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Schleswig-Holstein

07. Dezember 2016 | 11:48 Uhr

Vogelgrippe in SH : Massentötungen von Geflügel: „Die Reaktion ist völlig übertrieben“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eine Wissenschaftlerin stellt die Keulung ganzer Bestände in Frage. Regierung und Geflügelwirtschaft halten dagegen.

Kiel | Ein trauriger Vorgang wird zur Routine: In Schleswig-Holstein wird in einem Geflügelwirtschaftsbetrieb das Vogelgrippevirus festgestellt. Der gesamte Bestand – oder ein beträchtlicher Anteil – wird gekeult. Dieses Vorgehen wird jetzt von wissenschaftlicher Seite infrage gestellt.

Bislang wurde das aggressive Virus H5N8 bei Vögeln in elf Bundesländern nachgewiesen. In den Küstenländern Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern verendete auch Hausgeflügel an der Vogelgrippe. Mehrere Länder verbieten inzwischen die Einfuhr von deutschen Hühnern, Enten, Gänsen und Puten. Die Geflügelwirtschaft ist beunruhigt. Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts sprechen von einer „beträchtlichen Kontamination“.

„Die Reaktion ist völlig übertrieben“, sagt Prof. Dr. Karina Reiß zur Massentötung von Geflügel. Die Zellbiologin ist Mitglied im Exzellenzcluster Entzündungsforschung an der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Grippeviren seien bei Vögeln grundsätzlich sehr verbreitet, aber meistens ungefährlich, sagt Karina Reiß. Gar „unethisch“ sei die Keulung bei den Gänsen in Dithmarschen, bei denen ein weniger krankheitserregender H5-Subtyp festgestellt worden ist.

Das Umwelt- und Agrarministerium in Kiel hält dagegen: Es bestehe stets die Gefahr, dass dieser niedrigpathogene Subtyp zu einem hochinfektiösen Virus mutiert, sagt Ministeriumssprecherin Nicola Kabel. Nach der Bundesverordnung gegen die Geflügelpest müsse auch bei einem niedrigpathogenen Virus der gesamte betroffene Geflügelbestand getötet werden.

„Wir haben in der Vergangenheit solche spontanen Mutationen bereits mehrfach beobachtet“, bestätigt Prof. Dr. Thomas C. Mettenleiter, Präsident des für Tiergesundheit bundesweit zuständigen Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) auf der Insel Riems bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern. Erst im vergangenen Jahr sei eine solche Veränderung eines Vogelgrippevirus in Niedersachsen beobachtet worden – „und zwar beim H7N7“, sagt Mettenleiter. „Der Vorgang lief sozusagen vor unseren Augen ab.“

Karina Reiß will sich davon nicht irritieren lassen. Die Infektion mit einer Grippe entwickele sich sehr schnell, jedoch nach etwa 14 Tagen sei bereits ein Ende absehbar, sagt die Wissenschaftlerin, die zusammen mit ihrem Ehemann Prof. Dr. Sucharit Bhakdi ein Buch unter dem Titel „Schreckgespenst Infektionen“ geschrieben hat – mit dem Ziel, der Gefahr durch Krankheiten mit mehr Sachverstand zu begegnen. Statt Geflügelbestände zu keulen, sollten die Tiere lieber beobachtet werden. Wenn dann tatsächlich „Tiere der Reihe nach umfallen“, müsse allerdings gehandelt werden.

Zunächst abzuwarten – das ist für Dr. Volker Jaritz, Veterinär des Kreises Schleswig-Flensburg, jedoch ausgeschlossen. „Gerade bei Hühnern und Puten hat ein Vogelgrippe-Ausbruch eine nahezu hundertprozentige Mortalität zur Folge.“ Als Beleg wertet er den Fall in einem Geflügelwirtschaftsbetrieb in Grumby bei Schleswig. Zum Zeitpunkt der Entdeckung seien um die 60 Tiere tot gewesen, berichtet der Betriebsinhaber Heinrich-Wilhelm Horstmann. Da habe er sofort das Kreisveterinäramt eingeschaltet. Zwei Tage später seien bereits Tiere „im hohen dreistelligen Bereich“ verendet, sagt Jaritz. Und laut Umweltministerium waren in Grumby zuletzt 3000 tote Tiere zu beklagen, bevor der gesamte Bestand von 30.000 Tieren getötet werden musste.

Auch die Geflügelbetriebe selbst sehen zur Keulung keine Alternative. „Zum einen ergibt sich das aus der Bundesverordnung – da gibt es gar nichts zu diskutieren“, sagt Nicolai Wree in Rendsburg, Geschäftsführer des Geflügelwirtschaftsverbandes Schleswig-Holstein und Hamburg, bei dem demnach 68 Betriebe im nördlichsten Bundesland Mitglied sind. Zum anderen müsse der Gefahr der Verschleppung des Virus in andere Standorte begegnet werden, sagt Wree weiter. Und nicht zuletzt gehe es darum, dass ein neuer Geflügelbestand in demselben Stall Einzug halten kann, ohne Gefahr zu laufen, erneut von dem Virus dahingerafft zu werden.

Es gilt als ausgemacht, dass das aktuellen Virus H5N8 von Wildvögeln übertragen wird. Wie aggressiv die Krankheit sei, werde vom FLI eindrucksvoll belegt, sagt Ministeriumssprecherin Nicola Kabel. Bei den verendeten Vögeln handelt es sich demnach mehrheitlich um kerngesunde Tiere. Selbst Greifvögel sind von der bundesweiten Epidemie nicht verschont geblieben, bestätigt FLI-Präsident Mettenleiter. „Die Dynamik dieses Virus ist außergewöhnlich.“

Wie der aktuelle Fall bestätigt: Im Kreis Segeberg musste ein geschwächter Seeadler von seinem Leiden erlöst werden. In einer Probe von dem Tier war das hochpathogene H5N8-Virus gefunden.

Bleibt die Furcht, dass sich aus H5N8 auch ein für den Menschen gefährliches Virus entwickelt. Tatsächlich ist in der Vergangenheit sowohl bei H5N1, H5N6 und H7N7 ein Überspringen auf den Menschen beobachtet worden. „Allerdings geschah das extrem selten und unter Bedingungen, die hierzulande nicht gegeben sind“, sagt Karina Reiß. Alleine schon deshalb sei diese Angst beim aktuellen Vogelgrippevirus unbegründet. „Die Wahrscheinlichkeit dass aus einem ungefährlichen H5N8 Virus ein ‚gefährliches‘ wird, ist nur theoretisch gegeben“, sagt die Wissenschaftlerin. „Und sollte es doch passieren, bleibt genug Zeit zum Handeln.“

Verlässliche Aussagen zur Virulenz des Erregers für den Menschen sind derzeit noch nicht möglich, da sich das Virus verändert haben könnte, heißt es dazu beim Friedrich-Loeffler-Institut. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin lässt wissen: „Infektionen des Menschen mit H5N8 sind bisher nicht bekannt.“ Eine Übertragung dieses Erregers über infizierte Lebensmittel sei „theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich“, so das BfR.

Die weitere Entwicklung der aktuellen Vogelgrippe ist schwer vorherzusagen. Auch der Vogelzug steht erst am Anfang. Zwar hält auch der FLI-Präsident „Hysterie“ für nicht angebracht. Aber der Situation „sollte man doch mit Respekt begegnen“, sagt Thomas C. Mettenleiter.
 

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erstellt am 25.Nov.2016 | 06:30 Uhr

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