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Schleswig-Holstein

04. Dezember 2016 | 11:22 Uhr

Landwirtschaftstag in Neumünster : Milchbauern in SH: Das Dilemma der Gefangenen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Vielen Milchbauern droht das Aus. In der Nische liegt die Hoffnung, meint Redakteur Till H. Lorenz.

Wenn landwirtschaftliche Betriebe massenhaft Milch produzieren, geht der Preis in den Keller. Das ist nichts weiter als das Einmaleins von Angebot und Nachfrage. Bei der Öl-Förderung verhält es sich nicht anders. Beiden Branchen ist gemein, dass sie in einem Gefangenendilemma stecken, aus dem sie mit den den bisherigen Rezepten kaum herausfinden werden.

In der Spieltheorie sind es zwei Gefangene, die unabhängig voneinander aussagen müssen und damit über ihr Strafmaß entscheiden. Das Ergebnis: Wenn zwei das für sie Beste tun, ist es nicht die beste Lösung für beide zusammen. So mögen einzelne Landwirte profitieren, wenn sie ungezügelt Milch auf den Markt werfen. Doch so wie Saudi-Arabiens Billig-Preis-Politik beim Öl andere Förderländer in die Knie zwingt, macht der Überschuss billiger Milch die schwächsten Betriebe in der Milchwirtschaft letztlich kaputt.

Bauernverbände und Großmolkereien stimmten in der Vergangenheit immer das Lied von Wachstum und internationaler Expansion an. Doch spätestens jetzt sollte klar sein, dass diese Strategie für viele Betriebe nicht funktioniert. Allein zwischen 2010 und 2014 kamen 150.000 neue Milchkühe in Deutschland hinzu. Die lassen sich aber nicht nach Bedarf an- und ausschalten. Bleibt die Nachfrage auf dem Weltmarkt aus, diktieren die Discounter und geizige Verbraucher den Landwirten die ruinösen Preise. Die Euter der Kühe müssen schließlich geleert werden – ganz gleich, ob Russen und Chinesen Milch trinken wollen oder nicht.

Branchen wie der Maschinenbau machen vor, wie deutsche Unternehmen in Zeiten der Globalisierung erfolgreich sein können: mit Spezialisierung und Diversifizierung. Nicht die Masse ist gefragt. In der Nische liegt die Hoffnung. Höher vergütete Bio-Milch, Regionalität, Direktvermarktung böten Landwirten zumindest Möglichkeiten für einen Weg aus dem Dilemma. Einer mehr als die internationale Massen-Produktion.

Hintergrund: Der Landwirtschaftstag in Neumünster

Der Preisverfall hält an – das  Höfesterben nimmt zu.  „So  kann es nicht weitergehen“, mahnte Landwirtschaftsminister Robert Habeck am Montag beim Landwirtschaftstag der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Neumünster. Der Grünen-Politiker warb vor 1200 Gästen, vornehmlich Bauern aus Schleswig-Holstein, für eine Abkehr von der rein export- und wachstumsorientierten Produktion in der Landwirtschaft. Ohne eine Umkehr drohe angesichts des Preisverfalls – vor allem bei der Milch – in den kommenden zwei Jahren jedem dritten Betrieb das Aus, warnte Habeck. Die Europäische Kommission bezeichne dies als „Strukturwandel“. EU-Agrarkommissar Phil Hogan bestreite gar eine Krise der Milchbauern. Wenn aber nur der freie Markt eine Antwort auf die Krise sei, „dann ist dieser Saal in zehn Jahren nur noch zu einem Drittel gefüllt“, so die Prognose des Ministers.

Landwirtschaft sei nicht nur Kalorienproduktion, sondern Teil der Infrastruktur, sagte der Minister. So könnten Bauern auch Arten- und Gewässerschutz betreiben und würden dafür entsprechend bezahlt. Solche Zahlungen reichten aber meist nicht aus, sagte dagegen Schleswig-Holsteins Bauern-Vizepräsident Peter Lüschow. Die Politik sollte sich gerade in einer Krise mit immer mehr Auflagen zurückhalten, „dann können wir Bauern uns freischwimmen und haben eine Zukunft“.

 

 

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erstellt am 02.Feb.2016 | 07:33 Uhr

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