zur Navigation springen

Landtagswahl Schleswig-Holstein

24. März 2017 | 15:02 Uhr

Freie Fahrt : SSW fordert Überholverbot für Lkw

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der SSW will einen besseren Verkehrsfluss auf der A7 erreichen. Dafür fordert er an Werktagen von 6 bis 20 Uhr ein Überholverbot für Lkw zwischen dem Bordesholmer Dreieck und der dänischen Grenze.

Wer hat sich auf der Autobahn nicht schon darüber geärgert? Ein Lkw schert kurzfristig von der rechten Fahrspur nach links aus, nötigt einen zum abrupten Bremsen – und zwingt eine ganze Kolonne von Pkw mitunter minutenlang zum Schneckentempo. „Das besitzt eindeutig das größte Aufreger-Potenzial bei den Autofahrern – noch weit vor völlig enthemmten Rasern“, sagt Lars Harms, Vorsitzender des SSW im Landtag und Spitzenkandidat der Partei der dänischen und friesischen Minderheit bei der Landtagswahl am 7. Mai. „Zunehmend mehr Menschen berichten davon, dass sie dieses Szenario noch mal so gerade eben ohne Auffahrunfall überstanden haben.“

Sollte es seine Partei nach der Wahl erneut in die Regierung schaffen, will Harms dieses Leiden vieler Autofahrer auf der A7 beenden. Dort, wo Schleswig-Holsteins Zentralmagistrale zweispurig bleibt – also zwischen dem Bordesholmer Dreieck und der deutsch-dänischen Grenze – fordert der SSW montags bis freitags ein durchgehendes Überholverbot für Lkw. Das wäre auf einer Strecke von 84 Kilometern.

„Der Verkehr könnte dann viel gleichmäßiger mit einer Richtgeschwindigkeit von etwa 120 Stundenkilometern fließen“, sagt Harms. Davon verspricht er sich mehr Sicherheit und Fahrkomfort. „Ein weiterer Vorteil wäre, dass die Abnutzung von Bremsen und der Abrieb von Reifen bei den Pkw minimiert würde, wenn sie nicht mehr auf ausscherende Laster reagieren müssten.“ Nicht zuletzt bemüht Harms auch ein umweltpolitisches Argument: Das Wieder-Anfahren nach einem überstandenen „Elefantenrennen“ koste die privaten Autofahrer besonders viel Sprit. Gar nicht zu reden von dem erhöhten Verbrauch der Lkw-Motoren während ihres Überholvorgangs.

Wie so oft, verweist der SSW-Frontmann auch bei diesem Punkt im Landtagswahlprogramm des SSW auf ein dänisches Vorbild: Von nördlich Flensburg bis Kolding gebe es auf der Verlängerung der A7 bereits an den Vor- und Nachmittagen ein ähnliches Überholverbot. Dort könne jeder buchstäblich die Vorteile erfahren. Harms betont, dass der Bund die Anordnung von Lkw-Überholverboten durch die Länder erleichtert habe. Die Verwaltungsvorschriften zur Straßenverkehrsordnung ließen nun bei zweistreifigen Richtungsfahrbahnen Überholverbote auch auf längeren Strecken zu, wenn es bei hohem Verkehrsaufkommen durch häufiges Überholen zu einem stark gestörten, die Sicherheit beeinträchtigenden Verkehrsfluss komme. „In der Regel ist dies ab etwa 2000 Kraftfahrzeugen pro Stunde der Fall“, sagt Harms.

Laut amtlicher Verkehrszählung betrage die Gesamtbelastung der A7 nördlich der Rader Hochbrücke 39  400 Fahrzeuge, davon 6230 Lkw. Dies bedeute innerhalb von 24 Stunden eine durchschnittliche Belastung von mehr als 1600 Fahrzeugen pro Stunde. Da sich der meiste Verkehr aber tagsüber balle, sei davon auszugehen, dass dann eine Dichte von weit über 2000 Fahrzeugen erreicht werde. Vor wenigen Monaten vom Bund veröffentlichte Zahlen hätten gerade ein deutlich steigendes Verkehrsaufkommen dokumentiert: 27 Prozent plus auf der Rader Hochbrücke und elf Prozent in Höhe Tarp in den letzten fünf Jahren.

Der Geschäftsführer des Verbands für Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung, Thomas Rackow, räumt ein: „Gut, jeder regt sich auf, wenn ein Lkw einen anderen überholt – ich auch.“ Dennoch wirbt er um Verständnis für „Elefantenrennen“: „Jede Minute ist für uns wichtig.“ Jede Verzögerung, die ein Lkw durch ein Überholverbot einfahre, wirke sich auf die Einhaltung der Lenk- und Ruhezeiten aus. Würden sich alle „Brummis“ durch einen Zwang zur rechten Spur am jeweils Langsamsten orientieren, „gäbe es irgendwann auf der rechten Spur einen Stau“. Wenn überhaupt, kann sich Rackow Überholverbote „an besonderen Gefahrenpunkten von einigen wenigen Kilometer Länge“ vorstellen.

Der Sprecher des ADAC Schleswig-Holstein, Ulf Evert, gibt zum SSW-Vorstoß zu bedenken: „Jedes Verbot ist nur so gut wie das Sanktionierungs-Szenario.“ Solange derjenige, der dagegen verstoße, keine ernsthaften Konsequenzen befürchten müsse, werde ein Verbot nicht wirken. Auch wenn ein Pkw-Fahrer dann theoretisch einen überholenden Brummi-Fahrer anzeigen könnte – „wer macht sich denn die Mühe?“ fragt Evert.

Nach Auskunft des Kieler Verkehrsministeriums muss bei Überholverboten für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen grundsätzlich „eine besondere Gefahrenlage“ nachgewiesen werden. Was das genau bedeutet, ist in den einschlägigen Bestimmungen und Empfehlungen für die Straßenverkehrsbehörden nicht in Stein gemeißelt. Grundsätzlich bestätigt Ministeriumssprecherin Birte Pusback Harms’ Einschätzung zur Rechtslage. Sie zitiert aus einer Verwaltungsvorschrift: „Auf zweistreifigen Autobahnen können darüber hinaus Überholverbote – auch auf längeren Strecken – in Betracht kommen, wenn bei hohem Verkehrsaufkommen durch häufiges Überholen von Lkw die Geschwindigkeit auf dem Überholstreifen deutlich vermindert wird und es dadurch zu einem stark gestörten Verkehrsfluss kommt, durch den die Verkehrssicherheit beeinträchtigt werden kann.“ Pusback weiter zum SSW-Vorstoß: „Wenn es gute Gründe gibt, kann man das machen.“ Dazu müsse man den Vorschlag aber genauer prüfen und argumentieren, warum man den Ermessensspielraum für ein Überholverbot in diesem konkreten Fall nutzen kann.“

zur Startseite

von
erstellt am 05.Mär.2017 | 10:46 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen