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Kultur

03. Dezember 2016 | 14:49 Uhr

Modellschulen in SH : Zwei Jahre Unterricht auf platt: Wie an Grundschulen geschnackt wird

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Seit zwei Jahren gibt es an Modellschulen im Land Unterricht auf platt – ein Besuch in der Grundschule Hohenaspe.

Sie singen ganz laut: „Moin, moin, leeve Lüüd, wi snackt plattdüütsch hüt“, schallt es aus 26 Kinderkehlen in der dritten Klasse der Grundschule Hohenaspe (Kreis Steinburg). Jede Woche ist dort Plattdeutsch-Zeit, genau wie in 29 anderen Modell-Grundschulen im Land, an denen an zwei Stunden pro Woche niederdeutsch auf dem Stundenplan steht. Ganz vorn singt die zehnjährige Leonie. „Zuhause wurde bei uns nie platt gesprochen. Ich habe das wie eine neue Sprache gelernt“, sagt sie und ihr Lehrer Jan Niemann nickt dazu.

Nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen verstehen 58,7 Prozent der Schleswig-Holsteiner platt gut oder sehr gut. 24 Prozent sprechen dazu niederdeutsch gut oder sehr gut, 25 Prozent mäßig. Vor neun Jahren sprachen noch 26,6 Prozent der Schleswig-Holsteiner gut oder sehr gut, 25,7 Prozent mäßig. Die Zahl derjenigen, die platt verstehen ist jedoch um rund neun Prozent-Punkte gesunken.

So wie in Hohenaspe lernen insgesamt rund 2000 Kinder in Schleswig-Holstein platt – und das Angebot wächst mit, für alle neuen ABC-Schützen bis zum Schuljahr 2017/18 steht ebenfalls niederdeutsch auf dem Stundenplan. „Das wird gut angenommen, wir haben noch viele weitere Schulen, die gern mitmachen würden“, sagt Marianne Ehlers, Referentin für Niederdeutsch beim Schleswig-Holsteinischen Heimatbund. Dazu gebe es viele Schulen, die ohne weitere staatliche Hilfe Plattdeutsch-Angebote machen – sei es im Unterricht oder in Arbeitsgemeinschaften. Ehlers' Ziel ist es jedoch, dass Kinder in Schleswig-Holstein platt von der Kita bis zur Uni lernen können. „Der Plan ist schon, dass die Schüler ihr Abitur auch auf platt ablegen können“, sagt Ehlers.

Davon sind die Schüler in Hohenaspe noch weit entfernt – für Lehrer Jan Niemann sogar ein Vorteil. „Wir haben hier nicht den Leistungsdruck wie in anderen Fächern – da kann man auch mal kreativer in den Unterricht gehen“, sagt der 41-Jährige. Wie wichtig gute Lehrer sind, weiß er aus eigener Erfahrung. Denn wie bei Leonie waren seine Eltern zwar des Plattdeutschen mächtig, sprachen es aber nicht mit ihm. „Das hielt man irgendwie für uncool – und so gehöre ich zu der verlorenen Generation, die das als Kind nicht richtig gelernt hat.“ Dabei habe er platt immer gemocht.

Doch erst als er als junger Halliglehrer 2003 auf Langeneß anfängt, braucht er es. „Da wäre ich sonst nur schwer klar gekommen“, sagt Niemann. Der Bürgermeister und der Halligpostbote sind seine Lehrer. „Und nach einem Jahr konnte ich schon gut mithalten.“

Seit 2009 unterrichtet der gebürtige Kellinghusener nun in Hohenaspe – inszeniert dazu Theaterstücke, produziert einen Podcast fürs Internet oder bringt den Kindern Halloween-Verse bei – alles auf platt. Immer mit dabei: Waltraud Mügge. Die 81-Jährige unterstützt Niemann als ehrenamtliche Sprachpatin. „Ich habe als Kind gar kein Hochdeutsch gekonnt, sondern das erst in der Schule lernen müssen. Heute ist das anders: Die Masse kann kein Wort platt.“ Mügge stört, dass niederdeutsch ein schlechtes Image hatte. „Eine Zeit lang galt jeder, der platt sprach, als doof“, sagt Mügge, die mit den Kindern kleine Rollenspiele übt – und ihnen zeigt, wie sie etwa mit plattdeutschen Vokabeln ein Undeert (Untier) beschreiben können. Doof ist das nicht.

Und die Kinder lernen von ganz allein, auch wenn sie wie Leonie zuvor noch nie ein Wort gesprochen haben. „Das Ziel ist, dass die Kinder am Ende des vierten Schuljahres platt verstehen und einfache Sätze formulieren können“, sagt Jan Niemann. So wird auch ein Stück norddeutsche Kultur wiederbelebt.

Damit das weiter gefördert wird, hat die Regierung in ihrem Handlungsplan Sprachenpolitik festgelegt, dass es einen geschlossenen Bildungsgang geben soll. „Deshalb brauchen wir auch eine Fortführung des Plattdeutsch-Unterrichtes an weiterführenden Schulen“, fordert Marianne Ehlers. Andernfalls drohten die guten Ideen im Ansatz steckenzubleiben.

Noch ist unklar, wie es weiter geht. „Wir sind noch in der Konzeptionsphase zur Frage, wie der Handlungsplan Sprachenpolitik umgesetzt wird“, heißt es aus dem Bildungsministerium von Britta Ernst (SPD). Allerdings sei das Konzept, mit dem man erstmals den Ansatz eines systematischen Spracherwerbs des Niederdeutschen wie man es von den Fremdsprachen her kenne, gut nachgefragt.

Dass die Initiative erfolgreich ist, glaubt auch Marianne Ehlers. Sie verweist auf eine neue Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen nach der sich die Zahl derjenigen, die in Schleswig-Holstein platt sprechen oder verstehen, stabilisiert hat. „In den 20 Jahren davor hatte sich die Zahl der Plattsnacker halbiert – insofern sind die neuen Ergebnisse eine gute Nachricht.“ Für sie ist klar, dass „platt ein ganz anderes Image bekommen hat. Heute sagt keiner mehr, dass man erstmal hochdeutsch lernen soll, denn es hat sich rumgesprochen, dass frühe Mehrsprachigkeit ein Vorteil ist, und dass man schneller englisch lernt, wenn man schon platt kann.“

Den Kindern in Hohenaspe macht das auf jeden Fall Spaß. Und für Halloween sind sie bestens mit Sprüchen ausgerüstet. „Es wäre natürlich toll, wenn die Kinder die auch anwenden würden“, sagt Jan Niemann. Leonie will es auf jeden Fall versuchen. Und bei ihr zu Hause hat das Niederdeutsche auch schon Einzug gefunden. „Mit Papa schnacke ich jetzt manchmal platt.“

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erstellt am 20.Okt.2016 | 15:55 Uhr

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