zur Navigation springen

Schleswig-Holstein

09. Dezember 2016 | 03:03 Uhr

Burka-Debatte : Mit Video: Flensburgerin mit Nikab - Darum trage ich den Gesichtsschleier

vom

Vollverschleiert durch Flensburg: Für Hafsa Sell ist der Nikab Alltag – genauso wie die Reaktionen darauf.

Flensburg | Hafsa Sell hat ein strahlendes, großes Lächeln und trägt einen goldenen Nasenring. Eng über dem rötlich-braunen Haar schmiegt sich ein Tuch mit Paisley-Muster, dazu trägt sie grüne, weite Stoffhosen. Zwei filigrane Goldketten. Doch das sehen die meisten nie. Denn wenn sie aus dem Haus geht, verschleiert die 39-Jährige ihr Gesicht mit einem Nikab, hüllt sich in ein weites Gewand, das man Khimar nennt. Die gebürtige Bayerin ist eine von – so schätzt sie - vier Frauen in Flensburg, die mit Vollverschleierung auf die Straße gehen. Die meisten Deutschen würden sicher Burka dazu sagen, aber das blaue afghanische Gewand mit dem Netz vor den Augen trägt hier niemand.

Doch das alles sind Äußerlichkeiten. Eigentlich sollte an dieser Stelle stehen, dass es schade sei, dass kaum jemand das Gesicht von Hafsa Sell sieht. Oder das anderer Frauen, die sich bis zur Unkenntlichkeit verhüllen. Aber es ist fast noch bedauerlicher, dass nur wenige ihnen zuhören wollen, obwohl doch so viele über sie reden.

Die Diskussion der Landesinnenminister über ein mögliches „Burka-Verbot“ oder vielmehr das „Gebot, Gesicht zu zeigen“ und den Burkini-Bann an Frankreichs Stränden hat auch Hafsa Sell verfolgt, auch wenn sie Nachrichten nur ungern und selten sieht. „Es fühlt sich an, als würde man mich persönlich verbieten“, sagt sie. „Was haben wir Frauen denn getan? Mit welchem Recht kontrolliert die Regierung die Kleidung der Frauen?“ Es gebe im Moment sehr viel Negativ-Publicity. Auch in den Medien, die islamistischen Terror lieber mit einer verschleierten Frau illustrieren würden als mit einem Mann mit Kalaschnikow.

Ob Wahlkampf oder Sommerloch, vielleicht die Angst vor dem Unbekannten, die „Burka-Debatte“ wird überaus hitzig geführt. Noch recht moderate Töne spricht die Bundeskanzlerin an. Sie könne sich nicht vorstellen, dass man sich mit Vollverschleierung integrieren könne. Doch selbst im FAZ-Feuilleton heißt es, eine liberale Gesellschaft sei darauf angewiesen, dass man sich im „offenen Austausch“ befinde und diese liberale Gesellschaft würde von „solchen schwarzen Löchern von innen zerfressen“.

Hafsa Sell ist kein „Schwarzes Loch“. Ihren schwarzen Nikab trägt die vierfache Mutter nicht mehr, weil darauf die Gesellschaft besonders negativ reagiere. „Scheiß Ausländer“, rufen ihr Unbekannte zu oder: „Islam ist scheiße“. Ihre Kollektion umfasst stattdessen ein sandiges Braun oder violett. Damit enden ihre Zugeständnisse an die Allgemeinheit. Verzichten würde sie auf den Schleier nicht. So vergeht für sie kaum ein Tag ohne Anfeindungen. „Von 2000 Leuten sagt einer was“, schätzt sie. „Man braucht persönliche Stärke dafür.“ Und doch sieht sie sich als Teil der Gesellschaft: „Ich arbeite oder ich spiele mit meinen Kindern Basketball.“ Doch ihren eigentlichen Beruf im Bereich Marketing kann sie nicht ausüben, allerdings offenbar wegen der Kinderpause. Sie arbeitet im Callcenter und sagt, sie habe ein gutes Verhältnis mit den Kollegen, macht Witze über alles Mögliche. Auch wenn die männlichen Kollegen ihr Gesicht nicht kennen.

Michaela Hafsa Sell im Niqab - und mit Kleidern, die sie darunter trägt.

Michaela Hafsa Sell im Niqab - und mit Kleidern, die sie darunter trägt.

Foto: Lippmann
 

Doch meist müssen Frauen sich entscheiden: Bildung und Beruf oder Schleier. Die Allgemeinheit oder ihre strenge Auffassung der Religion. Hafsa Sells Meinung steht fest. „Ich diene damit Gott“, sagt sie. Die konvertierte Muslima empfindet das als höchste Stufe in der religiösen Gesellschaft „und Islam heißt ja Unterwerfung.“ Sie wirkt auch ein wenig stolz, dass sie dieses Opfer bringt – und am Ende des Lebens möchte sie viele gute Taten für Allah in die positive Waagschale legen. Den Namen des Gottes spricht sie nicht deutsch aus, sondern mit kurzem, stark betonten „A“. Außerdem hat der Schleier eine soziale Aussage für Hafsa Sell: „Ich bin wertvoll, ohne dass man mich schön findet.“ Enge Jeans, Nagellack oder offen getragenen Schmuck lehnt sie ab. Dazu gehört auch, dass sie keine männlichen Freunde hat. Keine Musik hört außer Trommeln und Gesang. Sie habe aber inzwischen aufgehört, Freundinnen wegen Nagellacks zu ermahnen.

Das gesellschaftliche Opfer ist nur eine Seite. Auch gesundheitlich nimmt Hafsa Sell die Nachteile des Schleiers in Kauf. Ein Internist habe abgelehnt sie zu behandeln. „Ich will keine Frau mit Tschador in meinem Wartezimmer“, soll er zu ihr gesagt haben. Auch die Empfehlung, Vitamin D-Tabletten zu nehmen, befolgt die 39-Jährige nicht. Das Vitamin benötigt man, wenn man zu wenig Sonneneinstrahlung bekommt, dann kann der Körper es nicht ausreichend bilden. Selbst in südlichen Regionen leiden verschleierte Frauen unter einem Mangel daran – im langen Winter des Nordens fehlt die Sonne den Körpern noch mehr. Doch Hafsa Sell möchte davon nichts wissen. „Warum kümmert man sich nicht um die Leute, die an der Nadel hängen oder an der Straße Alkohol trinken?“, weicht die Flensburgerin aus.

 

Dass sie sich einmal verschleiern würde, hatte sie früher selbst nicht gedacht. Als Michaela ist sie im katholischen Bayern aufgewachsen – und wurde zur Atheistin, als ein Priester in der Schule ihr die Geschichte von Moses – heute nennt sie ihn „Musa“ - und dem geteilten Meer nicht erklären konnte. „Ich wollte wissen, wie das passiert sein soll“, sagt die 39-Jährige. Stattdessen forderte der Geistliche, sie müsse einfach glauben. Das tat sie nicht. Mit 24 Jahren sagt sie, habe sie dann eine Art Vision gehabt, dass sie auf Allah hören sollte. Eine Art Traum. Warum ausgerechnet Allah, kann sie nicht genau erklären, denn ihre Berührungen mit dem Islam waren nur oberflächlich gewesen. Aber für sie war es real, ein Gottesbeweis. „Ich verlange nicht, dass man das versteht“, sagt sie.

Konvertiert sei sie dann alleine. Sie sprach eine Frau mit Kopftuch an, wo denn eine Moschee sei und kaufte sich einen Koran. Und irgendwann, sie war inzwischen nach Hamburg gezogen, kaufte sie sich selbst ihr erstes Kopftuch. Sie fand es hübsch und machte immer weiter. Seit zehn Jahren gehört der Niqab, der Gesichtsschleier für Hafsa Sell dazu und ihren eigentlichen Namen Michaela legte sie ab, ihren Mädchennamen behielt sie aber auch nach der Heirat mit einem Iraker.

„Der Niqab ist ein Teil meiner Persönlichkeit“, sagt Hafsa Sell heute. „Es ist eine Sache des Herzens, nicht des Verstandes.“ Als Mensch müsse man den Willen Allahs nicht immer verstehen, aber man müsse ihn befolgen. „Die Liebe zu Gott steht über den eigenen Gelüsten.“ Daran müsse man sich halten und „irgendwann sind die Gelüste, wie die Liebe zu Gott es verlangt.“

zur Startseite

von
erstellt am 28.Aug.2016 | 19:44 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Themen zu diesem Artikel:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen