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26. September 2016 | 05:39 Uhr

Sexting : Entblößt im Internet

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer häufiger kursieren pornografische Fotos von Teenagern in sozialen Netzwerken. Wer dort abgebildet ist, wird mit Häme überschüttet. Oft haben die betroffenen Mädchen und Jungen selbst die Bilder von sich gemacht.

Verliebt chattet Nina mit ihrer Flamme Tom, beide 17 Jahre alt (Namen geändert). Für ihn würde das Mädchen viel tun und lässt sich schnell überreden, ihm ein Bild ihrer nackten Brüste zu schicken. Was sie nicht weiß: Toms Interesse an ihr ist nur gespielt. Er chattet nicht alleine, sondern sitzt mit drei Freunden am Computer – die Jungs machen sich über Nina lustig. Das Foto vervielfacht sich rasend schnell, es wird mit hämischen Kommentaren an Freunde und Klassenkameraden verschickt – auf Handys, per E-Mail, über soziale Netzwerke. Für Nina bricht eine Welt zusammen. Sie ist ein Sexting-Opfer geworden. Der Begriff ist eine Zusammensetzung aus den Worten Sex und Texting, dem englischen Wort für das Versenden von Kurzmitteilungen per Handy.

Ninas Fall ist Uli Tondorf während der Projektarbeit an Schulen begegnet. Der Medienpädagoge arbeitet beim Verein Aktion Kinder- und Jugendschutz Schleswig-Holstein, der unter anderem Medienkompetenz vermittelt. Oben auf der Prioritätenliste steht die Prävention, damit es gar nicht erst zu solchen Fällen kommt oder so schlimm wird, wie in Cloppenburg. In der niedersächsischen Stadt haben Ende Oktober fünf Schulleiter mit einem offenen Brief an die Eltern Alarm geschlagen, weil das Problem unter den Schülern Überhand genommen hatte. Auch in Schleswig-Holstein ist das Phänomen bekannt, die Mitarbeiter der Aktion Kinder- und Jugendschutz stellen seit einem Jahr fest, dass die Fälle zunehmen, in denen Sexting an ungewollte Adressaten geht.

Jugendlichen ist Sexting jedoch schon früher begegnet. Den Schülerinnen Lisa (19) aus Eckernförde und Romy (15) aus Elmshorn etwa schon vor drei Jahren (Namen geändert). Sie berichten von Mitschülerinnen, meistens zwischen 13 und 16 Jahren alt, die Handy-Bilder von sich in Unterwäsche oder sogar mit freiem Oberkörper machen und an ältere Jungen senden. Manche der Adressaten zeigen die Bilder Lisa zufolge dann herum oder versenden sie über die Online-Dienste What’s-App oder Instagram. „Dann wird viel gelästert, aber ich habe es nie erlebt, dass die Person direkt angesprochen wurde“, erzählt Lisa vom Alltag an ihrer Schule. Wem das passiere, der höre meistens damit auf. „Die Mädchen bereuen es einfach“, sagt Romy. Es sei aber auch schon vorgekommen, dass ein Mädchen eine Zeit lang regelmäßig Bilder von sich verschickt hat, so Lisa. „Das ist eine Form der Bestätigung, weil sich viele über ihren Körper definieren“, sagt sie.

Wie weit verbreitet Sexting unter Schülern im Land wirklich ist, weiß keiner. Während der Arbeit Uli Tondorfs stellte sich heraus, dass in manchen Klassen kein Schüler mit Sexting in Berührung gekommen ist, in anderen Klassen jedoch alle. „Es kann sein, dass es sich dabei um denselben Fall handelte“, sagt Uli Tondorf. Wer betroffen ist, schämt sich häufig zutiefst und wendet sich nicht an Eltern oder Lehrer. Laut Tondorf liegt das daran, dass die Opfer nicht nur Häme abbekommen, sondern ihnen auch noch die Schuld gegeben wird. „Dann heißt es: ‚Wie blöd ist die denn, dass sie Nacktfotos von sich verschickt?’ Dabei muss man aber berücksichtigen, dass die Fotos in Situationen entstehen, in denen sich die Mädchen oder Jungen sicher fühlen.“

Laut Uwe Keller vom Landeskriminalamt in Kiel ist die Wurzel des Problems, dass überhaupt Fotos entstehen. Er fordert von den Jugendlichen: „Denkt darüber nach, welche Folgen das haben kann – das Netz vergisst nie.“ Dem tritt Uli Tondorf entgegen. Der Medienpädagoge räumt ein, dass auch Unbedarftheit hinter solchen Bildern steckt. Aber ein Verbot auszusprechen, sei nicht der richtige Weg. Unter Pädagogen sei klar, dass Handys und Internet fester Bestandteil im Leben Jugendlicher sind und bei der sexuellen Entwicklung Jugendlicher eine große Rolle spielen. Dafür könne ihnen niemand die Schuld geben. „Stattdessen muss verurteilt werden, wer die Bilder ohne Zustimmung an andere weitergibt“, sagt Tondorf. Denn das sei nicht nur moralisch höchst verwerflich, sondern auch eine Straftat, die verfolgt werden kann. Etwa, weil so die Rechte am eigenen Bild verletzt werden. Uwe Keller vom Landeskriminalamt geht noch weiter: „Wer Nacktbilder weitergibt, läuft Gefahr, den Tatbestand der Weiterverbreitung von Kinderpornografie zu erfüllen.“

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erstellt am 10.Nov.2013 | 14:00 Uhr

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