zur Navigation springen

Schleswig-Holstein

11. Dezember 2016 | 15:02 Uhr

Urlaub am Kamin, mit Yoga oder Massage : Neue Tourismus-Strategie: SH ist nicht nur im Sommer schön

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Endspurt für ein rekordverdächtiges Tourismus-Jahr in SH: Die Urlaubsorte an Nord- und Ostsee entwickeln Strategien für die dunkle Jahreszeit.

Kiel | Helle Ostseeküste: In Timmendorfer Strand werden zu Glockengeläut 150.000 Lichter in den Bäumen des Ortes angeschaltet. Grömitz bildet auf der Seebrücke eine riesige menschliche Lichterkette, mit Laternen und Fackeln in den Händen der Teilnehmer. In Kellenhusen gibt es „Wikinger-Fondue“ am Strand, auf Fehmarn einen Flashmob namens „Insellichter, – also einen möglichst großen Menschenauflauf, kommuniziert über die sozialen Medien. Eckernförde ist mit einem Fackelumzug zu Ehren von Meerjungfrauen am Start, Damp bietet Feuerkünstler auf. Alles Beispiele, wie Schleswig-Holsteins Ostseeküste am Wochenende vom 28. bis 30. Oktober zum „Lichtermeer“ werden will. So heißt ein Event, das symbolisch eine neue Flamme für den Schleswig-Holstein-Tourismus entzünden soll: Die Branche tritt an, auch den bisher oft so toten Winter zu einer Saison zu machen.

Der Tourismus ist einer der wichtigesten Wirtschaftssektoren in Schleswig-Holstein. Doch das Potenzial außerhalb der warmen Monate ist noch nicht ausgeschöpft.

„Mit deutlicher Abstufung zum Sommerhalbjahr zwar“, stellt Katja Lauritzen, Geschäftsführerin des Ostsee-Holstein Tourismus (OHT) und Koordinatorin des „Lichtermeers“, klar. Doch dass in der dunklen Jahreszeit mit gesteigertem Einsatz mehr zu holen sein müsste als bisher, deutet sich bereits seit einiger Zeit an: Kamen im Winterhalbjahr 2004/2005 erst 1,11 Millionen Gäste nach Schleswig-Holstein, waren es im Winterhalbjahr 2015/16 bereits 1,78 Millionen. Die Zahl der Übernachtungen stieg im selben Zeitraum von 3,68 auf 5,91 Millionen. Der Abschnitt umfasst jeweils die Periode von November bis März.

„Dass die Orte ein gewisses Wachstum beobachten, hat sie motiviert, den Winter jetzt auch strategisch in Angriff zu nehmen“, erklärt Lauritzen. Und die Chef-Touristikerin der Ostsee mit Dienstsitz in Scharbeutz nennt einen zweiten Grund für die Pläne: „Dank zahlreicher Neu-Investitionen haben wir jetzt mehr Hotels mit wintertauglichen Angeboten.“ Vor allem beim Thema Wellness. „Da waren wir früher gegenüber Mecklenburg-Vorpommern doch relativ abgeschlagen und haben uns im Marketing gar nicht so weit nach vorne getraut“, sagt Lauritzen. Ebenfalls zahlreiche Ferienwohnungen sind in den letzten Jahren neu und großzügiger entstanden, laden zum Wohlfühlen ein, auch wenn es draußen ungemütlich ist.

Urlaub am Kamin, mit Yoga oder Massage

Das lässt die Marketing-Organisation von der Ostsee die Wintersaison erstmals in ihrer Geschichte gezielt bewerben. Fast die Hälfte des Marketing-Budgets wird dafür ausgegeben. Inklusive Plakaten auf 250 Flächen in Hamburg, Hannover, Münster, Bielefeld und Dortmund mit winddurchpusteten maritimen Motiven und Slogans wie „Komm zu Dir – Deine winterschönen Angebote sind schon hier“. Auch gibt es eine Beilage in der „Welt“, „Welt am Sonntag“ und einigen regionalen Print-Produkten.

Auf 250 Plakatwänden in Hamburg, Hannover, Münster, Bielefeld und Dortmund sollen Motive wie diese Lust auf Ostsee auch bei Kälte machen.
Auf 250 Plakatwänden in Hamburg, Hannover, Münster, Bielefeld und Dortmund sollen Motive wie diese Lust auf Ostsee auch bei Kälte machen. Foto: oht

Auch die Westküste ist ebenso wach geworden. Letzte Woche stand das Thema Winter-Belebung auf der Tagesordnung einer Klausurtagung der Nordsee-Tourismus-Service-Gesellschaft (NTS) aus Husum. „Wir werden verstärkt Werbung für diesen Jahresabschnitt machen“, kündigt NTS-Geschäftsführer Frank Ketter an. „Dazu möchten wir ins Marketing gern die Beherbergungsbetriebe eng einbinden.“ Fantasievolle, auf die Jahreszeit genau abgestimmte Pauschalen sollen auf den Tisch. Urlaub am Kamin, mit Yoga oder Massage seien zum Beispiel Suchbegriffe, die bei Google & Co. im November besonders häufig eingegeben werden, hat Ketter analysieren lassen. „Diese Suchanfragen wollen wir natürlich möglichst auf Angebote an der Nordsee lenken.“ Überhaupt: „Der immer beliebtere Gedanke ,Kurz mal raus und Zeit für Besinnung’ ist etwas, das sich grundsätzlich für alle Jahreszeiten anbietet.“

Weil dazu die Anreisemöglichkeiten schnell sein müssen, will die NTS künftige Winter-Kampagnen auf den Großraum Hamburg und das nördliche Niedersachsen konzentrieren. Für den Hochsommer hingegen – das unterstreichen Ketter wie Lauritzen – machten sie so gut wie keine Werbung mehr. Die Auslastung der Orte lasse sich da kaum noch steigern.

Mit losgetreten hat den Optimismus an der Westküste die Biike. Rund ums traditionelle Feuerfest der Nordfriesen zur Verabschiedung des Winters Ende Februar haben Gastgeber in den letzten Jahren bereits diverse Pauschalen gestrickt. „Das hat die Biike tatsächlich zu einem spürbaren Reiseanlass gemacht“, bilanziert Ketter.

In die Hände spielt Nord- wie Ostsee der demografische Trend: Ein immer größerer Anteil potenzieller Gäste ist unabhängig von Schulferien – entweder, weil sie zur wachsenden Gruppe der Senioren gehören oder weil sie ohnehin keine Kinder haben. Vielleicht aber einen Hund. Das Thema Urlaub mit Hund nennt Ketter deshalb als weiteres Spielfeld für das Winter-Marketing. Seine Ostsee-Kollegin denkt an Karnevals-Flüchtlinge als weitere mögliche Winter-Zielgruppe.

Die Touristiker beider Küsten unterstreichen, dass eine Belebung der dunklen Jahreszeit aber beileibe nicht durch Marketing allein gelingen kann. Die Urlauber müssten auch außerhalb ihrer Unterkunft zumindest einen Hauch von Leben vorfinden, unterstreichen Ketter und Lauritzen. Soll heißen: „Man muss auch ein Café finden können, in das man einkehren kann“, sagt der Mann von der Nordsee. „Sicher können wir nicht von allen Gastronomen verlangen, dass sie den ganzen Winter geöffnet haben“, gibt sich Lauritzen realistisch. Sie regt an, dass sich Gastronomen bei ihrer Winterpause so absprechen könnten, dass zumindest nicht alle gleichzeitig die gesamte Zeit dicht haben. „Und sie könnten probieren, erstmal ein, zwei Wochen länger geöffnet zu haben als bisher und gucken, wie es läuft.“ Sicher ist für sie: „Das Ganze ist ein Prozess, der von allen Seiten Stück für Stück getestet und gelernt werden muss. Dazu gehört, auch, nicht gleich nach dem ersten Versuch die Flinte ins Korn zu werfen.“

zur Startseite

von
erstellt am 02.Okt.2016 | 17:41 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen