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Online-Singlebörsen : Der heiße Flirt mit dem Scheinprofil

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Sie nennen sich Single-Börsen – doch sie bieten moderierte Chats mit Scheinprofilen. Ahnungslose Nutzer der Portale sehen darin Abzocke. Die Anbieter aus dem Raum Flensburg sehen sich aber als Dienstleister.

Harrislee | Klaus Behrend (Name geändert) sitzt in seinem Harrisleer Büro, wippt in Hochgeschwindigkeit mit dem linken Fuß auf der blauen Auslegeware und verschränkt seine kräftigen, tätowierten Arme. Seinen wirklichen Namen möchte der Flensburger nicht im Internet lesen. Es gebe da zu viele Vorurteile. Denn sein Job bewegt sich in einer moralisch umstrittenen Grauzone. Er betreibt eine Singlebörse im Internet – und bezahlt Mitarbeiter dafür, Chats mithilfe von Scheinprofilen zu führen.

In Internetforen wird ihm und seinen Mitbewerbern auf den Onlinemarkt Abzocke vorgeworfen. Kunden der Singlebörsen fühlten sich demnach getäuscht: Sie glaubten, im Internet die große Liebe zu finden. Doch sie fanden stattdessen einen Minusbetrag auf dem Konto. Denn die Flirt-Chats müssen bezahlt werden - Nachricht für Nachricht.

Die Anmeldung ist bei den Singlebörsen wie Joyflirter, Single-Jungle oder Flirterama im Gegensatz zu herkömmlichen Singlebörsen wie Parship oder Elite-Partner kostenlos. Lediglich eine E-Mailadresse braucht man, um ein Profil zu erstellen. Kostenpflichtig wird es erst, wenn man mit anderen in Kontakt treten möchte. Pro Nachricht wird ein Betrag der seiteneigenen „Währung“ fällig – ob nun „Jungle-Dollar“ oder „Flirt-Coins“. Diese müssen allerdings mit echten Euros bezahlt werden. Schließlich reicht der Startbetrag beispielweise bei Joyflirter für nur zwei Nachrichten. Danach bezahlt man beispielsweise 35 Euro für 175 Flirtcoins - das entspricht bis zu einen Euro pro Mitteilung. Ob die Antworten von einem echten Flirtpartner kommen oder ob man sich in ein sogenanntes Fake-Profil verliebt, das von Moderatoren betreut wird, bleibt bei den Dialogen unklar.

Wie viele Moderatoren bei den Unternehmen arbeiten und wie das Verhältnis von echten und falschen Profilen ist, wollen die Betreiber von Joyflirter und Single-Jungle nicht verraten. Bei Flirterama war niemand für ein Gespräch zu erreichen. Klaus Behrends Portal Single-Jungle macht es in den AGB aber deutlich: „Es ist davon auszugehen, dass es sich bei sämtlichen weiblichen Profilen um fiktive Profile handelt, die von Moderatoren betrieben werden.“

Den Anbietern zufolge sollen die Mitarbeiter dafür sorgen, dass kein Mitglied ohne Flirt bleibt, wenn gerade nicht ausreichend Chatpartner online sind. „Um diesen Mangel auszugleichen setzen wir immer mal wieder Controller ein, welche unter anonymen Scheinaccounts Dialoge führen“, heißt es bei der Registrierung bei der Harrisleer Firma Joyflirter. Auch bei Single-Jungle steht in – wie Klaus Behrend sagt – „einfachem Bauarbeiterdeutsch“ der Hinweis: „Unsere Controller sind mit den Profilen, welche sie benutzen, nicht sonderlich gekennzeichnet und werden sich auch nicht als solche zu erkennen geben.“ Tatsächlich schreiben bei einem Test gleich mehrere Kontakte das neue Mitglied an. Doch warum sind diese Profile nicht gekennzeichnet und von realen nicht zu unterscheiden? Joyflirter-Mitarbeiter Karsten Hamann (Name geändert) zieht Analogien zu 0900-Telefon-Hotlines. „Dort wird ja auch nicht ständig gesagt, dass die Gesprächpartnerin dafür Geld bekommt.“ Er sehe sich da als Dienstleister für Flirtwillige, die ihre Fantasie ausleben wollen. Fantasien, die reale Frauen vielleicht abstoßen könnten. „Manche Leute suchen Rollenspiele“, sagt auch Klaus Behrend. „Andere sind zu schüchtern – oder wissen einfach nicht, wie sie mit Frauen umgehen sollen.“ So komme es nicht selten vor, dass sich Internetnutzer Fotos von Genitalien als Profilbild wählen und gleich beim ersten Chat nach Sex fragen. Die Moderatoren würden selbst solchen – sonst nahezu chancenlosen – Chatpartnern antworten.

Der Flensburger Staatsanwaltschaft sind die Singlebörsen nicht unbekannt. Es gab Ermittlungen, als der Hinweis auf die Scheinprofile noch recht versteckt in den AGB stand. Mittlerweile ist es schwer, die Warnung zu überlesen. Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt hat das überprüft. Strafrechtlich gebe es hier keine Möglichkeiten, gegen die Betreiber vorzugehen. „Für Betrug ist erforderlich, dass der Täter täuscht“, sagt sie. Da der Hinweis bei der Registrierung deutlich aufploppe, liege auch  keine Täuschungshandlung vor. Alle Verfahren wurden eingestellt. „Es wird erwartet, dass der Nutzer das liest“, sagt Stahlmann-Liebelt. „Aber Menschen sind unterschiedlich misstrauisch und sorgfältig in der Nutzung von Angeboten.“

Klaus Behrend weiß, dass er rechtlich nicht zu belangen ist. „Ich habe die AGB zusammen mit meinem Anwalt erarbeitet“, sagt der 35-Jährige. Er sei vorsichtig geworden, seitdem bei seiner Vorgängerfirma, einem SMS-Chat-Anbieter, die Büros durchsucht worden seien.

In seinem neuen Harrisleer Büro hat er seine Ruhe. Es ist – im Gegensatz zum mit dicker Silberkette behängten Firmenchef -  unscheinbar. Ein handgeschriebenes Klingelschild weist auf das Unternehmen hin. Eine Frau mit blondem Kurzhaarschnitt sitzt am Empfang. Ansonsten wirken die Räume verwaist, denn die Moderatoren arbeiten von zu Hause aus. Selbst der riesige dunkle Holzschreibtisch im Büro des Flensburgers ist leer. Klaus Behrend nutzt einen Laptop. Ähnlich unbewohnt sehen die Räume von Joyflirter einige hundert Meter weiter aus. Warum sich gleich mehrere Anbieter von Singlebörsen im Raum Flensburg befinden, wissen Behrend und Hamann nicht. „Vielleicht liegt das daran, dass es hier mit dem BTX-Chat von Beate Uhse angefangen hat“, mutmaßt Behrend. Dieser bezahlte Teletext-Dienst kann als Vorläufer von heutigen Chats gesehen werden.

Ole Foresti vom Blog Anti-Abzock.net glaubt hingegen, die Singlebörsen-Betrieber seien die Nachfolger der SMS-Chat-Firma Mintnet, deren Macher wegen des Einsatzes von moderierten Chats wegen Betrugs seit fünf Jahren vor dem Kieler Landgericht angeklagt sind. Doch sowohl Behrend als auch Karsten Hamann von Joyflirter weisen Verbindungen zu Mintnet zurück. Im Gegensatz zum SMS-Flirt seien ihre AGB transparent.

Wer sich online tatsächlich auf die Suche nach der großen Liebe begibt, sollte sich nach Rat von Experten vorher gut über den Anbieter informieren. Die AGB zu lesen und den Namen der Single-Börse bei Google zu suchen, führt meist zu eindeutigen Hinweisen.

Dennoch fallen immer wieder Singles auf die Onlinefalle hinein. Klaus Behrend gibt zu: Er wisse, dass einige Nutzer den Text über die moderierten Profile nicht lesen. „Da muss man sich eben informieren“, sagt er und wippt wieder mit dem Bein. „Aber natürlich rechnet man damit, dass die Leute so doof sind.“ 

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erstellt am 30.Aug.2014 | 05:00 Uhr

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