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Schleswig-Holstein

07. Dezember 2016 | 21:27 Uhr

Schulen in SH : Nach drei Jahren Uni vor der Klasse: Schmalspurlehrer als Berufsschul-Retter

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Gegen Pädagogen-Mangel: Schon nach drei Jahren Bachelor-Studium können Quereinsteiger jetzt vor der Klasse stehen.

Kiel | Es ist ein Zeichen, wie stark die Berufsbildenden Schulen unter Personalmangel leiden: Das Land will die Löcher mit Nachwuchskräften stopfen, die keine Lehramtsausbildung haben, sondern nach drei Jahren an einer Hochschule nur den einfachsten akademischen Abschluss, den Bachelor, mitbringen. Das Bildungsministerium hat jetzt die dazu nötige Verordnung in Kraft treten lassen. Die abgesenkten Einstiegsvoraussetzungen gelten für technische, mathematische, natur- und agrarwissenschaftliche Fächer. Bei ihnen ist die Not am allergrößten. Doch auch in weiteren Fächern reiche der Lehrernachwuchs längst nicht aus, warnt Stephan Cosmus, Vorsitzender des Verbands der Lehrer an Berufsbildenden Schulen.

„Wir bräuchten für das gesamte Spektrum mindestens doppelt so viele Neueinsteiger und im gewerblich-technischen Bereich vier- bis fünfmal mehr“ sagt Cosmus. Metall-, Elektro- oder Fahrzeugtechnik sind Beispiele für besondere Notstands-Fächer. Pro Halbjahr schließen darin teilweise nur ein bis zwei Referendare in Schleswig-Holstein ihre Ausbildung ab. Nach Angaben des Bildungsministeriums gehen allein in den kommenden fünf Jahren rund 500 Pädagogen an den Berufsbildenden Schulen in den Ruhestand. Die Unterrichtsversorgung ist dort bereits jetzt von allen Schularten die schlechteste: Die Landesregierung beziffert sie mit offiziell 91,1 Prozent. Für die Gymnasien gibt sie 96,9, für Gemeinschaftsschulen 97,5 Prozent an.

„Das Haupt-Problem besteht darin, dass die Ausbildung in Schleswig-Holstein bei Weitem nicht den eigenen Bedarf deckt“, erklärt Cosmus. Die Universität Kiel konzentriert sich bei Studiengängen für Berufsschullehrer auf wirtschaftliche Fächer. Die Universität Flensburg bietet zwar einen zweijährigen Master-Studiengang in gewerblich-technischen Fächern an. Belegen kann den aber nur, wer bereits einen passenden Bachelor von einer anderen Hochschule mitbringt. „Man muss also mitten im Studium eigens nach Flensburg ziehen, um dort den Master zu machen“, schildert Cosmus.

Konsequenz: „Da bleiben die meisten Bachelor-Absolventen lieber gleich in anderen Bundesländern, um dort ihren Master draufzusatteln.“ Und ohnehin handele es sich bundesweit um eine zu kleine Gruppe. Technische Fächer litten unter dem Eindruck vieler Studienanwärter, der Stoff sei besonders schwierig. Wer sich trotzdem darauf einlässt, hat anschließend gute Alternativen zum Schuldienst: „Auch bei Unternehmen ist die Nachfrage nach diesen Absolventen hoch – und die locken mit guten Gehältern“, sagt Cosmus. „Da wirken dann die Marktgesetze.“

Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) steht mit dem Nachwuchsmangel der Berufsschulen die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft auf dem Spiel. An den Schulen erhalten schließlich unter anderem die Auszubildenden der Betriebe theoretischen Blockunterricht. „Wenn es dafür kein gut qualifiziertes Personal gibt, gerät die Qualität der Berufsausbildung in Gefahr und damit der wohl wichtigste Standortfaktor“, urteilt GEW-Landesgeschäftsführer Bernd Schauer.

Künftig nur mit einem dreijährigen Bachelor Zutritt zum Unterrichten zu haben, beurteilt Schauer als kontraproduktiv. „Damit nimmt man den Anreiz, den normalen Weg bis zum Master für das Lehramt an Berufsbildenden Schulen zu gehen“, befürchtet der Bildungsexperte. Ganz abgesehen davon, dass er die Kompetenz der Bachelor-Seiteneinsteiger in Zweifel zieht: „Da haben Sie dann einen Techniker – aber nicht automatisch auch einen Vermittler. Das sendet das Signal: Ob jemand fachliche Inhalte auch rüberbringen kann, interessiert uns nicht.“

Das Bildungsministerium verteidigt den neuen Schmalspur-Weg zum Unterrichten an Berufsschulen mit der „Sicherstellung der Unterrichtsversorgung“. Den Bedenken hält Sprecher Thomas Schunck entgegen, dass die neuen „Direkteinsteiger berufsbegleitend über zwei Jahre pädagogisch und didaktisch qualifiziert werden“. Darauf folge eine „Bewährungszeit von einem Jahr“, bevor eine unbefristete Beschäftigung oder auch eine Verbeamtung in Frage komme. Zudem verweist Schunck auf „sehr gute Erfahrungen mit Quer- und Seiteneinsteigern an den Berufsbildenden Schulen“. Für Inhaber der – gegenüber dem Bachelor allerdings höherstufigen – Abschlüsse Master oder Diplom bestehe schon länger die Möglichkeit, sich für eine Lehrertätigkeit zu qualifizieren.

Das Bildungsministerium sieht sich nicht in der Lage anzugeben, wie weit die Lücke zwischen Pensionierungen und Nachwuchskräften in den kommenden Jahren konkret auseinanderklaffen wird. Die Begründung dafür bestätigt die von den Praktikern kritisierte Abhängigkeit Schleswig-Holsteins von außen: Diese Lücke zu berechnen sei „schwierig“, heißt es, „weil viele Lehrkräfte für die Laufbahn Berufsbildende Schule immer aus anderen Bundesländern kommen“.

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erstellt am 31.Okt.2016 | 14:33 Uhr

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