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Kultur

24. Juli 2016 | 04:52 Uhr

Schleswiger Archäologen rekonstruieren verlorene Sammlung

vom

SCHLESWIG/BERLIN | Als der Bürgermeister im vorpommerschen Demmin 1946 auf dem Dachboden seines Hofs seltsame Gegenstände fand, stand sein Urteil schnell fest: Es handle sich um "Gelumpe", urteilte der Mann. Ein Irrtum: Tatsächlich hatte er Fundstücke aus der vor- und frühgeschichtlichen Sammlung des "Prussia-Museums" im ehemals ostpreußischen Königsberg in der Hand, die zum Kriegsende gen Westen gebracht worden waren. So blieben die Dolche, Spangen oder Ringe zwar erhalten - doch alles Wissen über ihren Hintergrund und Fundort war verloren.

Mittlerweile ist das "Gelumpe" auf rund 50 000 Objekte gewachsen und befindet sich im Besitz des Berliner Museums für Vor- und Frühgeschichte der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Unklar ist jedoch noch immer, woher genau die meisten der Stücke stammen. Um das herauszufinden, hat sich das Berliner Museum mit dem Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie (ZBSA) der Schleswiger Landesmuseen zusammengetan. Die Forscher wollen gemeinsam mit Kollegen aus Russland, Polen und Litauen die alte Königsberger Sammlung wiederherstellen und Ausgrabungen für neue Funde starten. Gestern stellten die Direktoren das Mammutprojekt in Berlin vor.

"Unser Ziel ist es, das Archiv einer ganzen Provinz zu rekonstruieren", sagte der Berliner Museumsdirektor Matthias Wemhoff. Am Ende solle ein "archäologischer Atlas für Ostpreußen" stehen. Sein Schleswiger Kollege Claus von Carnap-Bornheim verdeutlichte den Umfang der Detektivarbeit: "Wir werden nicht nur in Archivalien stöbern und am Rechner sitzen, sondern 2500 Ausgrabungsstätten systematisch aufsuchen." Die Gegend um Königsberg gilt als eine der fundreichsten in Europa und ist für Carnap-Bornheim kein Neuland: Zwischen 2006 und 2012 war er schon bei einem Projekt in der Region dabei. Dass er und das ZBSA dort nun gemeinsam mit den Berliner Kollegen und gefördert von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur forschen können, sei für ihn "wie ein Aufstieg in die Champions League".

Tatsächlich ist das Projekt etwas besonderes: Es ist eines von nur sieben, das die Akademie unter 200 ausgewählt hat, es wird 18 Jahre lang gefördert und bekommt insgesamt 6,2 Millionen Euro - die Hälfte davon vom Bund, die andere Hälfte vom Land Schleswig-Holstein. Zudem erhielt Carnap-Bornheim gestern noch eine Art Ritterschlag von Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Der gab nicht nur die Bürgermeister-Anekdote von 1946 zum Besten, sondern lobte auch das 2008 gegründete ZBSA ausdrücklich: "Das Zentrum hat sich schon nach wenigen Jahren als sehr, sehr wichtiger Aktivposten der deutschen Forschung im baltischen und skandinavischen Raum etabliert", sagte Parzinger.

Bei so viel Lob und Erfolg hofft Carnap-Bornheim auch auf Rückenwind für ein weiteres Ziel: Er will mit dem ZBSA in die renommierte Leibnizgemeinschaft aufgenommen werden. Das würde die Finanzierung des Zentrums dauerhaft sichern und das Ansehen weiter steigern.

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erstellt am 18.Apr.2013 | 03:59 Uhr

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