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Zahlen der Diakonie : Obdachlose in SH: Zahl der Hilfsuchenden steigt stark an

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer mehr von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen suchen Rat – Beratungsstellen kommen an die Belastungsgrenze.

Kiel | Wer die in der Fußgängerzone übernachtenden Obdachlosen als Indiz nimmt, sieht nur einen klitzekleinen Ausschnitt eines wachsenden Problems: Immer mehr Menschen in Schleswig-Holstein haben keine Wohnung. „Die Zahl der Hilfesuchenden in diesem Bereich steigt kontinuierlich an“, berichtete am Mittwoch Landespastor Heiko Naß, Vorstandssprecher des Diakonischen Werks in Schleswig-Holstein. So wandten sich allein im vergangenen Jahr bereits mehr als 7500 von Obdachlosigkeit bedrohte und betroffene Menschen an die Berater der diakonischen Wohnungslosenhilfe im Land. „Ein Höchststand“, sagt Naß.

Seit 2014 stellt die Diakonie stets in der Karwoche die Zahlen vor – seitdem zeigt sich: In jedem Jahr sind es in Schleswig-Holstein gut 1000 Hilfesuchende mehr, die von Wohnungslosigkeit bedroht oder betroffen sind. Bei den jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren fiel der Anstieg besonders hoch aus.

In der Gruppe der 18 bis 25-Jährigen verdoppelte sich die Zahl nach Diakonie-Angaben sogar auf knapp 2300 Betroffene. Besonders angespannt sei die Lage in den Städten Kiel, Lübeck, Flensburg und Neumünster.

Die Zahl der Mitarbeiter in den landesweit 34 diakonischen Beratungsstellen und Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe indes sei gleichbleibend. „Wir stehen an der Belastungsgrenze“, sagt Melanie Popp, Leiterin der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in Wohnungsnot in Neumünster, wo die Zahl der Hilfesuchenden von 2015 auf 2016 um knapp 300 auf 1301 hochschnellte. Noch drastischer ist der Anstieg in Flensburg: Im selben Zeitraum stieg die Zahl von 1149 auf 1601 Betroffene.

Allerdings: Nicht nur deshalb sieht Melanie Popp die „Qualität der Beratung in Gefahr“. Vielmehr hätten immer mehr Hilfesuchende – vor allem jüngere – gleich mehrere Probleme auf einmal: „Psychische Auffälligkeiten, Lebensführungsprobleme, Abhängigkeiten.“ Diese Menschen müssten eigentlich in Einrichtungen der Psychiatrie oder Suchthilfe aufgefangen werden. „Weil die Angebote dort oft zu hochschwellig oder ebenfalls überlastet sind, landen die Betroffenen dann bei uns“, sagt Popp. Das System der ambulanten Wohnungslosenhilfe sei darauf aber nicht eingestellt und könne ihnen kaum helfen.

Viele Schulabbrecher betroffen

Angesichts der steigenden Fälle und komplexeren Problematik fordert das Diakonische Werk Schleswig-Holstein, die seit 2007 gedeckelten Landeszuschüsse von gut 590.000 Euro für die Beratungsstellen um 400.000 Euro zu erhöhen. „Wir sind in ständigem Kontakt mit der Diakonie“, sagte dazu Sozial-Staatssekretärin Anette Langner gegenüber shz.de. „Bisher sind steigende Zahlen nicht an uns herangetragen worden. Sollte sich ein zunehmender Bedarf ergeben, muss man im Rahmen der Haushaltsplanung 2018 über eine Anhebung der Zuschüsse nachdenken.“

Die Diakonie will sich auch dafür stark machen, die Konzepte der ambulanten Wohnungslosenhilfe zu überprüfen „und wenn nötig neu zu erarbeiten“, sagt Landespastor Naß. Mehr Koordination sei nötig, eine Stadt könne das Problem nicht alleine lösen. So gebe es landesweit noch kein einheitliches Vorgehen bei betroffenen Jugendlichen. Noch von der Jugendhilfe begleitet, in Schul- oder Ausbildung stehend, stünden sie als Volljährige plötzlich alleine da – und gleiten ab. „Es sind verstärkt Schulabbrecher, die in den Beratungen landen“, sagt Naß dazu. Ein Problem für Schleswig-Holstein – angesichts einer Schulabbrecherquote, die deutlich über dem Bundesschnitt liege.

An die Landesregierung appelliert der Landespastor zudem, nicht nur für mehr sozialen Wohnraum zu sorgen, sondern auch für ein Kontingent dezentraler Wohnungen, „die allein Wohnungslosen zur Verfügung stehen“. Um zeitnah Abhilfe zu schaffen, mieten verschiedene diakonische Einrichtungen im Land Wohnungen an, die dann an Menschen weitervermietet werden, die schon länger in einer Notunterkunft leben. Hinzu kommt die Betreuung und Begleitung der Betroffenen durch Berater. „Das ist notwendig, um die Menschen wieder wohnhaft zu machen“, sagt dazu Andrea Dobin, Geschäftsleiterin Soziale Hilfen der Diakonie Altholstein in Neumünster. Die Wohnungseigentümer hätten dabei den Vorteil, dass alle Risiken wie Mietausfall oder befürchtete Schäden durch die Diakonie abgedeckt werden. Auf diese Weise hätten in Lübeck mehr als 30 und in Kiel zwölf Wohnungslose eine neue Perspektive erhalten.

„Wohnungslosigkeit präsentiert sich nicht nur in nackten Zahlen“, gibt Heiko Naß zu bedenken. „Es handelt sich um Personen mit Problemlagen. Wohnungslose haben keine Privatsphäre mehr.“ Ein sicherer Ort – samt Privatsphäre – sei aber lebensnotwendig, „um von dort Stück für Stück wieder einen Weg einschlagen können“, sagt der Landespastor.  

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erstellt am 13.Apr.2017 | 08:33 Uhr

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