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Panorama

22. Februar 2017 | 18:21 Uhr

Vermisste Familie aus Drage : Der Fall von Miriam und Sylvia Schulze am 29. Juni wieder bei „Aktenzeichen XY“

vom

In einem kleinen Ort an der Elbe verschwindet eine Familie. Der Vater wird kurz darauf tot aus dem Fluss gezogen. Aber wo sind seine Ehefrau und die zwölfjährige Tochter?

Drage | Die drei werden vor den Sommerferien 2015 zuletzt lebend gesehen, dann verliert sich die Spur der Familie aus Drage. Sylvia Schulze fährt zur Arbeit bei einem Discounter, ihr Ehemann Marco holt sich Zigaretten aus einem Automaten. Die zwölfjährige Tochter Miriam ist wegen einer Erkrankung nicht in der Schule.

Mutter und Tochter werden seit dem Beginn der Sommerferien 2015 vermisst. Die beiden könnten einer Familientragödie zum Opfer gefallen sein. Der Vater der Familie war Ende Juli bei Lauenburg tot aus der Elbe geborgen worden. Er hatte sich allem Anschein nach selbst getötet und hatte sich einen 25 Kilo schweren Betonklotz an den Körper gebunden. Die Polizei schließt nicht aus, dass er vorher seine Frau und seine Tochter umgebracht hat.  Der Vermisstenfall war bereits Thema in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“.

Zusammen mit einer Freundin aus der gepflegten Siedlung will Miriam Reiterferien machen, doch dazu kommt es nicht mehr. „Miriam hat noch gesagt, dass sie nicht sicher sei, ob es klappt“, sagt eine Nachbarin, die Mutter der Freundin. „Die beiden haben sich vor dem Haus über die Schule unterhalten und gelacht.“

Auch sonst sei nichts auffällig gewesen. „Am 22. Juli gibt es kein Lebenszeichen von Miriam mehr“, sagt Hauptkommissar Michael Düker. „Sie dürfte aber noch gelebt haben, weil die Mutter wie immer zur Arbeit geht.“ Miriam habe noch einen Arzttermin gehabt, dort sei sie nicht mehr erschienen. Düker war Leiter der Sonderkommission „Schulze“, mittlerweile wurde sie aufgelöst, alle Spuren waren abgearbeitet.

Am Abend des 22. Juli wird Marco Schulze noch einmal gesehen - er stellt die Mülltonne vor die Tür. Wenige Tage später wird der 41-Jährige tot aus der Elbe geborgen, ertrunken, mit einem Betonklotz an den Beinen. „Wir gehen von einem Familiendrama aus“, sagt Düker. „Eine Zeugin hat ausgesagt, dass sich die Frau möglicherweise von ihrem Ehemann trennen wollte. Doch wir haben absolut keine Hinweise auf eine Trennung.“ Einen möglichen Auslöser gibt es, doch darüber darf Düker nicht reden. „Der Tag vor dem Verschwinden war anders als sonst. Irgendetwas hat die Familie bedrückt“, sagte er im Herbst.

Sylvia Schulze hat in Geesthacht gearbeitet. Am 24. Juli meldet der Marktleiter sie als vermisst. Er ist besorgt, die 43-Jährige gilt als absolut zuverlässig. Die Polizei kommt nach Drage, die Haustür wird geöffnet. Portemonnaies und Papiere sind im Haus, ein Abschiedsbrief findet sich nicht. „Miriams Lieblings-Kuscheltiere sind nicht mehr im Haus gewesen“, sagt eine Nachbarin. Schnell und mit großem Aufwand wird nach der Familie gesucht, auch in der Elbe. Taucher, Sonarboote und Hunde werden eingesetzt, auch ein Hubschrauber ist beteiligt. Immer wieder wird im Fluss gesucht, auch Monate später noch.

Wo wurden Spuren gefunden? Das zeigt unsere interaktive Karte.

 

Im August gibt es einen Hinweis: Der Fall wird in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen ... XY ungelöst“ gezeigt, eine Zeugin meldet sich. Sie will die Familie am 22. Juli an einem kleinen See im Buchholzer Ortsteil Holm-Seppensen gesehen haben. Und tatsächlich finden Suchhunde dort Geruchsspuren, doch nur die des Vaters führen wieder weg. Die Polizei sucht im Wasser und am Ufer, gefunden wird nichts.

 

Unklar bleibt auch, ob Marco Schulze seine Frau und die Tochter dort getötet und dann abtransportiert hat. „Der See ist von Spaziergängern und Joggern stark frequentiert“, sagt Michael Düker. „Es ist schwer vorstellbar, dass jemand hier unbemerkt zwei Menschen töten kann, aber ganz ausschließen können wir es nicht.“

Neun Monate später meldet sich die ältere Tochter von Sylvia Schulze in der Zeitschrift „Closer“ zu Wort. Die 25-Jährige geht davon aus, dass ihr Stiefvater Frau und Tochter getötet hat, bevor er in den Fluss gesprungen ist. Wegen Trunkenheit am Steuer habe er den Führerschein verloren, berichtet sie im Mai. Weil Marco Schulze im Hauptjob in einer Chemiefabrik arbeitete, hätte er zwei Tote spurlos verschwinden lassen können, spekuliert sie. „Wir haben in der Firma Säuren ganz exakt auf Fehlbestände überprüft“, sagt Düker dazu nur.

Der schlichte Backsteinbau mit dem schmucklosen Rasen fällt auf in der sonst so gepflegten Siedlung. Am Haus der Familie hat sich kaum etwas geändert. Vor der Tür stehen zwei rote Grablichter, daneben in einem Rahmen zwei Fotos der drei. Eines zeigt Sylvia Schulze und Miriam, die Mutter hat den Arm um das Kind gelegt. In der Ecke klemmt ein kleines Porträt des Familienvaters - zusammen und doch nicht eins. Die Bilder sind verblichen wie die Polizeisiegel an der Tür.

Am 29. Juni will Michael Düker erneut bei „Aktenzeichen XY“ nach Zeugen suchen. Um drei Fragen wird es dann im Kern gehen: Wer hat die Familie am 22. Juli noch in einem der beiden Wagen gesehen? Wer hat die drei am Mühlenteich beobachtet? Und: Wer hat den Familienvater in der Nacht zum 23. Juli auf dem Rad Richtung Lauenburg fahren sehen?

„Wir hoffen weiter, Zeugen zu finden, die sich doch noch an etwas möglicherweise Wichtiges erinnern“, sagt Düker. Das könnten auch Details sein, die damals unwichtig schienen. „Solange wir die Leichen nicht haben, können wir nicht ausschließen, dass Sylvia und Miriam eventuell doch noch leben - das aber ist sehr unwahrscheinlich.“

„Wir hoffen, dass sich noch Zeugen melden - hier im Ort herrscht immer noch Ratlosigkeit. Das ist unsere letzte Hoffnung, das Schicksal der beiden zu klären“, sagt Gemeindebürgermeister Uwe Harden (SPD). „Wir wollen den Fall unbedingt klären und die Vermissten den Angehörigen übergeben“, betont Düker.

Eine Chronologie der Ereignisse:

Vermisste Familie aus Drage: Das ist geschehen

21. Juli (Dienstag): Die Familie besucht nach Angaben der Polizei gemeinsam einen Pferdehof in der Nähe von Drage.
22. Juli (Mittwoch): Letzter Schultag in Niedersachsen. Die Mutter wird das letzte Mal lebend gesehen, an ihrer Arbeitsstelle bei einem Discounter. Die Polizei geht davon aus, dass zu diesem Zeitpunkt auch die Tochter noch lebt.


23. Juli (Donnerstag): Zeugen wollen den Vater am Morgen im Auto der Frau an der Elbe auf dem Weg von Stove nach Drage gesehen haben.
24. Juli (Freitag): Der Arbeitgeber der Frau ruft bei der Polizei an und meldet sie als vermisst. Beamte aus Winsen (Luhe) kommen, das Haus wird wenig später geöffnet.
25. Juli (Samstag): Die Polizei sucht mit Unterstützung der Feuerwehr in Drage weiter nach den Vermissten. Ein Hubschrauber steigt auf.
27. Juli (Montag): Die Polizei geht an die Öffentlichkeit, auch mit Fotos der drei Vermissten. Parallel wird auch mit Hunden gesucht.
28. Juli (Dienstag): Taucher suchen bei Drage an einer beliebten Badestelle nach den Vermissten.
30. Juli (Donnerstag): Eine Sonderkommission wird eingerichtet. Die Zahl der Ermittler wird von 15 auf 25 erhöht. In Winsen wird am Bahnhof das Herrenfahrrad des 41-Jährigen gefunden. Die Polizei richtet eine eigene Hotline für Hinweise ein.


31. Juli (Freitag): In Lauenburg wird ein Ertrunkener geborgen, es ist der vermisste Vater. Die Polizei schließt Fremdverschulden aus.
Noch in der Nacht finden Taucher der Feuerwehr ein Damenfahrrad aus dem Besitz der Familie im Fluss unter der Brücke, von der der 41-Jährige in die Elbe gesprungen sein soll. Rund 50 Polizisten und Feuerwehrleute sind im Einsatz.
1. August (Samstag): Polizeitaucher und ein Sonarboot suchen bei Lauenburg weiter nach der vermissten Frau und ihrer Tochter.
4. August (Dienstag): Die Taucher suchen erneut in der Elbe bei Drage nach der Frau und dem Kind. Mittlerweile sei die Vermutung einer Familientragödie relativ groß geworden, heißt es von der Polizei.
5. August (Mittwoch): Mehr als 100 Polizisten und sechs Leichenspürhunde durchsuchen das Deichvorland bei Drage. Weitere Suchmaßnahmen seien zunächst nicht geplant, heißt es danach - es gebe keine konkreten Anhaltspunkte.
12. August (Mittwoch): Die Polizei sucht in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ nach möglichen Zeugen.

17. August (Montag): Nach einem neuen Hinweis suchen Polizeitaucher am Nachmittag den Seppenser Mühlenteich in Buchholz in Niedersachsen ab.

20. August (Donnerstag): Die Suche in Holm-Seppensen wird ergebnislos eingestellt.

25. August (Dienstag): Die Sonderkommission wird auf drei Mitarbeiter reduziert, später auf einen.

19. Oktober (Montag): Taucher suchen ohne Erfolg die Elbe bei Hoopte ab.

2. November (Montag): Die Polizei sucht am Elbufer bei Geesthacht auf der schleswig-holsteinischen Seite, gefunden wird nichts.

März 2016: Die Sonderkommission wird endgültig aufgelöst.

Ende Mai 2016: Bei Radbruch sucht die Polizei mit Spürhunden, gefunden wird nichts.

29. Juni: 2016: Der Fall ist erneut Thema bei „Aktenzeichen XY ...ungelöst“. 40 Hinweise gehen ein, die von der Polizei ausgewertet werden.

 
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erstellt am 21.Jun.2016 | 11:49 Uhr

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