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23. März 2017 | 01:28 Uhr

Ein Stück Hafengeschichte

vom

Hamburg | Es ist hier so schief, dass man Angst hat, der Schweinebraten rutscht vom Teller. Doch die Oberhafenkantine hat schon anderes aufgefangen. Wie ein Wind und Wetter trotzender Monolith harrt sie seit 1925 der Dinge. 72 Jahre lang hat Anita Haendel hier jeden Tag die Mettbrötchen für hungrige Hafenarbeiter geschmiert, Frikadellen geknetet und das Astra-Bier gereicht. Bis sie 1997 starb. Längst ist alles anders geworden, seit junge Gastronomen das Zepter übernommen haben.

Es gibt keine Schauerleute mehr und keine Kaffeeklappen. Stattdessen hat sich die Hafencity nur wenige hundert Meter weiter breit gemacht. Noch ist der Oberhafen ein unwirtliches Areal, umzingelt von Lagerhallen und Bahngleisen, doch soll hier, wenn es nach dem Willen der städtischen Hafencity GmbH geht, "ein dynamisches Kreativ- und Kulturquartier mit neuen Potenzialen" entstehen.

Sebastian Libbert hat die Oberhafenkantine im Februar 2011 zusammen mit Partner Tim Seidel übernommen und steht im regen Kontakt mit der Stadt. Er engagiert sich mit dem Oberhafen e.V. für eine "Stadtentwicklung, die von unten nach oben stattfindet", wie er sagt. "Wir wollen das Areal aus der Diaspora holen, kreativ entwickeln, es soll ein Mikrokosmos werden, der sich selber trägt", sagt er. Geplant sind Manufakturen mit St.Pauli-Senf oder regionaler Marmelade. Ein Unternehmen lagert jetzt schon überflüssige Materialien von Filmdrehs, Events und Messen und verteilt sie an Schulen oder öffentliche Kultureinrichtungen. Es fällt das Wort "Entschleunigung".

Im Keller klingelt die Küchenglocke, es duftet nach Bratkartoffeln, für einen Moment ist es, als wäre Anita noch da, deren Vater Hermann Sparr die Oberhafenkantine 1925 direkt am Kanal aus rotem Klinkerstein baute. In jungen Jahren soll sie Handstand auf dem Tresenstuhl gemacht haben, während die Schuten Kohlköpfe aus den Vierlanden brachten, die Wilhelmsburger Melker in Trachten hielten und die Werftarbeiter hier frühmorgens ihren Kaffee tranken und auch einen Lütten zum Ende der Nachtschicht. Die Frikadellen reichte sie dann durch das Kantinenfenster. Im Krieg flogen die Butzenscheiben raus, der Rest hielt. Bis Anita dann nicht mehr war.

Neun Jahre war die Oberhafenkantine danach dicht. Sturmfluten und Unterspülungen hatten das Gebäude mittlerweile in eine gefährliche Schräglage gebracht. Das Gebäude drohte einzustürzen, bis 2005 ein Investor die ebenso marode wie außergewöhnliche Immobilie - inzwischen unter Denkmalschutz - aufwendig sanierte. Dann übernahm die Mutter von TV-Koch Tim Mälzer, sie blieb, bis die Küche 2007 nach der Sturmflut drohte abzusaufen. Doch der tonnenweise aufgeschüttete Beton gibt dem Haus jetzt Stabilität. Selbst der fußkurbelbetriebene Speisenaufzug funktioniert jetzt wieder. "Es ist ein Ort, der verzaubert", sagt Libbert stolz über eine der wenigen innen und außen erhaltenen Kleinbauten der 20er Jahre.

Kantinen dieser Art schreiben Hamburger Sozialgeschichte. Bevor die Speicherstadt 1883 gebaut wurde, war hier ein enges Arbeiterviertel. Um die Arbeiter vom Alkohol abzubringen, gründeten Pietisten die Hafenklappen, in denen nur Kaffee ausgeschenkt wurde. Es gab acht Kantinen, in denen täglich insgesamt 50 000 Essen rausgegeben wurden. Mit dem Weichen des alten Hafenwohngebiets, auch durch die zunehmende Internationalität von Seefahrt bedingt, machten sich fliegende Händler breit und verdrängten diese Verpflegungseinrichtungen. Die Oberhafenkantine ist ein letztes Relikt dieser Zeit.

"Wir haben nun die Chance, mit der Oberhafenkantine als Eingangstor, ein Stück Hamburg zu entwickeln", verdeutlicht Libbert den Willen seines Vereins, ein Stück Tradition zu retten. Auch die Stadt ist von der Idee eines reinen Gewerbegebiets abgewichen. Statt einer von oben geplanten städtebaulichen Idee, spricht man von einem "schrittweisen Transformationsprozess". Ab 2014 wird die Bahn zurückgebaut, noch scheppern hier 70 Waggons im Monat durch. Für das neue Projekt stehen 8500 Quadratmeter Logistikfläche zur Verfügung. "Wir wollen das urtypische Milieu nicht verändern", betont Jürgen Bruns-Berentelg, Geschäftsführer der Hafencity GmbH. Auch dass die Oberhafenkantine in der Mitte thront, findet er klasse. "Sie ist ein wichtiger Treffpunkt und vermittelt die maritime Kultur des Quartiers mit seinem besonderen Charakter", sagt er.

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erstellt am 14.Mär.2013 | 01:14 Uhr

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