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Zweiter Weltkrieg : Mit High-Tech auf Minensuche in der Kieler Förde

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

In der Kieler Bucht hilft ein Nato-Verbund der Deutschen Marine, den Meeresgrund von gefährlichen Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg zu befreien.

Kiel | Auf der Suche nach den Minen am Meeresgrund schaukelt es im Herzstück des Bootes. Sechs Windstärken sind es draußen, die über die Kieler Förde fegen. Doch das bekommt Oberbootsmann Thomas Schröder nicht mit. Er blickt konzentriert auf einen der acht Bildschirme vor ihm – und fängt an zu erklären. Eine Seekarte der Kieler Bucht ist zu sehen – und ein Film, der Taucher zeigt, die sich vorsichtig auf dem Meeresgrund einer möglichen Bombe nähern. Der Marine-Soldat sitzt in der Operationszentrale des Minensuchboots „Auerbach“. „Hier laufen alle Informationen zusammen, hier werden alle Daten, die unsere Besatzung bekommt, verarbeitet“, sagt der Oberbootsmann.

Derzeit sucht die „Auerbach“ den Eingang der Kieler Förde nach Munition ab, die auch 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg dort allgegenwärtig ist. Die „Auerbach“ ist nicht allein im Einsatz. Im Gegenteil. Es ist ein internationaler Einsatz, bei dem ein Nato-Marineverband mit fünf Schiffen aus Deutschland, Belgien, Großbritannien und Polen bei der Minensuche beteiligt ist. Seit vergangenem Mittwoch läuft der Einsatz in dem drei Quadratkilometer großen Gebiet in nahe des Kieler Leuchtturms, heute Abend wird er enden.

Insgesamt liegen in den deutschen Hoheitsgewässern 1,6 Millionen Tonnen konventionelle Munition. „Wenn Sie das alles auf einen Güterzug verladen würden, würde die Munition Waggon für Waggon dreimal von Flensburg bis München reichen“, sagt Jens Sternheim, Vorsitzender des Bund-Länder-Expertenkreises „Munition im Meer“. Etwa 4000 englische Grundminen wurden zu Kriegszeiten in die Kieler Bucht abgeworfen. Sternheim schätzt, dass davon noch 800 scharf sind. In einem Gebiet, das jährlich von 40.000 Schiffen befahren wird. Es sei wichtig, was die Marine dieser Tage in der Kieler Förde leiste, sagt Sternheim. Aber: „Das Umlagern der Munition beseitigt die Gefahr für den Schiffsverkehr, aber nicht die Gefahr für die Umwelt, die von den Sprengstoffen ausgeht.“

Eine Initiative des Umweltministeriums mit der Industrie, dem Geomar, dem Fraunhofer Institut und der Uni Kiel arbeitet an einem Projekt mit dem Namen „MaMut 2.0“. Ein Roboter soll entwickelt werden. Oder wie Sternheim es formuliert: „Eine automatische Bergungseinheit zur umweltschonenden Beseitigung von Munition am Meeresgrund ist in Vorbereitung.“ Dazu soll zeitnah ein Antrag auf Forschungsgelder beim Bund eingereicht werden, berichtet Sternheim. Doch bis es soweit ist, dass ein Roboter den Grund der Kieler Förde von Munition befreit, dürfte noch viel Zeit vergehen.

Und so ist Oliver Kinast, Leiter des Kampfmittelräumdienstes, dankbar für die Unterstützung des Nato-Verbandes: „Das, was die Marine in einer Woche schafft, würde für uns Monate der Arbeit bedeuten.“ Mit Sonartechnik (Ortung von Gegenständen mittels ausgesandter Schallimpulse) und der Flächensuchdrohne „Remus“ spüren Marine-Experten die verdächtigen Gegenstände am Meeresboden auf. Taucher und Unterwasserdrohnen mit dem Namen „Seefuchs“ identifizieren diese anschließend. Der Kampfmittelräumdienst ist dann wiederum dafür verantwortlich, die Minen und Bomben unschädlich zu machen. Die in der Kieler Bucht entdeckten Grundminen werden in der Regel unter Wasser entschärft und in das Munitionsversenkungsgebiet Kolberger Heide gebracht.

Allein vom Mittwoch bis Freitag vergangener Woche hat der Nato-Verband unter Führung des niederländischen Fregattenkapitän Peter Bergen Henegouwen 183 verdächtige Gegenstände entdeckt, in 24 Fällen wurde Sprengstoff nachgewiesen – 14 Grundminen, vier Fliegerbomben, zwei Ankerminen, zwei Wasserbomben, ein Torpedo und eine Kiste Munition. In den nächsten Monaten steht die Arbeit für die sechs Taucher des Kampfmittelräumdienstes an. Bis Ende des Jahres soll die Munition gesichert sein, hofft Kinast.

Auch wenn jetzt der Kampfmittelräumdienst übernimmt, die Arbeit ist für den Nato-Verband noch lange nicht getan. In der kommenden Woche geht es in die Nordsee vor der niederländischen und belgischen Küste. Anschließend nach Frankreich und Estland. Nicht nur in der Kieler Förde liegt noch jede Menge Munition am Meeresgrund.

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erstellt am 03.Mär.2015 | 07:00 Uhr

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