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Kultur

09. Dezember 2016 | 06:53 Uhr

Kommentar : Passt ein moderner Anbau zu Schloss Gottorf? Zwei Meinungen

vom

Der geplante Anbau am Schloss Gottorf in Schleswig sorgt für Kontroversen. Ein Pro und Contra.

Das Landesmuseum Schloss Gottorf in Schleswig hat am Donnerstag über den rund 30 Millionen Euro teuren geplanten Umbau informiert - und hatte bereits im Vorfeld für Diskussionen gesorgt. Der Grund: Der Anbau aus Glas an den Ostflügel des Schlosses ist sehr modern und trifft nicht jeden Geschmack. Auch unsere Autoren haben verschiedene Meinungen:

Pro – Alf Clasen, Leiter der Schleswiger Redaktion

Wenn Moderne auf Historie trifft, sind Konflikte programmiert. So verwundert es auch nicht, dass viele Menschen zunächst einmal erschrocken sind von den Plänen auf Schloss Gottorf. Darf man einen futuristisch anmutenden Glas-Anbau an eine historische Fassade andocken? Die Antwort lautet: Ja, man darf.   Zumindest dann, wenn dabei der Blick auf die barocke Hauptfassade im Süden der Schlossinsel nicht beeinträchtigt wird. Und das ist nicht der Fall.

Schloss Gottorf ist in seiner wechselvollen Geschichte  Herzogsitz gewesen, später Lazarett und Kaserne. Seit rund 70 Jahren beherbergt es Schleswig-Holsteins bedeutendste Landesmuseen. Mit dieser Entwicklung gingen stets bauliche Veränderungen einher. Ein Schloss aus einem Guss – das gibt es in Schleswig nicht. Und so ist es keineswegs verwerflich, Gottorf im 21.Jahrhundert architektonisch weiterzuentwickeln. Zumal an einer zugigen Ecke, in der das Bauwerk über Jahrhunderte unvollendet geblieben ist und wo heute lieblos Autos parken. Der Glasanbau hebt sich dabei ganz bewusst von dem historischen Bestandsgebäude ab – so wie es in solchen Fällen auch die Denkmalschützer fordern. Der Charakter des Schlosses bleibt gleichwohl erhalten.

Wer sein historisches Erbe bewahren will, muss die betreffenden Institutionen zukunftssicher machen. Gottorf ist in seiner jetzigen Form verstaubt und schon lange nicht mehr zeitgemäß. Der Anbau als neues Zentrum verschafft dem Schloss endlich auch die räumlichen Voraussetzungen, um als Museum dauerhaft erfolgreich sein zu können. Die Geldgeber in Bund und Land haben diese Chance erkannt.

Contra – Dieter Schulz, Ressortchef  der  SH-Magazin-Redaktion und Leiter der Redaktion Schleswig-Holstein am Sonntag

Ja, es stimmt: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und in meinen Augen gehört zur Schönheit eines Gebäudes eben auch der Raum drum herum. Ob es ein harmonisches Ensemble ist und sich die Proportionen des Hauses in die Umgebung einfügen – oder nicht. Und in dieser Hinsicht waren die alten (Bau)Meister wahre Meister. Wer in der benachbarten Landeshauptstadt Schwerin von der Anhöhe des alten Offizierskasinos auf die Schlossinsel geblickt oder in Pillnitz die Sommerresidenz der sächsischen Könige bestaunt hat, weiß um die Wirkung von Sichtachsen und den Zauber in sich geschlossener und von späteren Anbauten verschonten Anlagen. Und ganz ehrlich: Wo – außer bei der gläsernen Pyramide vor dem Pariser Louvre – ist die modernistische Ergänzung eines altehrwürdigen Gebäudes wirklich gelungen? 

Der heftige Gegenwind für den futuristischen Glas-Beton-Winkel auf Schloss Gottorf hat aber eine ganz andere Ursache als das subjektive Empfinden Einzelner. Die Bürger in Schleswig, die Bürger im ganzen Land sind es leid, sich von vermeintlichen Eliten oder Multiplikatoren vorschreiben zu lassen, was sie als schön zu empfinden haben und was nicht. Genauso wenig, wie die Menschen sich klaglos vorschreiben lassen, was sie zu schaffen oder gar als alternativlos hinzunehmen haben. Das Gefühl „die da oben“ kommt nicht von ungefähr, der mündige Bürger will überzeugt, will mitgenommen werden, wie es heute so schön heißt. Und das wiederum ist wirklich schön, wenn auch mühsam. Doch gerade diese Mühen öffnen die Augen für mögliche Alternativen. Und welcher Ort in Schleswig-Holstein, wenn nicht Gottorf, wäre dieser Mühen wert? 

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erstellt am 18.Nov.2016 | 06:21 Uhr

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