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Wahlen 2017 in SH : Politik-Nachwuchs setzt auf den Wahlkampf 2.0

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Via Youtube, Snapchat oder Facebook: Wie die Nachwuchsorganisationen versuchen, den Wahlkampf 2.0 zu intensivieren.

Kiel | Nicht alle können Tobias Loose sehen und hören. Der Spitzenkandidat der Jungen Union (JU) Schleswig-Holstein für die Landtagswahl sitzt in einem Zimmer des Hauses des Sports in Kiel und stellt sich rund 30 Mitgliedern der örtlichen CDU vor. Das Publikum ist gemischt, der Raum ist klein, einige Gäste rücken die Stühle näher an die Falttür, um etwas sehen zu können. Es gibt Spezi und Bier, vor den Fenstern hängen feuerfeste Vorhänge. Nebenan klappern einige ältere Damen mit dem Geschirr, es gibt Matjes und Spiegelei, in der Luft hängt der Duft von Bratkartoffeln. All das sieht nicht wirklich modern aus, nicht nach Wahlkampf 2.0. Nur ein kleines Mikro an Looses Revers und die Kamera, mit der Lukas Harten seinen Spitzenkandidaten filmt, verdeutlicht, dass sich auch bei den Jugendorganisationen der Parteien in Schleswig-Holstein ein Großteil des Wahlkampfes im Netz abspielt.

Denn die, die Looses Vortrag über G9 und seine Vorstellungen über die zukünftige Bildungspolitik im Land nicht im Haus des Sports hören, bekommen es wenig später aufbereitet im Netz zu sehen.

Die 3800 Mitglieder starke JU betreibt einen eigenen Youtube-Kanal, auf dem sie sich bekannter machen will. „Wir schneiden die Videos bewusst im Youtube-Style, da soll nicht einer stehen und etwas aufsagen“, erklärt der JU-Landesgeschäftsführer Florian Weigel. Und so kann der Zuschauer sehen, wie Weigel und Loose sich lustige Geweihe aufsetzen und den Schleswig-Holsteinern einen Weihnachtsgruß schicken...

...oder wie die JU vor einer Schule für den Plan des Jugendtickets fürs ganze Land wirkt:

 „Es soll auch etwas semi-professionell aussehen“, sagt Weigel. Jeder könne das Medium nutzen, auch ältere CDU-Politiker. „Es muss nur authentisch wirken.“ Für ihn zählt aber zunächst, dass „wir mehr Inhalte und mehr Schleswig-Holstein bieten als die Jusos“. Denn auch die Jugendorganisationen anderer Parteien versuchen auf allen Plattformen, neue Anhänger zu gewinnen.

Weigel bespielt an diesem Abend auch andere Kanäle, postet bei Instagram Fotos, auch bei Snapchat ist die JU aktiv. Als nächstes wollen sie einen WhatsApp-Newsletter auflegen. Einen kleinen Etat haben sie dafür, aber die Videos, die es für alle Kandidaten geben wird, drehen sie mit Bordmitteln.

Das Gros der Internetkommunikation findet bei Facebook statt, „obwohl das für die Jüngeren schon gar nicht mehr so interessant ist“, sagt Weigel. „Aber viele Leute nutzen es als das Medium der Zeit, auch ältere.“ Deshalb sei die Aktivität der JU in dem sozialen Netzwerk ein Wahlkampf-Schwerpunkt.

Auch bezahlte Werbung werde geschaltet – ein Instrument, das in US-Wahlkämpfen eine große Rolle spielt, weil so genau definierte Zielgruppen angesprochen werden. Auf der Facebook-Seite der Landes-JU sieht man einen mit Hörnern versehenen SPD-Chef und einen aktuellen Kalender, der anzeigt, wie viele Tage es bis zur Landtagswahl noch „runterstegnert“.

Weigel ist 28 Jahre alt und glaubt an diese kleinen Botschaften: „Je mehr wir polarisieren, desto mehr Klicks bekommen wir.“ Einige tausend könnten es schon werden.

„Manche Menschen erreicht man gar nicht mehr anders als übers Netz“, meint Loose. Mittlerweile kommuniziere er als Kandidat für die Landtagswahl zu 50 Prozent digital. Ob sich das in Wählerstimmen umsetzen lässt, das weiß auch bei der JU keiner. Über die sozialen Medien jedoch bewahren sich die Parteien wenigstens die Chance, dass sie noch eine größere Zahl Menschen wahrnimmt. Von einem Internet-Wahlkampf wie ihn Donald Trump in den USA geführt hat, ist das aber noch Lichtjahre entfernt.

Loose tritt in einem Kieler Wahlkreis an, den traditionell die SPD gewonnen hat. Ob die Liste einen CDU-Kandidaten in den Landtag spülen wird, ist unklar. An diesem Abend hören ihm die CDU-Mitglieder in Kiel dennoch aufmerksam zu. Loose kann reden, seit 15 Jahren macht der 32-Jährige Politik für die CDU und die JU. Auch die Gäste, die an der Falttür sitzen, wollen ihn verstehen, Smartphones haben sie alle, ein älterer Mann sagt, er sei auch bei Facebook und „schreibe auch mal was ins Internet“. Seinen Stuhl rückt er noch ein wenig mehr in den Raum. „Denn sehen will ich unsere Leute schon persönlich.“

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erstellt am 13.Mär.2017 | 16:33 Uhr

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