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27. Februar 2017 | 14:45 Uhr

Ehrenbürgerin Heide Simonis : Balsam auf eine verletzte Seele

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Heide Simonis wird am Montag Ehrenbürgerin von Schleswig-Holstein. Gerade in jüngster Zeit musste die ehemalige Ministerpräsidentin Kritik einstecken, die sie gekränkt hat. Ein Porträt.

Wenn die Kanzlerin fliegt, muss sie bei „Konrad Adenauer“ einsteigen. Wenn Heide Simonis von Kiel zum Hamburger Flughafen fährt, kann sie einen Bus nutzen, der ihren Namen trägt. Allerdings ist ihrem einstigen politischen Kontrahenten Peter Harry Carstensen die gleiche Ehre zuteil geworden, ein Busunternehmer muss mit Rücksicht auf seine Kundschaft nun einmal neutral bleiben.

Rechtzeitig zu ihrem 71. Geburtstag am 4. Juli erhält Heide Simonis nun jedoch mit der Ehrenbürgerschaft eine Auszeichnung, mit der die Kieler Landesregierung – etwa im Gegensatz zum Hamburger Nachbarn – ausgesprochen sparsam umgeht. Und wie Heide Simonis 1993 als erste weibliche deutsche Ministerpräsidentin für Aufsehen sorgte, so hat sie nun auch in der Mannschaft der Ehrenbürger eine weitere bisher männliche Domäne erobert. Mit Helmut Schmidt, Siegfried Lenz, Uwe Ronneburger, Gerhard Stoltenberg und Armin Müller-Stahl rückt sie damit in eine Spielklasse de Luxe, und man muss kein Hellseher sein, um zu behaupten, dass sie sich in dieser prominenten Umgebung nicht nur sehr wohl fühlt, sondern auch davon überzeugt ist, dass sie sich die Ehrung redlich verdient hat. Ja, in vertrauter Runde hatte sie auch schon mal zu verstehen gegeben, dass die von ihr ins Leben gerufene Ehrenbürgerschaft unbedingt fortgeschrieben werden sollte. Möglichst mit einer Frau, und der Name lag natürlich in der Luft.

Für Heide Simonis ist die neue Ehrung Balsam auf eine immer noch verletzte Seele, und gerade in jüngster Zeit hat sie Kritik einstecken müssen, die sie gekränkt hat, auch wenn sie auf wenig schmeichelhafte Beschreibungen ihres Politikstils tapfer geschwiegen hat. Erstaunlich ist, dass es weniger der politische Gegner ist, der ihr nachträglich die Leviten liest, sondern die schmerzhaftesten Worte kommen aus dem Lager der Parteifreunde. Als ihr ehemaliger Staatssekretär und Wirtschaftsminister Peer Steinbrück auf dem Weg zum Kanzlerkandidaten war, erschienen gleich mehrere Biografien mit kritischen Anmerkungen über Heide Simonis. Die Botschaft lautete stets: Der arme Steinbrück musste unter der Knute einer herrisch auftretenden Polit-Amazone dienen. Auf Kabinettssitzungen „brüllt und kreischt sie herum“, hieß es. Hinzu kam die Wiederaufbereitung des berühmten „Pepita“-Vorwurfs, mit dem Steinbrück einst vor Journalisten die Landespolitik seiner Chefin charakterisiert hat. Damit hatte er dann auch sein Ende im Kieler Kabinett vorbereitet, denn Nadelstiche dieser Art hat Heide Simonis nie verziehen. Das sollten in den folgenden Jahren noch andere Untergebene erfahren.

Nach Zählung des ehemaligen SPD-Abgeordneten Günter Neugebauer hat Heide Simonis in ihrer zwölfjährigen Amtszeit 18 Kabinettsmitglieder „verbraucht“. Hinzu kamen 16 Minister. Manche Trennung war sinnvoll, manche nicht, und in einigen Fällen war der Stil schlecht und unklug zugleich. Das gilt, um nur ein Beispiel zu nennen, für den Justizstaatssekretär Uwe Jensen. Er war kompetent und vor allem in der Landtagsfraktion, der er lange angehört hatte, außerordentlich beliebt. Aber er hatte, wie auch der ebenfalls allseits geschätzte Wirtschaftsminister Uwe Thomas, der Chefin wiederholt widersprochen, und nichts fürchtete Heide Simonis mehr als die Untergrabung ihrer Autorität. Und je länger sie regierte, desto unduldsamer konnte sie werden. Auch gegenüber Parteifreunden. Dazu zählte etwa Günter Neugebauer, dem sie viel verdankte, weil er ihr in „seinem“ Kreis Rendsburg-Eckernförde den Weg nach oben geebnet hatte. Solange sie etwas zu sagen habe, werde er keinen Fuß auf die Erde bekommen, ließ sie ihn nach dem Aufstieg wissen, und in seiner gerade erschienenen Autobiografie revanchiert sich der Parteifreund mit dem vernichtenden Urteil: „Aus der ehemals toleranten und liberalen Heide Simonis wurde eine machtbewusste und machtversessene Politikerin“.

Heide Simonis konnte allerdings nicht nur harsch, sondern auch sehr fürsorglich sein. Dafür aber musste sie sich sicher fühlen, eben unter Vertrauten, und die fand sie in der Staatskanzlei. Wer in dieses „Küchenkabinett“ aufgenommen worden war, durfte sich als Mitglied einer umsorgten Familie fühlen, betreut von der Landesmutter und ihrem Hausvater Klaus Gärtner. Den ehemaligen FDP-Bundestagsabgeordneten hatte sie aus Bonn mitgebracht, und Gärtner galt in der Regierung als heimlicher Herrscher. Sehr zum Ärger manches SPD-Granden. Als Gärtner im Jahr 2000 erst schwer erkrankte und dann nach einer eher kuriosen Kieler Schloss-Affäre zurücktrat, war dies für Heide Simonis ein Verlust, von dem sie sich nicht mehr völlig erholt hat, zumal als Nachfolgerin eine graue Maus an die Spitze der Staatskanzlei rückte. Da auch andere Mitglieder der „Familie“ aus unterschiedlichen Gründen ausschieden, veränderte sich das Betriebsklima. Die Chefin lief nicht mehr barfuß herum, man ging nicht mehr gemeinsam einkaufen oder auch ins Kino. Die Staatskanzlei hieß jetzt „Bunker“.

Wenn die in jüngeren Jahren für ihre rheinische Fröhlichkeit und Leichtlebigkeit bekannte „Heide“ zunehmend härter regierte und auch reagierte, dann auch als Folge der veränderten politischen Konstellation. Als sie 1993 ihr Amt von Björn Engholm übernahm, verfügte sie im Landtag über eine bequeme Mehrheit. Doch die ging 1996 verloren, und die Grünen mussten mit ins Boot geholt werden. Das gelang erst nach mühsamen Verhandlungen. Vier Jahre später benötigt sie erneut die Grünen, um an der Macht zu bleiben. Gleich fünf Minister verließen das Kabinett, zwei von den Grünen, drei von der SPD, darunter Leistungsträger wie Ekkehard Wienholtz und Gerd Walter, der als möglicher neuer Regierungschef gehandelt worden war. Immer mal wieder hieß es, Heide Simonis würde gern in die Bundespolitik zurückkehren, wo sie 1976 als 33-Jährige ihre politische Karriere begonnen hatte, und als Mitglied im mächtigen Haushaltsausschuss bald so viel Ansehen erwarb, dass sie selbst vom kritischen Herbert Wehner mit Wohlwollen behandelt wurde. Doch der heimlich erhoffte Ruf aus dem Kanzleramt blieb aus. Wohl auch deshalb, weil sie selbst einem Basta-Mann wie Gerhard Schröder zu kess, zu forsch, zu vorlaut war.

Das Drama vom 17. März 2005 bedeutete einen tiefen Einschnitt für Heide Simonis‘ gesamtes Leben. Und bis heute hat sie diesen Schock nicht völlig überwunden. Jedes längere Gespräch mündet unweigerlich in der Frage: Wer war es? Wer hat ihr bei der Wiederwahl zur Ministerpräsidentin die Stimme verweigert. Es war keine Gegenstimme, wie immer wieder fälschlich behauptet wird, sondern eine Enthaltung. Also kein entschlossener Gegner, sondern eher ein Unzufriedener. Günter Neugebauer, der sich hinter den Kulissen der SPD-Landtagsfraktion bestens auskennt, hat in seinem Buch bisher bei der Suche nach dem „Heide-Mörder“ vernachlässigte Details veröffentlicht. Wie er schreibt, gab es in der Fraktion Mitglieder aus dem nördlichen Landesteil, die aufgrund der dortigen Erfahrungen in der politischen Alltagsarbeit eine Tolerierung der vereinbarten rotgrünen Koalition durch den SSW ablehnten. Träfe diese Behauptung zu, was logisch wirkt, dann wäre der Kreis der Verdächtigen zwar eingegrenzt, der Täter aber nach wie vor unbekannt.

Der zweite Punkt wirkt auf den ersten Blick banal, ist aber dennoch von Bedeutung. Vor dem vierten Wahlgang gab es in der SPD-Fraktion eine geheime Abstimmung, bei der alle 29 Abgeordneten für Heide Simonis stimmten. Wie Neugebauer behauptet, fehlte eine ordentliche Wahlkabine. Der oder die Abtrünnige hätte als fürchten müssen, entdeckt zu werden und stimmte mit Ja. Diese falsche Zustimmung führte zum vierten Wahlgang. Wäre es nicht dazu gekommen, vielleicht hätte sich eine andere Lösung des Problems ergeben. Aber hätte, hätte …

Die veröffentlichte Resonanz auf die viermalige Wahlniederlage hat Heide Simonis unvorbereitet getroffen. Sie war es gewohnt, in der Öffentlichkeit geschätzt zu werden. Ihre kessen Sprüche kamen an, ihre bunten Hüte auch. Sie galt als volkstümliche Politikerin. Und nun wurden ihre Worte plötzlich auf die Goldwaage gelegt. Als sie in der Beckmann-Talkrunde gefragt wurde, warum sie nach dem Scheitern der ursprünglich geplanten Koalition nicht eine Regierung von SPD und CDU befürworte, fragt sie: „Und was wird aus mir?“ Da hieß sie plötzlich „Pattex-Heide“. Dabei war ihre Reaktion durchaus verständlich.

Viel ungerechten Spott brachte ihr auch die Teilnahme an einer RTL-Tanzshow ein. So etwas macht eine ehemalige Ministerpräsidentin nicht, hieß es. Dabei hinterließ sie gar keine schlechte Figur. Auch ihr Engagement beim Kinderhilfswerk UNICEF endete zu ihrem Nachteil. Energisch wie im Kabinett wollte sie den verfilzten Männerverein ordnen. Doch die alten Kräfte wehrten sich. Zwar gab es im Endeffekt Reformen, aber Heide Simonis wurde abgedrängt. Obwohl sie nur das Beste anstrebte, war die öffentliche Resonanz wieder einmal nicht gerade wohlwollend.

Das am kommenden Montag bevorstehende Fest verspricht nun viele lobende Worte. Als Laudator für die Ehrenbürgerschaft hat sie sich den Präsidenten des Kieler Weltwirtschaftsinstituts, Prof. Dennis Snower, gewünscht. Weil er für klare Worte bekannt ist und dafür plädiert, sich Gedanken darüber zu machen, wie man Arbeitsplätze für junge Leute schaffen kann. Auch mit dem Ort der Ehrung will sie ein Zeichen setzen. Kein Herrenhaus und kein Festsaal sollte es sein, sondern ein Hörsaal in der Fachhochschule am Kieler Ostufer. Hier hat sie nach eigenen Worten viel bewegt und dieser Stadtteil müsse aufgewertet werden. Selbstverständlich wird die Familie an der Feier teilnehmen, darunter die beiden jüngeren Schwestern, natürlich Ehemann Prof. Udo, der sie schon als Studentin an der Kieler Uni betreute. Gerade sind die beiden Unzertrennlichen von einem Urlaub in Dänemark zurückgekehrt. Nicht nur für das große Ereignis gestärkt, sondern auch wieder mit einigen kleineren Beutestücken auch Antikläden. Eigentlich sei die Wohnung am Kieler Schrevenpark mit „Schnäppchen“ jeglicher Art überfüllt, gesteht Heide Simonis, fügt jedoch im gleichen Atemzug hinzu: „Etwas passt immer noch hinein.“

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