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Schleswig-Holstein

08. Dezember 2016 | 23:18 Uhr

Kommentar : Medikamententests an Heimkindern: In der Klinik schutzloser als bei den Eltern

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Jahrelang wurden Kinder für Arzneimitteltests missbraucht. Erschreckend, wie lange geschwiegen wurde, kommentiert Ove Jensen.

Schleswig | Noch vor wenigen Jahren reagierten leitende Mitarbeiter der Helios-Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig völlig ungläubig, als frühere Patienten ihnen berichteten, wie sie misshandelt und missbraucht wurden, als die Klinik noch Landeskrankenhaus hieß und eigentlich ein Ort sein sollte, an dem sich der Staat um die schutzlosesten seiner Bürger kümmert. Doch die Kinder, die dort bis in die 1970er-Jahre hinein untergebracht wurden, waren in der Klinik offenbar noch viel schutzloser, als sie es bei den überforderten Eltern gewesen wären, denen der Staat sie weggenommen hatte. (Hier erzählen sie von ihren Erfahrungen.)

Dies an sich ist schon ein Skandal. Ebenso erschreckend aber ist, wie lange es gedauert hat, bis der Mantel des Schweigens endlich gelüftet wird. Und noch immer lüftet er sich nur sehr langsam. Es bedurfte der privaten Initiative einer Krefelder Apothekerin, um ans Licht zu bringen, dass es in den ersten Jahrzehnten der alten Bundesrepublik gang und gäbe war, Kinder in psychiatrischen Krankenhäusern als Versuchskaninchen für Medikamententests einzusetzen.

Die Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse ohne Unrechtsbewusstsein und ohne auf Kritik zu stoßen. Die Pfleger, die ihre Schützlinge fesselten und schlugen, taten dies zumindest im Verborgenen und dachten sich Geschichten von Treppenstürzen und von Schlägereien aus, wenn Ärzte misstrauisch wurden.

Das Schweigen hätte vielleicht bis heute angedauert, hätten nicht vor fünf Jahren Bund, Länder und Kirchen einen Entschädigungsfonds für Kinder aufgelegt, die in deutschen Erziehungsheimen gelebt haben. An die Bewohner der psychiatrischen Krankenhäuser, die mindestens ebenso litten, dachte man nicht. Das geschah erst, als sich immer mehr Betroffene zu Wort meldeten. Ab dem nächsten Jahr sollen nun auch die Psychiatrie-Opfer entschädigt werden. Sie werden einmalig 9000 Euro erhalten. 1000 Euro weniger, als die Heimkinder bekommen. Mehr sei politisch nicht machbar gewesen, heißt es aus Verhandlungskreisen.

Verständlich, dass sich die Betroffenen als Opfer zweiter Klasse fühlen. Die neuen Erkenntnisse über Medikamenten-Versuche bieten die Chance, noch einmal nachzuverhandeln – und auch die Pharma-Industrie am Entschädigungsfonds zu beteiligen.

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erstellt am 12.Okt.2016 | 12:23 Uhr

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