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Schleswig-Holstein

09. Dezember 2016 | 08:48 Uhr

Fremdenfeindlichkeit in Schleswig-Holstein : Mehr Angriffe auf Moscheen - doch die wenigsten landen bei der Polizei

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Viele muslimische Gebetshäuser in SH werden attackiert und beschmiert. Und: Offenbar gibt es eine große Grauzone.

Kiel | Gewalt mit fremdenfeindlichem Hintergrund steigt in Deutschland drastisch an. Seit Jahresbeginn registrierte die Polizei nach Angaben des Bundesinnenministeriums 507 Fälle wie Körperverletzung oder Brandstiftung – damit hat sich deren Zahl im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt: 2015 wurden insgesamt 918 fremdenfeindliche Gewalttaten gezählt. Die Zahl aller politisch motivierten Straftaten gegen Asylbewerber und Flüchtlinge lag von Januar bis August bei mehr als 1800. Darunter fallen auch Delikte wie Beleidigung oder das Tragen von NS-Symbolen.

Die zunehmende Fremdenfeindlichkeit ist in vielerlei Hinsicht ein Problem - so befürchtet Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer, dass auch die Wirtschaft leiden könnte. Im Tourismus beispielsweise gibt es in Teilen Ostdeutschlands bereits deutliche Rückgänge.

Doch die Gewalt richtet sich nicht nur gegen Flüchtlinge und Asylbewerber; sie wendet sich auch zunehmend gegen Andersgläubige und hier vor allem gegen Muslime. In Schleswig-Holstein werden zunehmend Angriffe auf Moscheen verzeichnet.

Zuletzt passierte es Mitte August im Kreis Stormarn. Unbekannte Angreifer warfen Steine und Bierflaschen durch die Fensterscheiben der Moschee „Ulu Camii“ in Ahrensburg, die gesamte Front wurde zerstört. Erst wenige Wochen zuvor hatten es Angreifer auf ein anderes muslimisches Gebetshaus in der Stadt abgesehen, die Wände mit islamfeindlichen Parolen beschmiert. „Solche Angriffe auf Moscheen kommen leider öfter vor“, sagt Ibrahim Yazici von der Islamischen Religionsgemeinschaft Schleswig-Holstein Schura.

Hinzu kommen zahlreiche Drohbriefe, welche in den Postkästen der Moscheen landen. „Meist sind es Aufrufe von Rechtsextremen – wir sollen gefälligst das Land verlassen“, schildert Yazici. Auch „ganz widerliche Aufkleber mit Beleidigungen“ würden Muslime im Norden immer wieder von den Türen ihrer Moscheen kratzen.

Doch bei der Kriminalpolizei landen diese Übergriffe offenbar in den seltensten Fällen, wie eine Anfrage beim Kieler Innenministerium ergab. Gerade mal einen Fall politisch motivierter Kriminalität gegen eine Moschee verzeichnete der Kriminalpolizeiliche Meldedienst bislang in diesem Jahr für Schleswig-Holstein, ebenfalls einen Fall im Jahr 2015 – dieser aus dem rechten Milieu. „Dieser Datenbasis liegen nur Fälle mit politischer Motivation zugrunde“, betont Sprecher Patrick Tiede. „Aus den Phänomenbereichen Links, politisch motivierter Kriminalität von Ausländern und des Islamismus wurden keine Fälle bekannt.“

Wie passt das zusammen? „Viele Fälle werden von den Moschee-Mitgliedern selber beseitigt und gar nicht gemeldet“, sagt Schura-Vorsitzender Fatih Mutlu. Außerdem mutmaßt er, dass eventuell nicht alle Drohbriefe und Zerstörungen an Moscheen mit dem entsprechenden religiös-politischen Motiv von Polizisten aufgenommen werden. Werden sie als gewöhnliche Sachbeschädigung verzeichnet, gehen sie auch nicht in die eben genannte Statistik ein.

Bei Übergriffen auf Moscheen gibt es offenbar eine riesige Grauzone. Zwischen erlebtem Alltag vieler Muslime in Schleswig-Holstein und der offiziell bekannten Situation klafft eine Lücke – nur so lässt sich wohl das folgende Statement aus dem Innenministerium erklären: „Die aktuelle Gefährdungslage wird laufend ausgewertet, gleichwohl sind keine Brennpunkte ersichtlich.“

Wer mit den Islamverbänden im Land spricht, erhält einen ganz anderen Eindruck. Da seien immer wieder Leute, die verschleierten Frauen auf offener Straße die Kopftücher runterreißen. Betrunkene, die Gläubige an der Kieler Moschee als „Muslim-Pack“ bepöbeln, als sie das Fest des Fastenbrechens nach dem Ramadan feiern. Bis hin zu den eingangs geschilderten schweren Zerstörungen und üblen Schmierereien an den Gebetshäusern.

„Die Fälle häufen sich immer dann, wenn die Themen Flüchtlinge und Religion viel in Politik und Medien diskutiert werden“, sagt Fatih Mutlu. „Das hängt ganz stark von der aktuellen Berichterstattung ab.“ Er beklagt, dass durch falsche Vorurteile völlig falsche Eindrücke entstehen. Dass nicht alle Muslime gewaltbereit sind, nur weil einzelne Gruppierungen sich radikalisieren, müsse er immer wieder betonen und das aus seiner Sicht verzerrte Bild in den Medien korrigieren.

Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht – auf diese einfache Formel bringt es Mutlus Kollege Ibrahim Yazici. „Das Problem ist die mangelnde Bildung über den Islam in der Gesellschaft“, meint er. „Wir bemühen uns, bieten Fortbildungen an, haben Infostände auf Marktplätzen und vor Moscheen – aber die Menschen nehmen unsere Angebote nicht an.“ Gleichwohl betont er, dass sich die Muslime im Norden darüber bewusst seien, dass nicht die Mehrheit der Gesellschaft, sondern einzelne Gruppen hinter den Übergriffen stehen. „Wir lassen uns dadurch nicht erblinden oder vergraulen.“ Im Gegenteil: „Wir begegnen dem mit Gebeten, beruhigen die Aufgeregten. Schließlich sind wir keine Religion des Streites. Von uns geht keine Gefahr aus.“

Bundesweit sprechen die Zahlen eine deutlichere Sprache: Gab es 2010 noch 23 Angriffe gegen Moscheen, waren es 2015 bereits 75. Insgesamt 416 politisch motivierte Angriffe gegen muslimische Gebetsräume und Moscheen zählt das Bundesinnenministerium von Anfang 2001 bis zum ersten Quartal 2016. Sachbeschädigungen und Nazi-Schmierereien machen mehr als die Hälfte der Fälle aus, aber auch Brandstiftungen und Sprengstoffanschläge sind darunter. Und die Dunkelziffer wird auch hier groß sein, denn nach Angaben vieler Gemeinden werden längst nicht alle Straftaten gemeldet.

Wie kann diese zunehmende Gewaltbereitschaft gebremst werden? Die Islamverbände in Schleswig-Holstein appellieren an den Austausch und das gegenseitige Kennenlernen. Die nächste Gelegenheit dazu bietet sich am 3. Oktober beim Tag der offenen Moschee, an dem alle muslimischen Gemeinden in Schleswig-Holstein teilnehmen.

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erstellt am 25.Sep.2016 | 16:56 Uhr

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