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Schleswig-Holstein

10. Dezember 2016 | 04:21 Uhr

Landeskirche Schleswig-Holstein : Nicht einmal zur Hochzeit geht’s noch in die Kirche

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es gibt auch weniger evangelische Taufen und Bestattungen. Nordkirche: „Wir müssen lern- und veränderungswillig sein.“

Bislang galten sie als die große Stärke der Evangelischen Kirche: Rituale wie die Taufe, die Hochzeit ganz in Weiß vor dem Altar oder auch die würdevolle Bestattung auf dem Friedhof bringen auch Menschen mit der Kirche in Kontakt, die selbst keinen Bezug mehr zum Christentum haben. Doch das Interesse an kirchlichen Taufen, Hochzeiten und Bestattungen sinkt drastisch. Das belegen neue Zahlen der Arbeitsstelle „Kirche im Dialog“ der Nordkirche.

So wird nur noch jedes dritte geborene Kind evangelisch getauft. Die Quote der Taufen im Verhältnis zur Zahl der Geburten ist in Schleswig-Holstein und Hamburg von 56,4 Prozent im Jahr 2000 auf 36,7 Prozent im Jahr 2014 zurückgegangen.

Ähnlich sieht es bei den Trauungen und Bestattungen aus: Nur noch 38 Prozent aller Verstorbenen in Hamburg und Schleswig-Holstein werden kirchlich bestattet – im Jahr 2000 waren es noch mehr als 51 Prozent. Die Zahl der evangelischen Trauungen sank – gemessen an der Gesamtzahl der Eheschließungen – von 28,6 auf 19,1 Prozent. Damit sank die Zahl derer, die die kirchlichen Angebote in Anpruch nehmen, stärker als die Zahl der Kirchenmitglieder.

„Die Menschen fremdeln mit christlicher Sprache, tun sich schwer, das zu verstehen und haben Probleme mit kirchlichen Formen“, sagt Pastor Jörg Pegelow von der „Arbeitsstelle Kirche im Dialog“. Diese Einrichtung war vor fünf Jahren von der damals im Entstehen befindlichen Nordkirche zum Dialog mit Konfessionslosen gegründet worden.

Immer öfter gebe es den Wunsch nach individuellen und privaten Feiern. So genannte Ritualdesigner, die zum Beispiel „Namensweihen“ für Neugeborene veranstalteten, hätten dagegen Konjunktur, so Pastor Pegelow. Auch Trauungs- und Trauerredner würden ein individuelles, privates und ganz persönliches Ritual anbieten.

Für die Landeskirche sind solche Befunde eine Herausforderung. „Unsere Rituale versteht nicht mehr jeder“, warnt Pastor Friedrich Wagner, Leiter des Hauptbereichs Gottesdienst und Gemeinde der Nordkirche. „Wir müssen verständlicher werden.“ Auch der Bischof des Sprengels Mecklenburg, Andreas von Maltzahn, plädiert für eine Überarbeitung von Sprache und Ritualen der Kirche. Es sei wichtig, Menschen, die nicht Teil der Kirche seien, offen und nicht vereinnahmend zu begegnen. Die Kirche müsse lern- und veränderungswillig sein.
 

Leitartikel: „Vorsichtige Modernisierung“ von Benjamin Lassiwe

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung, lautet ein altes Sprichwort. Deswegen ist es gut, dass sich die Nordkirche fünf Jahre lang mit der Perspektive, die Konfessionslose von der Evangelischen Kirche haben, beschäftigt hat. Und noch besser ist es, dass diese Arbeit fortgesetzt werden soll. Denn die Befunde, die die Mitarbeiter der Rostocker Arbeitsstelle „Kirche im Dialog“  vorstellten, sind ernüchternd. Selbst bei den eigenen Kirchenmitgliedern ziehen die klassischen Amtshandlungen, die Taufe, die Trauung und die Konfirmation nicht mehr.

Und das ist ein alarmierendes Ergebnis. Denn sämtliche anderen Studien über die Kirchenmitgliedschaft  haben genau diese Rituale als großes Plus der Kirche beschrieben. Als die vielleicht einzige Möglichkeit, die die Kirche noch hat, wenn sie mit religiös eher distanzierten Menschen in Kontakt geraten will. Zumal die Menschen in Norddeutschland ja ganz offensichtlich auch weiterhin an Ritualen an Wendepunkten des Lebens interessiert zu sein scheinen. Sonst hätten Ritualdesigner, die außerhalb der Kirche etwa eine Hochzeit oder eine Namensgebungsfeier veranstalteten, schließlich keinen Markt. Arbeitet die Kirche also am Bedarf vorbei? Vielleicht.

Aber darum darf es der Kirche eigentlich nicht gehen. Denn sie beruft sich auf ein 2000 Jahre altes Evangelium und nicht auf den schnellen Trend von gestern Nacht. Versuche, mit dem Zeitgeist gehen zu wollen, werden deswegen in der Evangelischen Kirche zu Recht oft kritisch gesehen. Was die Kirche im selben Atemzug aber auch vor einen Spagat stellt: Denn ohne eine Modernisierung der eigenen Rituale, ohne eine größere Sprachfähigkeit bei der Vermittlung des Glaubens wird sie keine Zukunft haben. Auch mit völlig Distanzierten müssen Pastoren und Gemeindeglieder offen und ungezwungen über die freimachende Gnade Gottes reden können, und zwar so, dass es am Ende nicht peinlich, respektlos oder gar vereinnahmend wirkt.

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erstellt am 31.Aug.2016 | 19:35 Uhr

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