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Schleswig-Holstein

11. Dezember 2016 | 05:11 Uhr

Kampfeinsätze und Waffenlieferungen : Militärbischof Sigurd Rink: „Man macht sich so oder so schuldig“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der evangelische Militärbischof Sigurd Rink verteidigt im Interview die Notwendigkeit von Kampfeinsätzen der Bundeswehr und Waffenlieferungen an die Peschmerga.

Militärbischof Rink, brauchen wir bei all den Krisenherden dieser Welt eine wehrhaftere Gesellschaft als noch vor einigen Jahren?
In den vergangenen Jahrzehnten ist der erste Zweck der Bundeswehr aus dem Blick geraten, nämlich die Landes- und Bündnisverteidigung. Man hat über Jahre gedacht, wir brauchen sie nur noch als Einsatzarmee. Ich glaube, dass wir 2014 gemerkt haben, es gibt einen Primärzweck: Eine wehrhafte Demokratie. So kurz vor dem 500. Geburtstag der Reformation 2017 muss man auch mal sagen, es gibt eine lesenswerte „Kriegsleuteschrift“ von Martin Luther, in der er der Frage nachgeht, „ob auch Kriegsleute im seligen Stand sein“ können.

Und können sie?
Luther führt aus, dass der Hauptzweck einer Armee die Verteidigung des eigenen Territoriums ist. Damit ist es das gute Recht eines jeden Landes.

Muss sich da auch die Kirche stärker einbringen? Und wenn ja, wie?
Sie tut das. Deswegen habe ich in der vergangenen Woche beispielsweise die Marineschule Mürwik in Flensburg besucht. Wir haben die Militärseelsorge, in der 98 evangelische und etwa 75 katholische Seelsorger unterwegs sind, um dazu beizutragen, dass die Soldatinnen und Soldaten eine gute seelsorgerliche Betreuung haben.

Zu Zeiten des Kalten Krieges stand die Kirche stärker für eine Friedensbewegung. Die Betreuung von Soldaten hat sich aber von der „Gewissenssorge“ zu einer stärkeren Seelsorge, im Sinne einer stärkeren Betreuung von posttraumatischen Belastungsstörungen, verschoben. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Das spielt eine Rolle, ist aber längst nicht alles. Wir haben ein großes Seelsorgeprojekt, in dem wir uns um Einsatzfolgen kümmern. Auch um Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS). Dieses Seelsorgeprojekt erfährt leider einen wachsenden Zuspruch. Man merkt, dass die Einsätze ernste Folgen zeigen. Es geht aber schlichtweg auch um ganz alltägliche Begleitung von Menschen.

Dr. Sigurd Rink ist seit dem 15. Juli 2014 evangelischer Militärbischof.

Dr. Sigurd Rink ist seit dem 15. Juli 2014 evangelischer Militärbischof.

Foto: shz
 

Sind Kirche und Militär, christliche Nächstenliebe und militärischer Kampfeinsatz ein Widerspruch?
Auf den ersten Blick ja. Man hört ja erstmal immer das Gebot „Du sollst nicht töten“. Was übrigens interessanterweise wörtlich übersetzt meint: Du sollst nicht morden. Ich glaube, man muss das gerade aus dem Blick der Evangelischen Kirche als ein Stück Verantwortungsethik begreifen.

Wie meinen Sie das?
Natürlich wünscht sich kein Mensch Krieg. Wenn man aber mitbekommt, was gerade in den letzten Tagen in Bangladesch oder am Flughafen in Istanbul passiert ist, muss ich ganz ehrlich sagen: Ich stehe fassungslos davor. Das bedeutet aber umgekehrt verantwortungsethisch: Wir brauchen etwas, das wir als rechtserhaltende Gewalt bezeichnen. Jeder kennt es im Inneren von der Polizei. Ich brauche für diejenigen, die sich nicht an Recht und Gesetz halten, eine Kraft, die das Recht durchsetzt. Genauso ist es im Äußeren auch. Wir brauchen an dieser Stelle die versammelte Kraft der Vereinten Nationen, der Verteidigungsbündnisse, um auch dann, wenn schwerste Menschenrechtsverletzungen passieren, in der Lage zu sein, diese Menschen zu schützen. So etwas haben wir jetzt bei der Verfolgung und den Massakern an Jesiden erlebt. Und man muss auch ganz klar sagen, bei der christlichen Minderheit im Nordirak war es nicht anders. Wer schützt diese Menschen? Mit einem Eingreifen macht man sich auch schuldig. Das ist eine echte Dilemmasituation. Aber man muss es gegebenenfalls auch mit rechtserhaltender Gewalt tun.

Im Kampf gegen den IS sind auch Jageler Tornado-Piloten im Aufklärungseinsatz. Manche Kritiker sagen „nur“ im Aufklärungseinsatz. Sie sind derzeit in Incirlik vor Ort, wo die Soldaten stationiert sind. Sollten sich die Deutschen in Syrien und im Irak noch stärker engagieren?

Für mich ist der entscheidende Punkt, dass bei internationalen Einsätzen, wo immer es geht, eine Mandatierung der Vereinten Nationen vorhanden ist. Wenn das der Fall ist, wie beispielsweise auch beim Unifil-Einsatz vor Zypern, Libanon oder jetzt auch in Mali (Anm. d. Red.: Bei dem Einsatz sind auch 120 Soldaten des Aufklärungsbataillon 6 „Holstein“ beteiligt), dann sehe ich sogar eine Verpflichtung an dieser Stelle, für die internationale Gemeinschaft einzugreifen.

Wie stehen Sie zu Waffenlieferungen, wie beispielsweise an die Peschmerga? Ist das als Kirchenmensch moralisch vertretbar?
Waffenlieferungen müssen sehr, sehr gut abgewogen sein. Es gibt da keinen ganz einfachen Weg. Die Bundesregierung hat sich da ja auch viele Gedanken gemacht, ob sie Waffenlieferung in Krisenregionen zulassen kann. Sie merken, dass ich an dieser Stelle skeptisch bin. Ich kann es nachvollziehen vor dem Hintergrund, dass dort regionale Truppen tätig werden sollen, die auch entsprechend ausgebildet und ausgestattet werden. Wir wollen dort nicht mit deutschen Kampftruppen eingreifen. Soweit finde ich das gut. Aber man muss die Fragen stellen: Was passiert mit diesen Waffen? Wird weiter mit ihnen gehandelt? Was passiert, wenn dieser Konflikt beendet ist? Sehen wir deutsche Sturmgewehre danach bei einem anderen Konflikt? Ich bin von diesen Waffenlieferungen nicht wirklich überzeugt.

Die Waffenexporte Deutschlands sind vergangenes Jahr nach oben geschnellt. Macht Ihnen das Sorge, und wie sollte die Bundesregierung sich verhalten?
Ja, die Sorge teile ich. Die Regierungsmitglieder können hier in guter christlicher Tradition ihr Gewissen prüfen. Das kann zu einer Entscheidung ein wichtiger Beitrag sein.

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erstellt am 05.Jul.2016 | 19:51 Uhr

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