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Schleswig-Holstein

04. Dezember 2016 | 11:16 Uhr

Offizieranwärter in Flensburg : Marineübung im Selbstversuch: Jeder Schritt ein Kampf

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Herausforderungen bestehen und bis zur Grenze der eigenen Belastbarkeit gehen – wer Marineoffizier werden will, hat sich einiges vorgenommen. Ein Selbstversuch.

Flensburg | Eine grobe Flecktarn-Uniform, schwere Stiefel und den riesigen Rucksack geschultert, so sehen Zivilisten Bundeswehrsoldaten durchs Land marschieren. Während die einen bequem im Auto durch die Gegend kutschieren, heißt es für die anderen laufen was Knie, Schulter und Kondition hergeben – und das bei jedem Wetter oft viele Kilometer weit. Egal ob es regnet, schneit oder die Sonne brennt – wer zur Bundeswehr will, darf nicht zimperlich sein.

Büromenschen, die bisher Kasernen nur von außen gesehen haben und sportliche Betätigung höchstens in lockerflockiger Funktionskleidung kennen, bekommen schon beim Anblick Schweißperlen auf der Stirn.

MipoS beispielsweise ist eine der Trainings- und Prüfungseinheiten, die für die Teilnehmer nicht nur eine ordentliche Herausforderung, sondern für das Weiterkommen in der Rangfolge zudem ziemlich ausschlaggebend ist. Wer bei der „Menschenführung in praxisorientierten Situationen“ das Handtuch werfen muss, darf ein Jahr lang eine Ehrenrunde drehen und die Prüfung noch einmal machen. Bei MipoS sollen Offizieranwärter möglichst oft in die Situation gebracht werden, die Führung übernehmen zu müssen. Denn im Ernstfall müssen sie gewappnet sein. Dann müssen klar definierte Strukturen aus dem Effeff abgerufen und Abläufe eingehalten werden können. „Unser Nachwuchs bekommt quasi einen Werkzeugkasten zur Lösung unterschiedlichster Aufträge“, erklärt der ehemalige Kommandeur Carsten Stawitzki. „Es ist unglaublich wichtig, dass man im Team gut funktioniert, egal ob als Mitspieler oder Anführer. Im Alleingang geht es nicht“, sagt er.

Ich darf einen Tag lang an einer MipoS teilnehmen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was es heißt, „auf Übung“ zu sein. Während ich entspannt um 8 Uhr morgens vor den Toren der Marineschule in Flensburg stehe, ist die Truppe schon seit dreieinhalb Stunden unterwegs, die erste Prüfungssituation liegt bereits hinter ihr.

Am Vortag waren die sechs Männer und zwei Frauen um 22.30 Uhr in ihren Zelten, pünktlich um 4.30 Uhr wurden sie geweckt. Gezeltet haben sie im Wald in der Nähe des Fördeufers. Dusche? WC? Fehlanzeige. „Da muss Katzenwäsche reichen“, erzählt mir Kapitänleutnant Julia Fiedler (30), während sie mich mit einem Sprinter zum Anlegeplatz der Marine-Übungsboote fährt. Die Extrafahrt nutzt sie, um einen der Teilnehmer abzuholen. Er muss die Übung abrechen, eine Grippe macht ihm einen Strich durch die Rechnung. „Jetzt geht einfach nichts mehr“, sagt er später auf der Rücksitzbank.

Die Aufgaben, die die Gruppe bestehen muss, sind klar vorgegeben. Gestern stand das Errichten eines behelfsmäßigen Flüchtlingslagers auf dem Plan. Mit der knapp bemessenen Ausrüstung kein leichtes Unterfangen. „Da muss eben auch mal improvisiert werden“, weiß Oberleutnant und Ausbilder Jan-Niklas Schröder (28), der im Hintergrund die Richtung vorgibt und sich Notizen auf dem „Charakterzettel“ macht. „Ich stelle nur die Lage vor, den Rest muss der jeweilige Gruppenführer planen.“

Und weil das Kilometer lange Marschieren über Stock und Stein noch nicht genug ist, gehört zum Reisegepäck ein gut 60 Kilogramm schwerer Schlagbaum. Festgebunden an zwei Querhölzern wird er von der Gruppe geschultert und abwechselnd getragen. Auch das Marschgepäck hat es in sich: Neben dem Essensproviant trägt jeder noch seinen Schlafsack und ein halbes Zelt mit sich. Der beladene Rucksack bringt ein Gewicht von gut 18 Kilogramm auf die Waage. Die Koppel, die um die Hüfte getragen wird, wiegt weitere zwei. Hinzu kommt für die Gruppe nun auch der Rucksack des kranken Kameraden, der nach Vorgabe der Ausbilder mit muss.

Regelmäßig wechseln die Gruppenführer nach dem Zufallsprinzip durch. „Für uns ist es sehr wichtig, zu beobachten, wie gut der jeweilige Anführer mit einer Situation umgehen kann“, erklärt Schröder. Hat er die Lage verstanden? Gibt er klare Anweisungen? Kann er sich durchsetzen? „Das Schema steht fest, wie der Gruppenführer es füllt, bleibt ihm selbst überlassen“, erklärt der Ausbilder.

Dass sie heute eine Tour auf einem sogenannten V-Boot mitmachen können, ist eher die Ausnahme. Den Schlagbaum auf dem Boot gesichert, die Rucksäcke gut verstaut, geht es über das Wasser in Richtung Schausende auf der Halbinsel Holnis.

Anführer auf dem Boot ist Till Haermeyer. Die aktuelle Lage liest Kapitänleutnant und Ausbilder Peter Stähr (30) gleich zweimal vor, einmal zum Zuhören und einmal zum Mitschreiben. Haermeyer notiert sich alles in einem kleinen Buch. Erste Aufgabe: Ein Boot mit Flüchtlingen ist gekentert, Menschen schwimmen im Wasser. Es ist an Haermeyer, Anweisungen zu geben und Informationen zu sammeln. Wie viele sind es? Was muss vorbereitet werden? Jetzt heißt es Prioritäten setzen, die Lage sondieren – und Fehler machen. „Gerade daraus lernt man“, sagt Peter Stähr. Konzentriert wird die Seekarte studiert und die Position ermittelt. Ein Nebenschauplatz ist die zweite Lage: Fischer auf einer Insel sind nach dem Verzehr von Fisch krank geworden, nun soll herausgefunden werden, womit die Tiere verseucht waren. Die Truppe entnimmt Wasserproben, wertet diese aus, betreibt Nachforschung.

Während alle mit ihren Aufgaben beschäftigt sind, lässt mich die 20-jährige Offizieranwärterin Milena Gießler in ihr Marschgepäck sehen. 125 Gramm Hartkekse hat sie mit, abgepackte Konfitüre, Wurst, Teebeutel, Kaffee-Pulver und Schokolade gehören zum Proviant. Doch am Wichtigsten sind die Wasservorräte. Haltbar ist alles gefühlt bis zum Sankt Nimmerleinstag. Auch ein Kocher und in Aluboxen abgepacktes Fertigessen haben alle mit. Überhaupt finden sich in jedem Rucksack die gleichen Sachen. Egal ob weiblich oder männlich, zierlich oder kräftig – tragen müssen alle Teilnehmer das gleiche Gewicht. „Schließlich wollen auch alle den gleichen Beruf erlernen“, sagt Schröder.

Nach einer Stunde legt das Boot in Schausende an. Mittlerweile brennt die Sonne. Ich bin dankbar, dass es der Bundeswehr nicht möglich war, mir in der Kürze der Zeit Kampfanzug und Stahlhelm zur Verfügung zu stellen und ich stattdessen ein T-Shirt angezogen habe. Die jungen Soldaten haben es da deutlich weniger luftig.

23 Kilometer sollen innerhalb von drei Tagen zurück gelegt werden. Kern der MipoS ist das Führen einer Gruppe unter Belastung. Passanten bleiben stehen, ein paar motivierende Zurufe sind zu hören. Jetzt wird die Gruppe von Katrin Theuerkauf angeführt. Die 23-Jährige ist resolut; mit fester Stimme sagt sie ihren Kameraden an, wo es langgeht – und marschiert selbst in die falsche Richtung. Ein paar Minuten trottet der Ausbilder hinterher, bis er die Gruppenführerin auf ihren Irrtum anspricht. „Das passiert ihr nicht wieder“, sagt er später.

Während Schröder und ich die schöne Aussicht auf die Außenförde genießen und uns im Plauderton unterhalten, ist die Gruppe still. Sehr still. Das Gehen unter der Last und der wenige Schlaf macht allen zu schaffen. Später hieve ich den Rucksack des kranken Soldaten auf meine Schultern. Es dauert nur ein paar Minuten, dann schneiden die Träger sich in meine Haut, schnell macht sich mein Nacken bemerkbar. Knappe zwei Stunden später bin ich platt und erleichtert, das Ding wieder abgegeben zu können.

Immer wieder ist einer der Teilnehmer am Ende seiner Kräfte. Es folgt ein Schulterklopfen da, ein „Weiter, du schaffst das“ hier. Man unterstützt sich, hilft einander. „Mit jedem Schritt kämpft man gegen sich selbst“, antwortet mir Philip Pachali auf meine Frage, wie es ihm geht. Auch so manch ehrliches Wort wird gesprochen. „Konstruktive Kritik muss sein“, betont der Ausbilder. Erst gegen Mittag heißt es Durchatmen und den Kocher anwerfen. Jannik Lechte (25) macht sich das Cevapcici warm und sagt stolz: „Ich will den Stamm besiegen!“ Auch Haermeyer denkt überhaupt nicht ans Aufgegeben. „Es tut alles weh, aber wir packen das. Einfach den Kopf ausschalten“, motiviert er sich selbst. Der 20-jährige Finn Althaus hat jetzt erst einmal nur einen Gedanken: „Hauptsache was essen.“

Für mich ist die Übung zu Ende und mit schmerzenden Füßen und Schultern darf ich zurück zur Marineschule fahren. Auf die jungen Offiziersanwärter warten noch einige Herausforderungen. Ein drei Meter großes „Munitionsfeld“ soll gesichert und ein provisorisches Flüchtlingslager gebaut werden. Hilfe von außen wird es nicht geben. Klagen gibt es dennoch keine. „Schließlich wissen alle, dass sie das für sich und nicht für den Ausbilder machen“, schließt Schröder den Tag. Ich bin auf jeden Fall froh darüber, dass ich am nächsten Morgen nicht um 4.30 Uhr aus einem Schlafsack kriechen muss und in einem Bürostuhl sitzen darf.

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erstellt am 18.Sep.2016 | 15:28 Uhr

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