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Panorama

24. März 2017 | 03:13 Uhr

Zugereiste in Flensburg : Acht Angewohnheiten, die wir Westfalen in SH verloren haben

vom
Aus der Onlineredaktion

Wir sind die Zugereisten bei shz.de. Was wir in Schleswig-Holstein aus der alten Heimat vermissen. Und was nicht.

Die westfälische Verlaufsform

Im Ruhrpott-Film-Klassiker „Bang Boom Bang“ (1999) gibt es viele legendäre Sätze. Einen sagt Schlucke, gespielt von Martin Semmelrogge. „Ich bin da watt am Planen dran“, verkündet er mit konspirativem Kichern. Das ist ein anschauliches Beispiel für die westfälische Verlaufsform.

„Bang Boom Bang“ spielt in Unna. Selbst in der Akademiker-Stadt Münster kann man ungestraft diese grammatikalische Eigenart in die Alltagskommunikation einfließen lassen. Die feine Ironie versteht jeder. Sofort. Ich sehne mich selbst bei der Arbeit manchmal nach ruppig-liebevollen Wortwechseln wie:

„Na, bisse endlich fettich?“ - „Nee, ich bin noch am Recherchieren dran.“

Schwierig. Sehr schwierig. In Schleswig-Holstein klingt das leider ein bisschen dumm.

Hollandrad fahren

Ein Hollandrad hängt in einem Zaun.
Ein Hollandrad hängt in einem Zaun. Foto: Imago

In Westfalen bin ich oft Rad gefahren, in Flensburg mache ich das nie. Ich liebe Hollandräder. In Westfalen ist Holland nicht weit - und wie bei den Nachbarn sind die höchsten Erhöhungen sanfte Hügel. Die Verwerfungen der Flensburger Förde sind zu viel für ein recht schweres Rad mit drei Gängen. Da gehe ich lieber zu Fuß.

Westfälische Reihen

Frauen bleiben unter sich - das ist typisch westfälisch.
Frauen bleiben unter sich - das ist typisch westfälisch. Foto: Imago/Westend61

Vor allem in ländlichen Regionen in Westfalen gilt: Sitzen mehr als vier Männer und Frauen gemeinsam an einem Tisch, teilen sich automatisch und unabhängig vom Alter - quasi durch eine genetische und sozialisierte Westfalen-Programmierung - zwei Fronten. Auf der einen Seite unterhalten sich die Männer über Autos, auf der anderen Seite die Frauen über Küchen. Natürlich reden alle auch mal über Politik, Literatur oder den neuesten Kino-Film. Aber brav geschlechtergetrennt. Warum das so ist? Keine Ahnung. Ich habe die westfälischen Reihen seit frühester Jugend boykottiert und in der Fremde nie vermisst. Der Name kommt übrigens daher, dass im katholischen Westfalen früher auf der einen Seite der Kirche die Männer saßen, auf der anderen die Frauen.

Westfälisches Aussitzen

Kopf gegen Kopf, so kämpfen Westfalen.
Kopf gegen Kopf, so kämpfen Westfalen. Foto: Imago/Westend61

Der sture Westfale löst Probleme und Konflikte ganz pragmatisch: Er beharrt auf seiner Meinung und macht erst mal gar nichts. Das Prinzip „Wer sich zuerst bewegt, verliert“ funktioniert in vielen Fällen ganz wunderbar, vor allem in Kombination mit Nicht-Westfalen. Der eine strampelt, macht Vorschläge, schlägt Kompromisse vor - und ist am Ende total erschöpft. Der Westfale wiegt den Kopf, lässt alles an sich abprallen, wiederholt seinen Standpunkt - und setzt sich durch. In Westfalen ist deshalb niemand böse, höchstens belustigt oder genervt. Etwas mundfaul sind Schleswig-Holsteiner auch. Die Sturheit von Westfalen ist aber ungeschlagen - und bei uns schon leicht verwässert.

Pöhlen

Jürgen Klopp mit Pöhler-Kappe.
Jürgen Klopp mit Pöhler-Kappe. Foto: Imago/Christoph Reichwein

Okay, den Hombrucher SV oder den FC Brünninghausen muss man nicht kennen. Aber bei denen kann man lustige Nachmittage verbringen. Das mag auch beim ETSV Weiche Flensburg gehen. Aber Fußball in Westfalen, insbesondere in dem zum Ruhrgebiet zugehörigen Teil, das ist einfach etwas anderes. In Schleswig-Holstein wird Fußball gespielt, in Westfalen Fußball gelebt. Das zeigt sich darin, dass wir nicht vom Fußball spielen reden. Wir pöhlen. Dazu braucht es keinen Weichei-Rasenplatz, der in SH selbst auf dem winzigsten Dorf in wohlgepflegter Form zu finden ist. Rote Erde, also Stahlwerkschlacke, auf einem Fußballfeld in Originalgröße ist purer Luxus. Ein Hinterhof mit zwei zertretenen Coladosen als Torpfosten tut's auch.

Ausflüge ins Sauerland

Fichtenwald im Sauerland bei Bestwig.
Fichtenwald im Sauerland bei Bestwig. Foto: Imago/Jochen Tack

Schmalenberg. Elspe. Der Kahle Asten. Altena mit der Burg, Wiege des Jugendherbergswesens. „Am Wochenende gehen wir wandern.“ In einer Westfalen-Kindheit im vergangenen Jahrhundert bedeutete das: stundenlanges Latschen durch eine endlos scheinende Fichtenplantage. Anschließend Fußblasenaufstechen mit der Sicherheitsnadel. Da haben wir es in SH besser. „Am Wochenende gehen wir an den Strand.“ Das erfreut Kinder- wie Erwachsenenherzen.

Bacchus beerdigen

Der Bacchus wird verbrannt und betrauert - wie hier in Ahlen.
Der Bacchus wird verbrannt und betrauert - wie hier in Ahlen. Foto: Reinhard Ballauf

So stoisch der Westfale sonst sein mag, so gefühlsbetont kann er sein, wenn es ums Trauern geht. Vor allem ums gespielte Trauern. Jedes Jahr am Aschermittwoch werden zwischen Recklinghausen und Dortmund die Taschentücher gezückt, wenn Bacchus, der Gott des Weines, seiner Feuerbestattung entgegensieht. Der Spielmannszug spielt auf und der Pfarrer, echt oder gespielt, verkündet letzte tröstende Worte. Biike hin, Osterfeuer her. Ein so ironischer Umgang mit dem Tod ist wohl nur in einer Gegend möglich, in der es in der Vergangenheit schon einmal vorkam, dass wegen eines Unglücks ganze Straßenzüge ihre Ehemänner und Väter verloren.

Konfliktvermeidung mit dem feindlichen Landesteil

Karneval auf rheinische Art im westfälischen Dortmund.
Karneval auf rheinische Art im westfälischen Dortmund. Foto: Imago/Ralph Lueger
 

Wir Westfalen sind eigen. Die Rheinländer auch. Vor allem sind wir völlig unterschiedlich. Brummelig, sagen die. Neurotisch fröhlich, sagen wir. Dass man Rheinländer und Westfalen in ein gemeinsames Bundesland sperren kann, ohne dass es zu Mord und Totschlag kommt, war bei der NRW-Gründung nach dem Krieg nicht absehbar. Aber es geht. Wir respektieren uns nicht nur. Wir mögen uns sogar. Heimlich. Das zeigt sich schon daran, dass wir Westfalen den Rheinländern zwei Buchstaben der verbindenden Abkürzung „NRW“ kampflos überlassen haben. In SH gibt es zwar keine Buchstabenunterschiede oder Mentalitätsgräben. Aber auch kein „Wir in SH“. Sondern den Nord-Ostsee-Kanal. Und der teilt aus Westfalen-Sicht mehr, als es den meisten Schleswig-Holsteinern vielleicht bewusst ist. Das zeigt sich bei neidischen Blicken auf die Speckgürtel-Wirtschaftskraft. Oder etwa bei den mal verdeckt, mal offen ausgetragenen Konflikten zwischen den Hochschul-Standorten Kiel und Flensburg.

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von
erstellt am 09.Apr.2015 | 20:26 Uhr

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