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Schleswig-Holstein

08. Dezember 2016 | 19:17 Uhr

Stürme in SH : Nach „Xaver“ und „Christian“: Orkan-Wunden sind längst nicht geheilt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nach „Xaver“ und „Christian“ im Jahr 2013 ist erst die Hälfte der Schäden in privaten und kommunalen Wäldern aufgeforstet. Es gibt Streit um die Baumarten.

Auch zweieinhalb Jahre nach den Ausnahme-Orkanen „Xaver“ und „Christian“ Ende 2013 sind die Schäden für den Wald längst nicht überwunden. Zwar hat das Land die betroffenen Flächen in seinem Besitz mittlerweile zu 100 Prozent wieder aufgeforstet. Bei den privaten und kommunalen Wäldern trifft das aber laut Landwirtschaftskammer nur auf die Hälfte der verwüsteten Areale zu – und die machen mit 65 Prozent den größeren Anteil an Schleswig-Holsteins Forstflächen aus.

Im Jahr 2013 wüteten gleich zwei schwere Stürme über Deutschland. Auch in SH waren die Schäden an der ohnehin eher geringen Waldfläche groß.

Allein von Wald in Privat- und kommunalem Besitz haben beide Stürme 1120 Hektar Wald vernichtet. Davon sind inzwischen gut 500 Hektar wieder aufgeforstet, teilt Hans-Jürgen Sturies, Leiter der Forstabteilung der Landwirtschaftskammer, mit. Kosten: rund 4,5 Millionen Euro. Sturies erwartet, „dass spätestens 2018 alle Flächen fertig werden“.

Dass es so lange dauert, hänge teils mit beschränkten Personalkapazitäten bei Waldarbeitern und den Beratern der Kammer zusammen. „Vor allem aber geben die Förderprogramme ein höheres Tempo nicht her“, sagt Sturies. Sie seien trotz Xaver und Christian nicht aufgestockt worden. Bisher hat das Land drei Millionen Euro zur Wiederaufforstung des privaten und kommunalen Walds bewilligt. Dass die Mittel nicht erhöht worden seien, nennt Sturies „vor allem für den Norden des Landes bitter, denn dort gibt es ohnehin schon besonders wenig Wald“. Ausgerechnet dort ballen sich aber die Sturmschäden – in Nordfriesland, Schleswig-Flensburg, Dithmarschen und dem nördlichen Teil von Rendsburg-Eckernförde.

Eine Folge der Wiederaufforstungen ist, dass 250 Kilometer Zäune private Wälder durchziehen. Sie sollen die Jungpflanzen vor Wildfraß schützen. Es ist vertraglich vereinbart, dass die Zäune nach acht bis zwölf Jahren wieder abgebaut werden – um den Lebensraum für Rehe oder Hirsche nicht auf ewig einzuschränken.

Umstritten ist, ob auf den geförderten Flächen die richtigen Arten nachgepflanzt werden. Es sind nach Angaben der Landwirtschaftskammer zu 70 Prozent Laub- und zu 30 Prozent Nadelhölzer. Das kehrt das bisherige Verhältnis um. Das Umweltministerium argumentiert, Laubbäume seien die natürlich heimischen Gehölze. Und sie kämen mit dem Klimawandel besser zurecht. Zwar erkennt auch Sturies an, dass eine gewisse Beimischung von Laubbäumen das gesamte Ökosystem stärke – und sich dann auch Nadelhölzer besser ausbilden als in Monokulturen. Aber ein Laubanteil von 30 bis 40 Prozent reiche aus. Die derzeitige Aufforstungs-Praxis schieße übers Ziel hinaus. Problem: „Der Markt nimmt soviel Laubholz nicht auf.“

Noch deutlicher wird der Geschäftsführer des Waldbesitzerverbands Schleswig-Holstein, Jens Fickendey-Engels. „Wir produzieren bei dieser Förderpraxis an der Nachfrage vorbei. Das ist unbefriedigend.“ Zu 70 bis 80 Prozent verlange der Markt Nadelholz. Ob Dachstühle, sonstige Baubalken, Spanplatten, ein Großteil der Möbel oder Papier – es gilt als vielseitiger verwendbar, da es leichter ist und eine einheitlichere Qualität bietet als Laubholz. Vor allem macht es einen finanziellen Unterschied: Der Hektar-Ertrag ist laut Landwirtschaftskammer bei Fichte dreimal so hoch wie bei Laubholz.

Fickendey-Engels appelliert an die Landesregierung, in den Förderrichtlinien einen höheren Nadelholzanteil zuzulassen. Schleswig-Holsteins Wald habe bereits einen Laubanteil von über 60 Prozent erreicht – nach dem Saarland der zweithöchste bundesweit. Auch seien Laubbäume „nicht per se unanfällig“. Die Ulme habe sich als nicht überlebensfähig gezeigt, die Esche werde derzeit von einem Massensterben dahingerafft. Hinzu komme, dass sandige Geeststandorte, die einen Großteil der Aufforstungsflächen ausmachen, „Laubbäumen nicht die besten Standortbedingungen bieten“.

„Ziemlich schwach“ findet Fickendey-Engels, dass das Land die Fördergelder nicht aufgestockt habe. Viele Waldbesitzer seien Kleinsteigentümer und hätten ihren kompletten Bestand verloren. Auch ließen sich Aufforstungen nicht beliebig lang zurückstellen. Gefürchtet ist etwa die Spätblühende Traubenkirsche, ein strauchartiges, auf Waldböden wucherndes Gewächs. Es macht Baum-Setzlingen Konkurrenz, wenn sie dereinst gepflanzt werden. Auch für die von den Sturmschäden nicht betroffenen südlichen Landesteile hat der Geldmangel Konsequenzen: Dort wurden Förderanträge laut Landwirtschaftskammer und Waldbesitzerverband wegen des Notstands im Norden vielfach zurückgestellt.

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erstellt am 07.Aug.2016 | 13:09 Uhr

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