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Zahlen für Schleswig-Holstein : Licht aus: Jährlich mehr als 330.000 Stromsperren

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Stromsperrungen gelten als Folge von Armut. Auch viele Haushalte in Schleswig-Holstein sind betroffen.

Kiel | Da stirbt plötzlich der erwachsene Sohn – Familienvater A. (über 50) in Neumünster kommt darüber nicht hinweg, trinkt Alkohol, verliert seinen Führerschein, den Job als Lkw-Fahrer, und die Ehe geht in die Brüche. Schon bald ist er pleite, hat auch Stromschulden, bei ihm droht das Licht auszugehen.

Stromsperrungen gelten als Folge von Armut. Betroffen sind oft Hartz-IV-Bezieher. Wenn der Strom abgestellt wird, hat das gravierende Folgen: Betroffene Haushalte haben dann unter anderem kein Licht, kein warmes Wasser, keine saubere Wäsche und keinen funktionierenden Kühlschrank mehr.

Kein Einzelfall. Mehr als 330.000 Haushalten in Deutschland wurde zuletzt binnen eines Jahres der Strom abgestellt. Von 2011 bis 2015 schwankte die Zahl der jährlichen Stromsperren zwischen rund 312.000 und 352.000. Dies geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hervor. Die Zahlen stammen von der Bundesnetzagentur. Demnach wurden knapp 6,3 Millionen Mal Stromsperrungen angedroht. Eine Aufschlüsselung der Stromsperrungen nach Regionen sei aber nicht möglich, so Bundesnetzagentur-Sprecher Michael Reifenberg.

Dennoch: Auch in Schleswig-Holstein sind Stromsperren an der Tagesordnung. „Wir machen das aber sehr ungern“, sagt Stefan Moriße, Sprecher des Energiekonzerns Eon, einem Hauptversorger im ländlichen Schleswig-Holstein. „Unser oberstes Ziel ist es, diese zu vermeiden.“ Daher habe Eon als bundesweit erstes Energieunternehmen ein umfangreiches Zahlhilfe-Programm gestartet. Privatkunden mit Geldsorgen könnten neben individuellen Ratenplänen auch „unbürokratisch Teilbeträge auf die Energierechnung“ in Filialen diverser Discounter oder Drogeriemärkte in bar leisten. Zahlen gesperrter Kunden wollte Moriße nicht nennen. Aber: „Grundsätzlich liegt bei Eon die Quote deutlich unter dem bundesweiten Niveau.“

Zahlen dagegen nennen andere Versorger auf Anfrage: So mussten 2015 die Stadtwerke Flensburg 1296-mal auf Sperren zurückgreifen. Bei den Stadtwerken Kiel waren es „in den vergangenen Jahren jeweils um die 2200“, sagt Sprecher Sönke Schuster. „Im Schnitt bleiben die Zähler dann drei Tage gesperrt.“ Allerdings gehe stets eine mindestens sechswöchige Phase mit Zahlungserinnerungen und Mahnschreiben voraus. „Damit es vielleicht gar nicht so weit kommt, unterstützen wir als Stadtwerke Kiel seit 2008 den Lichtblick e. V. finanziell für die Schuldner- und Insolvenzberatung“, sagt Schuster.

Ähnlich aufwendig gehen die Stadtwerke Neumünster (SWN) vor, bevor zum härtesten Mittel gegriffen wird. „Der Kunde erhält nach Fälligkeit eines geschuldeten Betrages mindestens fünf Schriftstücke und hat jederzeit die Möglichkeit, die Sperrung zu umgehen und den Kontakt mit uns zu suchen“, sagt Sprecher Nikolaus Schmidt. So habe es im SWN-Bereich in den Jahren 2015 und 2016 jeweils rund 6500 Sperrandrohungen gegeben, 597-mal und 709-mal sei eine Sperre vollzogen worden.

„Bei Familienvater A. konnte die Stromsperre abgewendet werden“, erklärt Sibylle Schwenck, Schuldnerberaterin bei der Diakonie-Altholstein in Neumünster. Sobald sich jemand hier meldet, stoppten die SWN in der Regel zunächst den Mahnvorgang, so Schwenck. Dank diakonischer Unterstützung bekam A. sein Leben wieder in den Griff, hat einen neuen Job – und seine Stromschulden bezahlt.  

Eine Politik, die die Energiepreise in die Höhe peitscht, muss sich Gedanken machen, welche Folgen das für Verbraucher hat, kommentiert Till Lorenz:

Das Licht ist aus. Nichts geht mehr. 300.000 Haushalten wird im Jahr der Strom abgedreht. Die Zahl ist sozialer Sprengstoff. Denn sie lässt sich nicht allein mit der Nachlässigkeit mancher Stromverbraucher erklären, nicht mit Fehlern der Bürokratie oder ungelesenen Mahnschreiben. Nein, hier geht es in vielen Fällen um Menschen, denen die Kosten für Strom und Energie über den Kopf wachsen.

Die Sozial- und Energiepolitik in diesem Land tragen dafür gleichermaßen Verantwortung. So sieht der Regelsatz von Hartz IV 34,19 Euro für Energie und Wohnungsinstandhaltung vor – also 410,28 Euro im Jahr. Berechnungen von Verbraucherportalen zufolge müssten es jedoch allein in Schleswig-Holstein mindestens 113 Euro mehr sein, damit die Strom-Grundversorgung gedeckt ist.

Doch hinter dem Auseinanderklaffen von Strompreisen und Regelsätzen steht ein tiefergehendes Problem: Eine Politik, die die Energiepreise in die Höhe peitscht, muss sich Gedanken machen, welche Folgen das für Verbraucher hat. Hier die Augen zu verschließen und so zu tun, als sei beim Strompreis das freie Spiel der marktwirtschaftlichen Kräfte am Werk, ist unredlich. Mit einem Anteil von 57 Prozent für Steuern und Abgaben ist es de facto die Politik, die den Strompreis in diesem Land bestimmt. Und so muss sich die Bundesregierung als wichtigster Preisgestalter die Frage gefallen lassen, warum manche Regionen mehr für Strom zahlen als andere.

Besonders die Rolle der SPD ist dabei bemerkenswert, die im Wahlkampf zwar gegen Armut und für Gerechtigkeit ins Feld zieht, deren Landesfürstin Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen aber mit Erfolg gegen bundesweit einheitliche Netzentgelte wettert. Obwohl diese nicht nur gerecht wären, sie würden manchen Hartz-IV-Bezieher womöglich auch vor der Stromarmut bewahren.

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erstellt am 20.Apr.2017 | 10:25 Uhr

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