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Schleswig-Holstein

28. Juni 2016 | 18:59 Uhr

Fressrausch, Windkraft oder Sturm? : Massensterben im Watt: Sechs Theorien zum Irrweg der Pottwale

vom
Aus der Onlineredaktion

Über die Ursachen für das rätselhafte Pottwalsterben in der Nordsee streiten die Experten: Doch es gibt erste Ergebnisse.

Kaiser-Wilhelm-Koog | Seit Januar strandeten nach Angaben der Nationalparkverwaltung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer insgesamt 29 junge Pottwale in der südlichen Nordsee: 13 an der schleswig-holsteinischen und drei an der niedersächsischen Küste, je sechs in den Niederlanden und in Großbritannien und einer bei Calais (Frankreich).

Über die Ursachen für das Interesse der verendeten Pottwale an der Nordsee sind sich die Forscher weiter im Unklaren. Bislang erwies sich angesichts der vielen möglichen Einflussfaktoren keiner der kursierenden Ansätze als schlüssig genug, den verhängnisvollen Irrweg der über 20 gestrandeten Meeressäuger in die Nordsee zu erklären.

Einigkeit unter den Forschern besteht darin, dass die Jungbullen bei ihrer jährlichen Reise aus den kalten arktischen Gewässern in Richtung Äquator bei Schottland nach Osten abgebogen und in der viel zu flachen Nordsee gelandet sind, wo ihr Sonar nicht mehr funktionierte. Im Wattenmeer oder an der Küste wurden sie durch ihr eigenes Gewicht von bis zu 50 Tonnen erdrückt. Die Frage bleibt, weshalb sie in größerer Zahl in das zu flache Meer gelangten. Das hier sind die leitenden Hypothesen. Die Wahrheit, so scheint es, könnte auch ein Mix aus allen sein.

Hypothese 1: Verschiebung der Nahrungsgründe

Meistens sind es Zahnwale, beispielsweise Grind-, Schwert-, oder Pottwale, die stranden. Sie fressen kein Plankton, sondern jagen Fisch und Weichtiere, normalerweise in großen Tiefen von bis zu 3000 Metern. Hat es also eine Verschiebung der Nahrungsgründe gegeben, die die Wale in die Nordsee führten – möglicherweise durch den Klimawandel oder wahrscheinlicher durch den starken Sturm, der im Januar fegte? Peter Evans von der Sea Watch Foundation geht jedenfalls fest davon aus, dass Velockungen im Nahrungsangebot gepaart mit Hunger die Wale vom richtigen Kurs abbrachten.

Jeden Winter machen sich Pottwale auf der Suche nach Nahrung auf den Weg aus der Arktis in den Süden. Evans ist sich sicher, dass die Tiere kopflos Schwärmen von Tintenfischen gefolgt sind und in die zu flachen Gewässer der Nordsee gerieten. „Die Tiere, die in Holland gestrandet waren, hatten sehr viel Tintenfisch einer bestimmten Art aus dem norwegischen Tief im Magen“, sagte Evans gegenüber der BBC. Theorien, wonach die Wale durch menschliches Wirken in eine verhängnisvolle Flucht getrieben wurden, widerspricht er ausdrücklich.

Meeresbiologe Uwe Piatkowski vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung und sein Team untersuchen zurzeit die Mageninhalte der hiesigen toten Wale und können das Ergebnis von Evans zumindest in Teilen bestätigen.. „Als vorläufiges Ergebnis steht fest, dass die Pottwale sich zu 99 Prozent von zwei Tintenfischarten (dem Nordischen Köderkalmar und Europäischen Flugkalmar) ernährt haben, die in der Norwegischen See, im Barentsmeer und den Gewässern bei Island vorkommen. Der Köderkalmar lebt eigentlich nicht in der Nordsee, der Flugkalmar kommt nur äußerst selten dort vor“, berichtete der Experte.

Die Pottwale seien offensichtlich gut genährt gewesen. „In einem Pottwal fanden wir die Ober- und Unterkiefer (Schnäbel) von etwa 10.000 Tintenfischen. Gemäß der Größe dieser Schnäbel, aus der man Größe und Gewicht der Kalmare ableiten kann, hatte der Wal wohl in etwa drei Tonnen Tintenfisch gefressen.“ Etwa ein Bestand von einer Million Tonnen wird allein für den Köderkalmar in der Norwegischen See vermutet, „das große Fressen hat dort stattgefunden“, sagte der Wissenschaftler. „Alles was wir fanden, hatten die Pottwale mindestens drei Tage zuvor gefressen.“ Jetzt gehe es in die Detailanalyse, um zu klären, ob möglicherweise auch Reste von Kraken und Kalmaren, die in der Nordsee leben, sowie von in der Nordsee heimischen Fischen in den Pottwalmägen gefunden werden.

Dass die Tiere ihre gewohnten Gewässer aufgrund von Nahrungsmangel verließen, darf angezweifelt werden und wäre wohl eher mit jugendlichem Leichtsinn zu erklären, als einer neuen Gesetzmäßigkeit. Die Wanderung von männlichen Jungbullen als Kollektiv ist normal.

Hypothese 2: Flucht vor Militär, Ölplattformen und Windkraft

Das niederfrequente Gehör ist die Achillesferse der Pottwale, die viel miteinander kommunizieren und den Sinn für die Orientierung benötigen. Die Wale erzeugen Klicklaute, aus deren Echos sie Informationen über die Umgebung bekommen. Unterwasserlärm durch seismologische Untersuchungen für Ölplattformen, Bau und Betrieb von Offshore-Windparks oder Bombentests können die Tiere nicht nur orientierungslos machen, sondern regelrecht quälen, in die Flucht treiben oder gar taub machen. Flucht davor halten Experten für ein sehr wahrscheinliches Motiv.

Nach der historischen Häufung von Strandungen im Januar muss deshalb genau untersucht werden, welche Tests, Sprengungen, Bauten oder Männover es zu Beginn des Jahres gegeben hat. Schottische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Windparks den Sonar der Wale stören können. Allein der Sonar von U-Booten kann die Wale konfus machen und in Panik versetzen, behaupten Umweltschützer.

Momentan gibt es Gerüchte, dass das britische Militär verstärkt Unterwasseraufklärung an der eigenen Küste betreibt, weil dort russische U-Boote umherwandern. Die verwendeten Geräte hätten in der Vergangenheit schon häufiger Delphine an Land getrieben, behaupten Umweltschützer. Die akustischen und seismischen Einflusseffekte gelten bislang als noch nicht ausreichend erforscht. Umso aussichtsreicher erscheint es, in der jetzigen Situation nach Anhaltspunkten zu suchen.

Dass Schallfrequenzen von Schiffen oder Windkraftanlagen in der Nordsee die Tiere irritiert haben könnten, hält Piatkowski für unwahrscheinlich. „Mindestens seit dem 16. Jahrhundert sind Pottwal-Strandungen in der Nordsee dokumentiert - da gab es noch keine Motorschiffe oder Windparks.“ Peter Evans von der britischen Sea Watch Foundation hält die von Windrädern ausgehenden Schallfrequenzen für zu tief, als dass sie die Pottwale stören könnten.

Hypothese 3: Meeresströmungen und El Niño

Die Golden Bay der neuseeländischen Südinsel gilt als Wal-Friedhof. Im Jahr sind es etwa 2000 Meeressäuger, die dort angespült werden – ein Mysterium für die Wissenschaft. Nachgewiesen werden konnte eine Korrelation von Walstrandungen und dem Aufkommen starker Winde, wie es ihn im Januar auch über Atlantik und Nordsee gab. Rund um den Südpol ändern sich alle acht bis 13 Jahre die Windstärken und damit die Meeresströmungen. Dabei gelangt kühles Wasser aus der Subantarktis in den Norden und treibt Fische und Tintenfische in küstennahe nördlichere Regionen. Die Wale folgen dem Angebot.

Erforscht ist, dass Wale sehr sensibel auf die komplexen Auswirkungen des Klimaphänomens El Niño reagieren können, das in diesem Jahr besonders stark ausfällt und sich vor allem durch die Dürren in Afrika in veheerender Weise zeigt. Warme Wassermassen breiten sich durch El Niño im kalten Humboldtstrom aus. Durch veränderte Meeresströmungen und den Effekt, dass nährstoffreiches Tiefenwasser nicht mehr an die Oberfläche gelangt, gibt es mancherorts weniger Fische und weniger Plankton. Das treibt letztendlich auch die Zahnwale, die sich am Ende der Nahrungskette befinden, in die Migration hin zu küstennahe Gewässer.

Hypohese 4: Müll, Gifte und Infektionen

Auch wenn diese Gründe häufig vermutet werden: Es gibt derzeit keine Hinweise darauf, dass die Wale durch Krankheiten ihren Orientierungssinn verloren haben. Auch wurden in den Mägen der verendeten Tiere laut vorläufigem Ergebnis keine nennenswerten Fremdkörper (z.B. Kunststoff) gefunden, die die Meeresriesen nennenswert geschwächt hätten.

Hypothese 5: Sonnenwinde

Eigentlich haben sie in der Nordsee nichts verloren, doch schon seit Jahrhunderten kommen Pottwale dorthin, vor allem im Winter, wenn sie auf Wanderschaft gehen. „Irdische“ oder menschliche Einflüsse griffen den Büsumer Wissenschaftlern Klaus Vanselow und Klaus Ricklefs vom Forschungs- und Technologiezentrum (FTZ) in Büsum bei der Erklärung für die Irrwege zu kurz.

Sie fanden 2005 heraus, dass zwischen 1712 und 2003 90 Prozent aller Pottwalstrandungen in Zeiträume fielen, in denen auch eine erhöhte Sonnenaktivität nachgewiesen werden konnte. So wie der Mond für Gezeiten verantwortlich ist, hat die Aktivität der Sonne Einfluss auf das Magnetfeld der Erde. Wie Zugvögel orientieren sich die Wale an diesem Feld, in ihrem Kopf befindet sich die mit Magnetkristallen angereicherte Melone, die der Echoortung dient. Wenn Sonnen-Eruptionen das Magnetfeld über Stunden oder Tage stören, werden die Wale fehlgeleitet. Geschieht dies auf dem offenen Meer, werden sie ihren Irrtum bemerken. In Nordsee-Nähe jedoch kann es sie in ein schlimmes Schicksal leiten. So wäre das falsche Abbiegen an der falschen Stelle zu erklären.  Momentan messen Forscher allerdings den schwächsten Sonnenzyklus der letzten Hundert Jahre

Hypothese 6: Erdenwinde

Diese Theorie hat in Schleswig-Holstein nach den ersten Untersuchungsergebnissen die Nase vorn: .„Ich vermute, dass die zu dieser Jahreszeit sehr heftigen Stürme und wahrscheinlich erhöhte Wassertemperaturen im Nordostatlantik dafür verantwortlich sein können, dass sich die Jungbullen in die Nordsee verirrten“, sagt der Meeresbiologe Uwe Piatkowski vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung am Montag. Dem stimmte Ursula Siebert zu. So könnte es auch sein, dass die Januar-Stürme die hier sonst selten vorkommenden Flugkalmare schwarmartig in die Nordsee getrieben haben. (Vergleiche Hypothese 1).

 

 

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erstellt am 15.Feb.2016 | 18:22 Uhr

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