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Schleswig-Holstein

03. Dezember 2016 | 12:45 Uhr

Notfallseelsorgerin in Stormarn : Margarethe Kohl: Die Ersthelferin für die schlimmsten Gefühle

vom
Aus der Onlineredaktion

Wenn Margarethe Kohl alarmiert wird, ist oft das Schlimmste eingetreten. Manchmal ist Reden Gold.

Reinbek | Ein Lastwagen stößt im Hamburger Süden mit einer Gruppe Rennradfahrer zusammen, ein junger Sportler stirbt. Notfallseelsorgerin Margarethe Kohl eilt zur Unfallstelle, kümmert sich um etwa 20 Radfahrer, die teils in Rettungsdecken gehüllt auf einem Deich sitzen. Vier Jahre ist das her, doch der Einsatz hat sich - wie viele andere - in das Gedächtnis der 59-Jährigen eingebrannt. „Ein junger Mensch ist gestorben, der hat sein Leben noch nicht gelebt - und es sind so viele von diesem Tod betroffen“, sagt die Pastorin aus Reinbek. Kohl ist Notfallseelsorgerin bei der Hamburger Feuerwehr, seit Juli aber auch für den Kreis Stormarn zuständig.

Wenn Kohl Bereitschaft hat, trägt sie einen Funkmeldeempfänger bei sich - so kann sie jederzeit von der Leitstelle der Feuerwehr alarmiert werden. „Man ist dann ein bisschen unter Hochspannung“, berichtet sie. „Wenn der Pieper nachts geht, ist der Körper so gepolt, dass man sofort hellwach ist.“ Ob Brände oder Unglücke - die Theologin will Leidtragenden helfen, wieder Orientierung zu finden.

Am Einsatzort beobachtet sie erst einmal, wer alles Hilfe braucht und ob sie noch weitere Kollegen alarmieren muss. „Es ist für uns ein ungeschriebenes Gesetz, dass wir uns nur um eine Seite kümmern“, erklärt Kohl. Also beispielsweise entweder um den Unfallfahrer oder die Angehörigen des Opfers. „Es geht um Erste Hilfe für die Seele, die Menschen aus ihrer Erstarrung zu lösen und wieder handlungsfähig zu machen“, sagt die Pastorin. Sie kümmert sich auch um ganz praktische Fragen: Wer kann Dich nach Hause begleiten, wer wartet dort auf Dich? Sie erinnert sich an eine junge Frau, die gesehen hatte, wie sich jemand vor eine S-Bahn stürzte. Die Zeugin stand noch immer da, hatte Angst, die Bilder nicht mehr loszuwerden. „Aber Gott sei Dank, wenn man ein gesunder Mensch ist, werden die Bilder schwächer“, erläutert Kohl. Es beruhige die Betroffenen, wenn man ihnen das sage.

Viele quält die Frage nach der Schuld. Sie können den Notfallseelsorgern alles anvertrauen, ohne Konsequenzen zu befürchten. „Wir unterliegen dem Zeugnisverweigerungsrecht.“ Das Bedürfnis, Menschen in Not zu unterstützen, habe mit ihrer eigenen Biografie zu tun, sagt Kohl. „Mein Vater starb, als ich sechs Jahre alt war, und wir waren vier kleine Kinder zu Hause.“ Seit 2002 ist die dreifache Mutter bei der Notfallseelsorge. Erst neben ihrem Beruf als Gemeindepastorin, inzwischen ist sie eine von vier hauptamtlichen Notfallseelsorgern in der Hansestadt. Drei sind evangelisch, einer ist katholisch. Zudem gibt es im Stadtstaat 80 Seelsorger, die nebenberuflich tätig sind. Sie betreuen Menschen aller Religionen. Immer wieder kommen bei Katastrophen auch Fragen nach Gott auf: „Mein Glaube ist, dass er auch in solch schrecklichen Situationen da ist“, betont Kohl.

Jeder der vier Hauptamtlichen hat eine Einsatzwoche im Monat. Außerhalb dieser Zeit arbeitet Kohl in ihrem Büro in Hamburg-Volksdorf. Koordination und Supervision stehen dann auf ihrem Programm oder sie gibt Fortbildungen. Wichtig ist ihr die Feststellung: „Ich bin keine Therapeutin, das ist nicht meine Aufgabe.“ Der Kontakt zu den ihr Anvertrauten ist meist nur kurz. Wie es für diese weitergegangen ist, erfährt Kohl meistens nicht. „Das muss man aushalten können.“ Um Einsätze selbst besser verarbeiten zu können, helfen ihr Gespräche mit ihrem Mann oder Kollegen.

Die Notfallseelsorgerin beschreibt sich eher als emotionaler Typ. „Aber ich merke, dass ich das im Einsatz gut steuern kann“, sagt sie. Doch ein plötzlicher Säuglingstod oder ein ertrunkenes Kind - das sind Einsätze, in denen die dreifache Großmutter ihre Gefühle manchmal nicht unterdrücken kann. „Bei Einsätzen mit Kindern fließen bei mir schon mal die Tränen.“

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erstellt am 25.Sep.2016 | 09:38 Uhr

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