens aber nach wenigen Tagen ihre Arbeit ein.“ An anderer Stelle wird weiter ausgeführt: „Nahezu alle Sektoren und Lebensbereiche wären so tiefgreifend betroffen, dass Sicherheit und Versorgung der Bevölkerung wahrscheinlich nicht mehr zu gewährleisten sind.“

Deutschland sei insgesamt sehr gut auf Notlagen vorbereitet – viel besser als andere Länder der Welt, sagt Frank Roselieb Direktor des Kieler Instituts für Krisenforschung. „Wir haben gute und erprobte Notfallpläne und sind in Europa stark vernetzt.“ Das wiederum könne aber auch gefährlich werden, wenn Dominoeffekte auftreten. „Wenn in einem Land ein Problem auftritt und es sich Strom aus einem anderen Netz holt, dann bricht im Extremfall auch dort das Netz zusammen.“

Die Energiewende berge Risiken:  „Man weiß noch nicht genau, wie sicher die Windenergie ist und wie zuverlässig die erneuerbaren Energien wie Wasserkraft und Sonne Strom liefern“, so Roselieb. Ein längerer Stromausfall könne fatale Folgen haben. „Ohne Strom ist keine Wasserversorgung mehr möglich, weil die Pumpen nicht mehr funktionieren. Im Winter fällt die Heizung aus. Telefone könnten nicht mehr aufgeladen werden, so dass die Bürger auch nicht mehr mit der Feuerwehr und Polizei kommunizieren können. Irgendwann bricht das  öffentliche Leben zusammen.“ Entscheidend sei daher die Frage, wie lange ein Stromausfall dauert und wie viele Menschen betroffen sind. Eine Stadt für zwei Stunden bekomme man noch in den Griff, eine ganze Region über mehrere Wochen sei kritischer. „Die größte Sorge, die wir haben, ist, dass die Menschen in Panik geraten.“

Menschen könnten sich jedoch auf einen Blackout vorbereiten. Meist gehe es um recht banale Dinge. „Wenn das Trinkwasser nicht mehr fließt, gibt es in Deutschland zahlreiche Notbrunnen. Um dort an das Wasser heranzukommen, benötigt man bei einem Stromausfall aber die gute alte Handkurbel.“ Auch Taschenlampen, Kerzen und Batterien sollte man vorrätig haben. Schließlich könne auch ein Blick in den Vorratsschrank helfen: Roselieb: „Wie lange reichen die Lebensmittel, wenn der Kühlschrank ausfällt und der Supermarkt geschlossen hat? Wenigstens für zwei bis drei Tage sollte man autonom über die Runden kommen.“

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erstellt am 30.Nov.2014 | 18:36 Uhr

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