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Schleswig-Holstein

09. Dezember 2016 | 06:58 Uhr

Thyssen Krupp Marine Systems : Milliarden-Schlappe für Kiel: Frankreich baut Australiens neue U-Boot-Flotte

vom
Aus der Onlineredaktion

Es wäre der größte Auftrag der Unternehmensgeschichte gewesen. Doch ein französischer Konkurrent bekommt den Zuschlag.

Adelaide/Kiel | Thyssen Krupp ist bei der Ausschreibung eines Milliardenprojekts zum Bau von zwölf U-Booten in Australien leer ausgegangen. Die Regierung wählte den staatlichen französischen Schiffbaukonzern DCNS als bevorzugten Partner, wie Premierminister Malcolm Turnbull am Dienstag in Adelaide mitteilte. Der über mehrere Jahrzehnte gestreckte Auftrag hat ein Volumen von rund 35 Milliarden Euro und wäre für ThyssenKrupp einer der größten Aufträge der Unternehmensgeschichte gewesen. Zugleich handelt es sich um die größte militärische Anschaffung der australischen Geschichte.

Die Kieler Thyssen-Krupp-Werft, die von dem Milliardenauftrag profitiert hätte, gehört zu den größten Arbeitgebern in Schleswig-Holstein und gilt als einer der weltweit führenden U-Boot-Hersteller.

In Kiel zeigt man sich überrascht über die Entscheidung. „Ich bin ein bisschen erstaunt, dass der Auftrag jetzt doch an die französische Werft geht“, sagte der Kieler IG-Metall-Chef und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende von ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS), Peter Seeger, am Dienstag. Im Aufsichtsrat habe in dem Verfahren bis zuletzt große Zuversicht geherrscht.

Über die Gründe herrscht rätselraten. Bereits im Januar hatten Insider ThyssenKrupp aufgrund technischer Bedenken schwindende Chancen attestiert. Ungewöhnlich offen für die sonst verschwiegene Welt der Rüstungsindustrie werden in Australischen Medien Gerüchte lanciert und die möglichen Folgen des Deals diskutiert. Die überregionale Tageszeitung „TheAustralian“ berichtete damals, sie habe aus einer nicht genannten Quelle erfahren, die US-Amerikaner, der wichtigste militärische Verbündete Australiens, hätten Bedenken gegenüber U-Booten von TKMS. Die Deutschen könnten leichter von China ausspioniert werden.

<p>Die Computergrafik zeigt das unterlegene Modell eines U-Boots der Klasse 216 von ThyssenKrupp.</p>

Die Computergrafik zeigt das unterlegene Modell eines U-Boots der Klasse 216 von ThyssenKrupp.

Foto: Thyssen Krupp Marine Systems

Ebenfalls um den Auftrag beworben hatte sich ein japanisches Konsortium mit Mitsubishi Heavy Industries und Kawasaki Heavy Industries. Letztlich gewann jedoch der Pariser Konzern, an dem der französische Staat knapp zwei Drittel der Anteile hält. Turnbull verkündete die Entscheidung in der Küstenstadt Adelaide, wo sich die U-Boot-Werft befindet, die an dem Bau beteiligt werden soll.

Drei Firmen hatten Angebote abgegeben

Angebot der Kieler Werft Die Kieler Werft von TKMS bot ein bisher nur als Entwurf existierendes U-Boot, dessen Design auf der HDW Klasse 216 beruht. Die Schiffe wären etwa 90 Meter lang und hätten 34 Mann Besatzung. Das Unternehmen betonte auf seinem Internetauftritt die Vielseitigkeit des Typs. Das U-Boot sei daher prädestiniert für die Bekämpfung von Schiffen und U-Booten, den Angriff auf Landziele, die Unterstützung bei Operationen von Sondereinsatzkräften und die Minenausbringung und Minenaufklärung
Angebot aus Japan Das japanische Firmen-Konsortium offerierte eine auf die australischen Bedürfnisse angepasste Version der Sōryū-Klasse, der modernsten U-Boote der japanischen Marine. Diese Kriegsschiffe sind 84 Meter lang und haben eine Besatzung von 65 Mann. Für Japan wäre der Rüstungsdeal eine große Premiere, denn das Land hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine strikt pazifistische Außenpolitik verordnet. Dazu gehörte auch das Verbot des Exports von Rüstungsgütern. Erst in der jüngsten Zeit ist diese Politik etwas verändert worden.
Erfolgreiches Angebot aus Frankreich Der französische Rüstungskonzern DCNS mit Hauptsitz in Paris will für Australien eine neue Version seiner bestehenden „Barracuda-Klasse“ bauen. Diese Schiffe wären 97 Meter lang und hätten eine Besatzung von 60 Mann. Die ersten dieser nuklear angetriebenen Jagd-U-Boote befinden sich aktuell im Bau für die französische Marine. Sie sollen 2017 in Dienst gestellt werden. Für Australien würde DCNS eine Version mit konventionellem Antrieb entwickeln.


Seeger ist für die Zukunft des Kieler Standorts trotz der Absage aus Australien optimistisch. „Es gibt eine gute Perspektive für die Werft.“ Im Bereich der Fertigung sei die Werft bis 2021 ausgelastet. „Etwas kritisch“ sei es allenfalls im Konstruktionsbereich. Es gebe aber genug Zeit, sich um andere Aufträge zu kümmern. Umso wichtiger sei es, dass der Auftrag für ein deutsches Mehrzweck-Kampfschiff nach Kiel gehe.

Paris hat begeistert auf den milliardenschweren U-Boot-Auftrag reagiert. Frankreichs Premierminister Manuel Valls sprach von einem „wunderbaren Erfolg“. „Stolz auf unsere Ingenieure, Techniker und Arbeiter“, schrieb er am Dienstag auf Twitter. Der Élyséepalast nannte die Wahl des französischen Anbieters DCNS für den Bau von zwölf U-Booten in einer Mitteilung „historisch“. „Frankreich ist dankbar für das Vertrauen, das Australien ihm beweist“, hieß es weiter. Präsident François Hollande habe Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian gebeten, nach Australien zu reisen.

Die Schiffe sollen überwiegend in Australien gebaut werden, unter Einbeziehung der führenden australischen Marinewerft, der staatlichen ASC (früher: Australian Submarine Corporation). Sie baute die sechs U-Boote der Collins-Klasse, die zwischen 1994 und 2003 in Dienst gestellt wurden und jetzt abgelöst werden sollen. Die Fertigung der neuen U-Boote soll in wenigen Jahren beginnen, das erste U-Boot Anfang der 2030er Jahre in Dienst gestellt werden.

TKMS hatte versprochen, in Australien ein Werk aufzubauen und die U-Boote dort herzustellen. Die Kieler Sparte wollte damit auch ein Standbein für Wartungsaufträge in der Asien-Pazifik-Region aufbauen. TKMS hatte eine enge Kooperation oder die Übernahme der Marinewerft ASC angeboten.

Australiens Regierung hatte im März ein umfangreiches Aufrüstungsprogramm angekündigt - mit Ausgaben von allein 195 Milliarden Australischen Dollar (134 Milliarden Euro) bis zum Jahr 2025. Die Verteidigungskräfte müssten angesichts des Wettrüstens in Asien und wegen der Spannungen im Südchinesischen Meer schlagkräftiger werden. „In den nächsten 20 Jahren werden die Hälfte aller U-Boote weltweit und mindestens die Hälfte aller modernen Kampfflugzeuge in dieser Region stationiert sein“, hieß es in einem Weißbuch zur Verteidigung. Bedrohungen seien mögliche Konflikte, Cyberangriffe, Terrorismus, Pandemien und der Klimawandel.

Australien ist weltweit eines der Länder mit der längsten Küstenlinie und daher auch traditionell eine Seemacht. Das Land, dass militärisch eng mit den Vereinigten Staaten verbündet ist, unterhält eine moderne Flotte, um seine Interessen im pazifischen Raum zu wahren. Dort wird zur See seit Jahren aufgerüstet. China baut seine Marine massiv aus. Auch die USA setzen auf eine erhöhte Militärpräsenz in der für sie wichtigen Region, wie US-Präsident Barack Obama mehrfach in den vergangenen Jahren betonte. Vor diesem Hintergrund hatte Australiens Regierung 2014 beschlossen, seine U-Boot-Flotte bis etwa 2030 komplett zu erneuern.

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erstellt am 26.Apr.2016 | 14:24 Uhr

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