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Schleswig-Holstein

04. Dezember 2016 | 02:52 Uhr

Altersarmut : Mehr als 20.000 Rentner in Schleswig-Holstein stecken in der Armuts-Falle

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Immer mehr ältere Menschen in Schleswig-Holstein sind auf Grundsicherung angewiesen. Sozialverbände schlagen Alarm.

Alt, arm und auf Hilfe des Staates angewiesen – das gilt für immer mehr Menschen in Schleswig-Holstein. Sie müssen die sogenannte Grundsicherung beziehen, weil ihre Rente zum Leben nicht reicht. Damit soll das Existenzminimum für all jene gesichert werden, die weniger als 773 Euro Rente beziehen. Ende 2015 erhielten schon 20.030 Schleswig-Holsteiner, die 65 Jahre oder älter waren, die staatliche Unterstützung nach dem Sozialgesetzbuch. Seit 2003 hat sich die Zahl mehr als verdoppelt. Das geht aus Angaben des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden hervor. Bundesweit ist die Zahl von rund 257.000 in 2003 auf zuletzt mehr als eine halbe Million gestiegen.

Viele Menschen arbeiten ihr Leben lang bis zum Renteneintritt - und kommen dann ohne staatliche Stütze nicht mehr über die Runden. Weil sie als Berufstätige zu wenig verdient haben. Das Problem betrifft immer mehr Rentner.

Sozialverbände schlagen deshalb Alarm. „Wir sehen diese Entwicklung äußerst kritisch“, sagt Jan Dreckmann vom Landesverband des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Kiel. Er verweist auf eine „besorgniserregende Verschiebung in unserer Gesellschaft“, da steigenden Zahlen bei der Grundsicherung zugleich wachsende Vermögen gegenüberstünden. Nach Zahlen vom Statistikamt Nord steigt nicht nur die absolute Zahl armer Rentner, sondern auch ihr Anteil an der älteren Bevölkerung.

Bislang seien es vor allem Menschen mit gebrochenen Erwerbsbiografien gewesen, die im Alter auf Grundsicherung angewiesen waren, erklärt Dreckmann. Inzwischen kämen jene hinzu, deren Löhne in der Erwerbszeit zu niedrig waren. „Wir können jetzt schon absehen, dass Menschen, die heute den Mindestlohn bekommen, später auf Grundsicherung angewiesen sind“, warnt Dreckmann. Die Bundesregierung geht derzeit davon aus, dass die Ausgaben für die Grundsicherung im Alter bis 2020 um 35 Prozent steigen.

Der Paritätische sieht vor allem das Renten- und das Lohnniveau als entscheidende Stellschrauben für die Politik. „Wir haben das Lohnniveau soweit abgesenkt, dass viele Menschen gar nicht mehr in der Lage sind, privat vorzusorgen“, so Dreckmann.

Schleswig-Holsteins Sozialministerin Kristin Alheit sieht die „Basis für eine wirksame Armutsbekämpfung im Alter“ im Arbeitsleben. „Ein angemessener Mindestlohn ist dafür ebenso wichtig wie die Stärkung der Teilhabemöglichkeiten am Berufsleben“. Sie verweist unter anderem auf den Ausbau der Kinderbetreuung, um es Alleinerziehenden zu ermöglichen, einen Beruf auszuüben und so das Armutsrisiko zu senken.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zuletzt angekündigt, noch bis zum Ende der Legislaturperiode 2017 eine umfassende Rentenreform auf den Weg bringen zu wollen. Wie diese aussehen soll, ist noch unklar.

„Alarmierend“ findet der Paritätische Wohlfahrtsverband die wachsende Zahl der Bezieher von Grundsicherung. Das Armutsrisiko für die Bevölkerung wachse. Doch die Empörung der Verbandsfunktionäre beruht auf unvollständigen Statistiken. Jedes Jahr gehen mehr ältere Menschen in Rente als jüngere in das Arbeitsleben eintreten – mit steigender Tendenz. Das Statistische Bundesamt verweist darauf, erst die noch ausstehende Analyse der Bevölkerungsentwicklung ermögliche einen realistischen Vergleich der Einkommensverteilung.  Das macht den Handlungsbedarf am Rentensystem aber nicht geringer.

Rentner werden zu Fürsorgeempfängern, kommentiert unser Berlin-Korrespondent Thomas Habicht:

Die letzte große Rentenreform der rot-grünen Koalition  und der CDU/CSU-Bundesratsmehrheit ist korrekturbedürftig. Die damals beschlossene Absenkung des Rentenniveaus bis 2030 war zwar aufgrund der sinkenden Zahl an Beitragszahlern unvermeidlich. Aber die als Ausgleich gedachte Riester-Rente funktioniert nicht. Geringverdiener können dafür kein Geld zurücklegen oder vertrauen gar auf staatliche Grundsicherung. Gut Verdienenden erbringt „Riestern“ zu wenig Rendite. Die schon von der Schröder-Regierung erkannte Versorgungslücke wird also künftig immer mehr Menschen treffen und Geringverdiener zu Fürsorgeempfängern machen.

Nachdem alle Parteien das Thema erkannten, hatte Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles für diesen Herbst ein Rentenkonzept angekündigt. Doch der Gesetzgeber kann immer nur an den selben Stellschrauben drehen: Mit steigenden Rentenleistungen werden die Beitragszahler belastet und Arbeitsplätze gefährdet. Einer längeren Lebensarbeitszeit zur Finanzierung widersetzen sich Gewerkschaften. Viel spricht dafür, dass die große Koalition eine Rentenreform nicht mehr vor der Bundestagswahl bewältigen, sondern sich mit Rentenversprechen gegenseitig vor den Wählern überbieten werden. Beitrags- und Steuerzahler sollten auf der Hut sein. Letztlich begleichen sie die Rechnung.   

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erstellt am 19.Apr.2016 | 20:46 Uhr

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