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Schleswig-Holstein

08. Dezember 2016 | 19:21 Uhr

Arbeitsmarkt in SH : Lange Arbeitslosigkeit trifft immer mehr Ältere

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ab wann ist man zu alt für den Arbeitsmarkt? Experten und Gewerkschaften warnen vor der Ausgrenzung.

Kiel | Der Arbeitsmarkt in Schleswig-Holstein steht glänzend da. Doch vor allem eine Gruppe kann nicht so recht vom Aufschwung profitieren – jene der älteren Menschen, die länger als zwölf Monate auf der Suche nach einem Job sind. Allein seit der Finanzkrise im Jahr 2008 stieg ihre Zahl in Schleswig-Holstein auf Jahressicht gesehen um mehr als 54 Prozent. Zum Vergleich: Die Gesamtzahl an Arbeitslosen ging in dieser Zeit um fast neun Prozent zurück.

Während junge Menschen häufig noch bereit sind umzuziehen, sind ältere Arbeitnehmer darauf angewiesen, dass die Unternehmen vor Ort sie nicht aus Altersgründen ablehnen.

Experten und Gewerkschaften warnen daher vor der Ausgrenzung Älterer auf dem Arbeitsmarkt. „Wir haben ein Altersbild in der Gesellschaft, das nicht mehr zeitgemäß ist“, sagt die Chefin der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, Margit Haupt-Koopmann. Es müsse mit Vorurteilen aufgeräumt werden.

Der Anteil älterer Langzeitarbeitsloser im Land hat sich seit der Finanzkrise fast verdoppelt. Lag er 2008 noch bei 5,8 Prozent, waren es 2015 bereits 9,9 Prozent. Im vergangenen Monat gehörte mehr als jeder zehnte Erwerbslose zu dieser Gruppe. Damit suchten zuletzt 9762 Menschen, die 55 Jahre oder älter waren, länger als ein Jahr in Schleswig-Holstein nach einem Job. Vor acht Jahren waren es im Jahresdurchschnitt noch 6255 – gut 3500 weniger.

Dabei ist es nicht so, dass in Schleswig-Holstein kein Bedarf an Arbeitskräften wäre. Im Gegenteil. „Auch Schleswig-Holstein hat ein demografisches Thema“, sagt Agentur-Chefin Haupt-Koopmann. Doch nach Angaben der Gewerkschaften werden auch ältere Arbeitnehmer, die ihren Job noch haben, in Betrieben immer öfter als Ballast empfunden. „Um die Beschäftigungsverhältnisse Älterer zu schützen, schlägt der DGB die Wiedereinführung der Erstattungspflicht des Arbeitslosengeldes für Arbeitgeber vor, die langjährig beschäftigte Ältere ohne zwingenden Grund entlassen“, wirbt DGB-Nord-Chef Uwe Polkaehn daher. Zudem sprach er sich für einen größeren „öffentlichen Beschäftigungssektor“ aus.

„Die stetige Erhöhung der Erwerbstätigenquote von Älteren in den letzten Jahren zeigt, dass die Arbeitgeber auf erfahrene Mitarbeiter setzen“, sagt hingegen Sebastian Schulze, Geschäftsführer beim Unternehmensverband Nord (UV Nord). „Die Auffassung der Gewerkschaften ist realitätsfern, wenn sie glauben, dass Arbeitgeber ältere Beschäftige ohne zwingende Gründe entlassen“, fügt er hinzu. Die Unternehmen seien froh über jede Fachkraft, „die sie im Unternehmen haben und halten können“.

Zwar beobachtet auch der UV Nord, dass die Gruppe der langjährigen Leistungsbezieher immer älter werde. Doch Schulze zeigte sich zuversichtlich, „dass individuelle Maßnahmen einschließlich Teilqualifizierungen dem einen oder anderen helfen können, um den Schritt in den ersten Arbeitsmarkt zu gehen“.

Woher kommt die Arbeitslosenstatistik?

Die Bundesagentur für Arbeit berechnet die registrierte Arbeitslosigkeit. Diese wird definiert durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Die Arbeitslosenquote ist der Anteil der Arbeitslosen an der Gesamtzahl der sogenannten zivilen Erwerbspersonen, also aller Erwerbstätigen und Arbeitslosen zusammen.

Wer gilt als arbeitslos?

Man ist nicht einfach arbeitslos, nur weil man nicht arbeitet. Arbeitslos ist, wer weniger als 15 Stunden in der Woche arbeitet, aber mehr als 15 Stunden arbeiten will und jünger als das jeweilige Rentenalter ist. Unter registrierter Arbeitslosigkeit werden die Arbeitslosen gezählt, die arbeitslos gemeldet sind.

Wer gilt nicht als arbeitslos?

Nicht als arbeitslos gewertet werden

- Alle, die an Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit teilnehmen. Auch alle Arbeitslosen, die durch private Arbeitsvermittler betreut werden, werden nicht mehr in der offiziellen Arbeitslosenstatistik geführt.

- Langzeitarbeitslose, die in Zusatzjobs auf den „Ersten Arbeitsmarkt“ vorbereitet werden, also eine sogenannte Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung haben.

- Personen, die arbeitsunfähig erkrankt sind.

- Arbeitslose, die mindestens 58 Jahre alt sind und wenigstens zwölf Monate Hartz IV beziehen, ohne ein Jobangebot bekommen zu haben.

Was ist die Unterbeschäftigungsquote?

In der Unterbeschäftigung werden zusätzlich zu den registrierten Arbeitslosen auch die Personen erfasst, die nicht als arbeitslos im Sinne des Sozialgesetzbuches (SGB) gelten, weil sie Teilnehmer an einer Maßnahme der Arbeitsförderung oder kurzfristig erkrankt sind.

Die Unterbeschäftigung setzt sich zusammen aus drei Personengruppen:

  1. den Arbeitslosen nach § 16 SGB III,
  2. Teilnehmern an bestimmten Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik und
  3. Personen in bestimmten Sonderstatus (vor allem kurzfristig erkrankte Personen).
Wo kann man sich über Jobs im Norden informieren?

Stellenangebote gibt es

- in der Jobbörse der Agentur für Arbeit

- regional auf jobs.sh

- bundesweit auf Internet-Plattformen wie Monster.de oder Stepstone.de


 

Keine einfachen Lösungen - ein Kommentar von Till H. Lorenz

Die Konjunktur in der Bundesrepublik läuft rund, die Wirtschaft wächst, dem Arbeitsmarkt geht es folglich gut. So heißt es gemeinhin. Die Zahlen der offiziellen Statistiken liefern Monat für Monat dafür die Bestätigung. Im Mai war die Zahl der Menschen ohne Job in Deutschland beispielsweise so niedrig wie seit 1991 nicht mehr.

Nur zeigt der  genauere Blick auf die Statistik, dass nicht alle von diesem Aufschwung profitieren. Obwohl zwischen 2010 und 2015 die Zahl der Menschen, die im nördlichsten Bundesland auf der Suche nach einem Job waren, im Jahresmittel um 10.000 zurück ging, stieg in der gleichen Zeit die Zahl der Langzeitarbeitslosen um fast 2000 und die der älteren Langzeitarbeitslosen sogar um 3000 an. Bundesweit ist der Trend ähnlich: Ältere Langzeitarbeitslose werden abgehängt.

Das ganze Ausmaß dürfte sogar noch größer sein, wenn man dem Institut für Sozialpolitik & Arbeitsmarktforschung an der Universität Koblenz glaubt. Allein im Mai  fielen demnach bundesweit mehr als 160.000 Menschen, die älter als 58 Jahre waren, aus der Statistik, weil sie in den vergangenen zwölf Monaten kein Job-Angebot hatten.

Einfache Lösungen gibt es nicht. Sicherlich, die Arbeitsagenturen müssen älteren Menschen mehr Aufmerksamkeit schenken, Betriebe womöglich ihre Einstellungspraxis überdenken. Doch auch die Gesellschaft insgesamt muss Vorurteile gegenüber Älteren abbauen – gerade in einer Zeit, in der über ein späteres Renteneintrittsalter diskutiert wird.

Einen Schlüssel zur besseren Integration Älterer im Beruf könnte dabei auch die Digitalisierung liefern. Bislang wird sie noch zu oft als Argument gegen ältere Menschen angeführt. Dabei bieten der Einsatz von Software und moderner Technik doch in Wahrheit beste Möglichkeiten, um Berufe altersgerecht zu gestalten.

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erstellt am 19.Jun.2016 | 21:05 Uhr

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